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Ausgabe März 2013
Finde deinen Partner; Die Sehnsucht nach lebendigen Beziehungen erfüllen. Von Jochen Meyer


In einer Großstadt wie Berlin sind viele Menschen auf der Suche nach einem passenden Partner. Die Sehnsucht nach erfüllenden Liebesbeziehungen ist groß. Wenn ich mit Singles, die in meine Veranstaltungen kommen, über ihre Wünsche und Bedürfnisse spreche, so spüre ich eine tiefe Sehnsucht nach echtem Miteinander und nach wirklicher Verbundenheit. Doch es zeigt sich auch, dass viele Singles nicht wissen, wie sie den ersehnten Qualitätssprung in ihrer nächsten Beziehung erreichen können.
Es gibt Phasen im Leben, in denen es sinnvoll ist, Single zu bleiben: Zum Beispiel nach einer Trennung oder wenn gerade ein anderes Lebensthema im Mittelpunkt steht. Wer sich aber eine neue Liebe wünscht, für eine neue Beziehung scheinbar offen ist, keinen neuen Partner findet und an seinem Single-Sein leidet, ist aufgefordert, genauer hinzuschauen. Singles, die zu mir ins Coaching kommen, lade ich in solchen Fällen ein, nach selbstgeschaffenen Single-Fallen zu fahnden: Was tust du dafür, Single zu bleiben? Wie schaffst du es, dein Leben so einzurichten, dass du so wenige interessante Frauen beziehungsweise Männer kennenlernst? Wie erreichst du es, dass deine Verabredungen zu nichts führen oder dass du regelmäßig „ungeeignete Kandidaten“ an Land ziehst? Längere Zeit erfolglos suchender Single zu bleiben, ist eine Leistung. Dafür muss man etwas tun, auch wenn dieses Tun möglicherweise von unbewussten Kräften gesteuert wird. Ich frage dann: Was für eine „Intelligenz“ ist da am Werke? Was in dir richtet sich gegen deine „offizielle“ Absicht, dich neu zu verlieben? Was in dir verhindert, dass du dir deine Sehnsucht nach einer glücklichen Beziehung erfüllst? Mich interessiert, welche Gedanken, Gefühle, inneren Bilder und Glaubensmuster dabei leitend sind.
Viele Singles, die längere Zeit allein leben, beginnen an sich und ihrer Beziehungsfähigkeit zu zweifeln. Wenn sie dann noch Rückschläge erleben und einfach keinen geeigneten Partner finden, verlieren sie irgendwann die Zuversicht und den Glauben an ihr mögliches Glück in der Liebe. Manche resignieren und geben auf. Wenn Singles ihre Partnersuche so erleben, sind sie dabei nicht inaktiv. In ihrem Inneren sind sie sogar höchst aktiv: Sie erzählen sich permanent Geschichten über sich selbst. Zum Beispiel, dass sie offenbar nicht liebenswert sind, nicht attraktiv genug, dass immer, wenn sie schon mal ausgehen, ausschließlich uninteressante Typen auftauchen, dass alle guten Frauen vergeben und dass es echte Männer heutzutage sowieso nicht mehr gibt. Auch wenn es sich oft weniger holzschnittartig anhört: Singles, die sich solche Geschichten erzählen, schaffen sich eine Single-Identität und „konstruieren“ eine Wahrnehmung, bei der sie als Erfolglose oder Ohnmächtige dastehen – nichts scheint mehr zu helfen. Diese Geschichten sind ihre originäre Leistung. Sie verdeutlichen ihr Bild von der Realität, aber nicht „die“ Realität. Sie sagen wenig über die Wirklichkeit, aber viel über die jeweilige Person und ihre Art, die Dinge zu sehen.
Wer fähig ist, sich Gedanken über sich zu bilden und sie mit Energie aufzuladen – in diesem Fall mit negativen Gefühlen – hat auch das Potenzial, sich andere Gedanken über sich zu bilden. Meist hat er nur gerade keinen Zugang zu dieser Möglichkeit. Deshalb frage ich meine Klienten: „Könntest du auch anders von dir denken? Könntest du eine angemessenere Wahrnehmung von dir und deiner Situation als Single zulassen? Wie müsstest du von dir denken und wie müsstest du dich fühlen, damit du eine positive Realität erzeugst und die von dir erwünschte Wirklichkeit ‚konstruierst’?“
Der erste Schritt, sein Verhältnis zu sich zu verändern, besteht darin, zur gegenwärtigen Situation und somit auch zum Single-Sein „Ja“ zu sagen. Dazu gehört auch, die eigenen Sabotagemechanismen anzuerkennen und sie freundlich zu begrüßen. Doch das ist oft gar nicht so einfach:
Wenn du feststellst, dass du schlecht von dir denkst und dir ein negatives Selbstbild zugelegt hast, willst du das jetzt wahrscheinlich möglichst schnell weghaben. Es geht jedoch nicht darum, negative Gedanken durch positive zu ersetzen – wir können uns positive Gedanken und Gefühle nicht einfach „einreden“. Erst einmal gilt es, die unerwünschten Seiten anzunehmen und sie sich genauer anzuschauen. Ist es nicht interessant, wie du es immer wieder schaffst, dich davon zu überzeugen, dass du als Single unerwünscht bist, keine(n) mehr abkriegst oder nicht attraktiv genug bist? Welche Stimmen werden da in dir aktiv und welchen Botschaften glaubst du, wenn du dir solche Geschichten erzählst?

Wir haben ganze Heerscharen von Richtern, Kritikern und Miesmachern in uns, die uns verurteilen und ausbremsen.

Ist das aber nicht zugleich auch ein unglaublicher Reichtum an Kräften und Möglichkeiten? Denn all diese Anteile erfüllen im Innern unseres seelischen Gesamtsystems wichtige Aufgaben. Mein innerer Zweifler beispielsweise nervt mich zwar mit seinen ewigen Einwänden, sorgt aber auch dafür, dass ich nicht „größenwahnsinnig“ werde. Es geht also nicht darum, ihn loszuwerden, sondern dahin zu kommen, dass er für mich arbeitet und mit den bestärkenden Anteilen in mir kooperiert.
Diese zu entdecken, ist ein weiterer wichtiger Schritt: Zum Glück besteht unser Inneres nicht nur aus Saboteuren, Spaßbremsen und anderen Spielverderbern; es gibt auch jede Menge Helden und Lichtgestalten. Sie zum Leben zu erwecken, ist extrem spannend. In meinen Coaching-Gruppen können Singles all diese inneren Figuren erforschen. Welche Kräfte boykottieren dich, wenn du einen Flirt beginnen möchtest? Und wer in dir ist fähig, einen Fremden anzusprechen, obwohl du dich unsicher fühlst? Welche Anteile befähigen dich, in Kontakt zu gehen, und welche behindern dich dabei? Es kann sehr befreiend sein und Spaß machen, sich spielerisch-forschend durch diese verschiedenen Qualitäten hindurchzubewegen; mal als Ängstliche und mal als Mutige, mal als ewig Verschmähter und mal als Heissumschwärmter, mal als Mauerblümchen und dann wieder als Vollweib, mal als schüchterner Verehrer und mal als Draufgänger. Gerade diejenigen Anteile, die wir ablehnen oder uns selbst verbieten, eröffnen oft unglaubliche Möglichkeiten. Auf einmal entdeckst du, aus welchen inneren Motiven heraus du auf andere zugehst. Und erkennst, wie du statt dessen lieber auf andere zugehen möchtest. Zwischen all diesen Facetten lernst du unterstützende Archetypen kennen wie Jäger, Krieger, König oder Visionär und Freiheitskämpfer. Du kannst gesunde Selbstanteile entdecken und Zugang zu deinem unkonditionierten Selbst finden, der Quelle der Freiheit und wirklichen SELBST-Bewusstseins.
Durch Übungen wie diese können wir ein kraftvolles inneres Team bilden, das uns durch herausfordernde Situationen trägt. Wer mit seinen inneren Selbstanteilen vertraut wird, erkennt, dass er mehr ist als seine Sabotageagenten. Und wird irgendwann entdecken, dass er selbst entscheiden kann, mit welcher Seite er sich verbinden möchte. Mit der Zeit können wir zum Chef unserer inneren Stimmen werden. Wir können lernen, unsere ganzen Ichs zu koordinieren und uns immer mehr in den erwünschten Zustand zu bringen. Ganzwerdung bedeutet, die Schattenseiten zu integrieren anstatt sie zu verbannen: Wenn wir zwischen erwünschten und unerwünschten Seiten hin- und herpendeln können; wenn wir entdecken, dass wir manchmal sogar zwischen ihnen navigieren können, werden wir uns andere Geschichten über uns selbst erzählen. Wir werden immer mehr zum Autor unserer eigenen Erfolgsstory. Unsere Sehnsucht nach einer glücklichen Partnerschaft kann sich erfüllen, wenn aus unserer inneren Chaotentruppe ein starkes Team wird und die einzelnen Mitglieder beginnen, partnerschaftlich miteinander zu leben.


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.


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