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Ausgabe März 2013
Das bittersüße Unerreichbare. Von Wolfgang Wiesmann


Der amerikanische Autor C. S. Lewis (1898-1963) widmete sich in seinen Werken dem Thema Sehnsucht. An einer Stelle spricht er von untröstlichem Verlangen nach etwas, was wir nicht kennen. Lewis definiert nicht, nach was sich der Mensch sehnt. Dieses mysteriöse Geheimnisvolle wird hier zum Gegenstand der Erörterung gemacht. Es wird ein konkreter Vorschlag unterbreitet, den, wenn man ihn mitnimmt in sein Sehnen, den Vorhang tatsächlich ein bisschen lüftet.
Das Sehnen nach Liebe, Heimat, Ferne, der Geliebten geschieht zwischen zwei Polen. Es existiert eine Kluft, auf der einen Seite ein Bedürfnis, auf der anderen dessen Befriedigung.
Möchte man eine Kaffeemaschine kaufen und das Produkt der Wahl ist nicht zu haben, drückt sich die Nichtbefriedigung des Wunsches als Enttäuschung aus. Fall erledigt, kein Sehnen.
Die Geliebte, die für sechs Monate in einen Aschram nach Indien geht, wird am ersten Tag nicht sehnlichst vermisst. Da ist ein Gönnen, das kein Sehnen zulässt. Allerdings könnte sich das Blatt nach ein paar Tagen wenden. Wenn er sie sehr vermisst und noch fünf Monate Wartezeit vor ihm liegen, wird sein Wünschen zum Sehnen. In das Gefühl mischt sich Schwermut ein, ein Ertragen müssen, ein Fügen, weil nichts daran zu ändern ist.

Sehnen hat etwas Langfristiges und etwas Unabänderliches.

„Ich sehne mich nach einem Kuss von dir“, sagt sie durchs Telefon, obwohl sie ihn morgens schon mehrfach geküsst hat. Hier fällt das Langfristige flach. Da geht’s um die Betonung eines Gefühls. „Ich wünsche mir einen Kuss von dir“ hat längst nicht die gleiche Aussagekraft. Sie hat das Wort Sehnen gewählt, um damit ihrer Gefühlsübermittlung Nachdruck zu verleihen. Sehnen ist ein starkes Gefühl.

Da ist was Positives
Sehnen zielt nicht auf die Erfüllung eines Wunsches ab, sondern auf die Wahrnehmung eines Bedürfnisses, das bereits wehtut. Heimweh ist die Sehnsucht nach Zuhause. Liebeskummer beschreibt die Sehnsucht nach der entschwundenen Geliebten. Sehnsucht hat etwas Endgültiges, Unerreichbares, Einsames.
Die Stärke des Gefühls erklärt sich aus dem fortwährenden Wunsch nach Erfüllung und der Aussichtslosigkeit dieser Erfüllung. Die Kluft besteht demnach aus dem starken Gefühl der aussichtslosen Befriedigung eines längerfristigen Bedürfnisses.
Das Gefühl hat eine schmerzliche Komponente, die sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen Verlangen und Nichterfüllung ergibt, wobei mitschwingt, dass dieser Zustand nicht zu ändern ist. Das erklärt die Schwermut und im Allgemeinen den Weltschmerz.
Aus der Sehnsucht lässt sich allerdings auch eine sehr feine, positive Note herausfühlen. Es scheint, dass darin die wahre Herkunft der Sehnsucht verborgen liegt. Um diesen Sachverhalt zu erörtern, muss zunächst auf eine mögliche Interpretation eingegangen werden, in der es auch um etwas Positives geht, was aber nicht mit dem Positiven des Sehnens verwechselt werden darf.
In dem Moment, in dem das Ziel bewusst wird, wie beispielsweise die Geliebte, das Zuhause, der Freund, die Heimat kommen erfreuliche Gefühle auf. Hier gilt es sauber zu unterscheiden. Gehören diese Gefühle mit zur Sehnsucht oder sind das positive Empfindung für das vermisste Zielobjekt?
In dem Moment, in dem das Ziel wieder aus dem Bewusstsein verschwindet, kommen die Schwermut und das Schmerzliche der Sehnsucht zurück. Es ist höchst wahrscheinlich, dass die Sehnsucht als Gefühl nicht rein positiv sein kann. Sollte ein positives Gefühl wie zum Beispiel Freude aufkommen, hat das mit Sehnsucht nichts zu tun. Das hier gesuchte Positive steckt verborgen und verschmolzen im Gefühl der Sehnsucht, quasi als Hintergrundstimmung.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Sehnsucht ein Gefühl ist, dem ein Trennungszustand (Kluft) zugrundeliegt, in dessen Tiefe sich aber etwas Positives befindet. Um dieses geheimnisvolle Positve zu entdecken, wird gefragt, warum das Sehnen etwas mit Sucht zu tun haben soll.

Der Suchtfaktor
Sehnsucht bremst andere Gefühle aus und führt dadurch zur Vernachlässigung einer ausgeglichenen Gefühlswelt. Es kann einen Exklusivanspruch auf das Gefühlsleben erheben, wodurch es in gewisser Weise einen Suchtcharakter bekommt. Dennoch ist es höchst interessant, dass ein Gefühl wie das Sehnen mit Sucht gekoppelt sein soll. Normalerweise führen Drogen zur Sucht. Spielen, Sex und Arbeit können auch süchtig machen. Was ist das Spezielle der Sehn-Sucht?
Die Trennung von der Geliebten, der Droge, dem Spielen würde ein Sehnen auslösen, das mit Abhängigkeit in Verbindung steht. Deswegen wird das Sehnen selber aber nicht zur Sucht. Menschen sehnen sich nicht, weil sie abhängig von Schwermut sind. Dennoch ist da ein wiederkehrendes Verlangen, die Sehnsucht zu empfinden. Das Spezielle der Sehnsucht scheint in einer Art ungesättigtem Verlangen nach der Nähe des Gefühls zu liegen.
Hinter jeder Sucht stehen außer erblichen und frühkindlichen Prägungen Verlustängste. Jede Sucht bedeutet in ihrer direkten Konsequenz Verlust von Gesundheit, Bewusstsein oder Würde. Diese Verluste symbolisieren wiederum solche Verluste, die früher im Leben erlitten wurden. Da kommen vor allem der Liebesentzug durch die Eltern und die Ausgrenzung innerhalb empfindlicher Phasen der sozialen Integration infrage. Die Flucht aus solch bedrohlichen Situationen kann zu einer Reihe von charakterlichen Veränderungen führen, die sich ein Lebenlang niederschlagen.

Der Fremde in mir
Der Mensch nimmt Verhaltensweisen und Identitäten an, die nicht zu seiner wahren Natur oder seinem wahren Ich (Selbst) gehören. Das führt auf lange Sicht zu Konflikten, weil sehr viel Energie darauf verwendet wird, diese künstlich angenommenen Persönlichkeitsmerkmale zu sichern und auszubauen. Sie haben die Funktion übernommen, die Person vor weiteren Verletzungen zu schützen.
Dadurch entsteht ein erhöhtes Schutzbedürfnis dieser Persönlichkeitsmerkmale. Kommt es in einer Beziehung oder im sozialen Umfeld zu Angriffen auf diese Merkmale, reagiert der Mensch mit Abwehr. Vor diesem Hintergrund spielen sich die meisten Konflikte und Beziehungstragödien ab.
Wichtig ist die Tatsache, dass sich diese Umständen zwar ändern lassen, aber nur langfristig. Das süchtige Sehnen versteht sich aus diesem Blickwinkel als wiederkehrender Versuch, wenigstens ein bisschen in die Nähe einer Überwindung der falschen Identitäten zu gelangen. Diese Nähe zum Vorhang, hinter dem sich die Auflösung der Trennung verbergen könnte, ist verlockend, was wohl auch das Besondere des Gefühls der Sehnsucht ausmacht.
Die Komponente der Schwermut basiert auf dem Grund, dass der Mensch sein Selbst nicht voll erkennen kann, sich fremd bleiben wird, nie perfekt und ganz sein kann. Dieses fortwährend Unerreichbare in ihm selbst besitzt magische Anziehungskräfte. Es möchte gesucht werden. Das Sehnen erfährt so den Anstrich des Suchthaften – kein Ende in Sicht und immer wieder kommt das Verlangen.

Der Traum vom Glück
Menschen empfinden Sehnsucht, ohne dabei etwas Bestimmtes im Sinn zu haben. Dieses scheinbar ziellose Sehnen kann als melancholisches Erdulden der inneren Trennung verstanden werden. Trotz der Unerreichbarkeit liegt das Ziel so nah und nur das Sehnen reicht als Gefühl in diese verborgene innere Welt, die man immer wieder spüren möchte.
Dass der Mensch nicht konfliktfrei mit sich und der Welt leben kann, hat auch Konsequenzen für die Liebe, die ihm deshalb nicht voll und ganz zur Verfügung steht. Er spürt, dass es diese grandiose Liebe gibt und auch das Glück, nach dem er sich immer sehnt. Beide sind in ihm, aber scheinbar nicht greifbar
Dass es kurzfristig keine konfliktfreie Liebe zwischen den Menschen geben kann, kommt einem Fluch gleich. Das intensive Gefühl des Sehnens nimmt den Fluch hin, sieht aber gleichzeitig - wie in einem fernen Traum - die Schönheit eines ganzheitlichen und friedlichen Lebens. Alle Sorgenlast zu verlieren, das Fremde an der eigenen Persönlichkeit abzuschütteln und konfliktfrei lieben zu können, entspricht dem tief im Menschen verwurzelten Sehnen nach Ganzheit, in der alle Trennungen aufgehoben sind. Dieser Zustand entspricht der Bedeutung des Wortes Liebe, die sich tief im Sehnen verbirgt. Sie ist das geheimnisvolle Positive.
Das sehnsüchtige Einfühlen in den inneren Trennungszustand hat etwas Bittersüßes, wobei in der Süße die gesuchte positive Note der Liebe liegt. Dort tief innen verbirgt sich die Liebe, eine Liebe, die vorhanden ist, nur eben unerreichbar, aber doch da ist. Die Trennung von dieser Liebe ist gleichbedeutend mit der Trennung vom Selbst, dem eigentlichen wahren Zuhause des Menschen. Das künstliche Ich und das unerreichbare Selbst können nur durch die Liebe versöhnt werden. Sehnen ist die bittersüße Sucht, sein Selbst, das so nah und doch so fern ist, endlich uneingeschränkt lieben zu dürfen.


Der Autor Wolfgang Wiesmann, Jahrgang 53, Dipl. Ing. und später Lehrer wanderte 2000 mit seiner Familie nach Irland aus. Nach dem Studium der traditionellen chinesischen Medizin arbeitet er als holistischer Therapeut und schreibt auch Bücher (Hansi und Lilo, eine Parabel).


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