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Ausgabe März 2013
Die Sehnsucht nach Berührung. Von Marietta Johanna Schürholz

Sie altert nicht: Eigentlich verjüngt sie sich und wächst.

Bei meinem Vater, der 89 wird und dessen Kurzzeitgedächtnis fast ganz verschwand, ist es unverkennbar. Früher haben wir uns kaum oder nur routiniert berührt. Heute, wenn ich ihm eine Massage anbiete, dann erinnert er sich eine halbe Stunde später noch und wartet auf die in Aussicht gestellten Berührungen! Alles andere hätte er sofort vergessen.
Je älter und unter Umständen auch je weiser wir werden, desto größer scheint unsere Bereitschaft zu sein, dem Elementarsten wieder Raum zu geben.
„Berühre den Menschen - du wirst glücklich“, schrieb der 1995 verstorbene Bildhauer Thomas Lehnerer mit zitternder Hand auf ein kleines Blatt kurz vor seinem Tod. Wir wissen alle worum es geht. Aber unser kollektiver Berührungskörper ist geschrumpft. Ängstlichkeit umgibt uns, Berührung ist das Privileg weniger. Wirkliche Berührung, so wie wir sie tief im Innern erinnern, ist ohne Erwartung. Sie meint uns, verlangt kein Gegenstück und lässt uns zu.
Auf der Documenta in Kassel begegnete ich Yatro Werner, die Menschen ansprach, meist Paare, und sie einlud, ihre Hände zu einem klassischen Gebetsmudra zusammen zu führen. Dann machte sie ein Foto. Ihre Erfahrung beschreibt die Künstlerin: „Ich wollte herausfinden, was passiert, wenn sich zwei Menschen in einer ganz bestimmten Weise berühren, egal in welcher Verfassung sie sind. Erstaunlich fand ich, dass fast alle dafür offen waren. Und immer gab es zwei magische Momente: Der eine, als die Hände sich berührten, da entspannte sich die gesamte Körperstruktur der Beteiligten. Plötzlich war etwas anders als zuvor. Und der andere Moment: Als sie das Foto sahen, das ich von ihnen gemacht hatte. Alle freuten sich, egal wie sie auf dem Bild aussahen. Das war mir vollkommen unerklärlich.“
Yatro Werner ist Künstlerin in Sachen Berührungskultur und Leiterin eines großen Tantra Instituts. Die grundlegende Erfahrung ihrer jahrzehntelangen Arbeit lautet: Die körperliche Berührung ist der absolute Schlüssel. Wenn männliche und weibliche Kräfte die Kraft der Harmonie verstehen, haben sie ein unglaubliches Potential.

„Jedes Bedürfnis deines Körpers ist heilig. Warum willst du bis zu deinem Tod warten, um diese göttliche Wahrheit zu erkennen?“ Hafiz, Because of Our Wisdom

Jede Berührung, so sie mit Bewusstheit und Achtsamkeit gelebt und erlebt wird, verwandelt uns, sofort, von jetzt auf gleich. Es findet eine vollkommene Umorientierung aller Zellen statt. „Er nahm meine Hände in die seinen, als hielte er eine verletzte Taube, und das mit so viel liebevoller Fürsorge, dass es mir wie ein Stromstoß durch alle Fasern fuhr und sich sämtliche Flaumhärchen sträubten.“ Die Rede ist von einem venezianischen Handschuhverkäufer. Und die Flaumhärchen gehören Isabelle Allende, die in ihrem Buch „Aphrodite“ versucht, sich jener Erfahrungen zu erinnern, die vielleicht etwas mit der altindischen Praxis des Tantra gemeinsam haben.

Berührung ist ein Wunder, ein gewöhnliches und ein außergewöhnliches.

Häufig entgeht es uns, weil wir darüber hinweg leben, es untergehen lassen in ritualisierten Abläufen, als ob es `unheimlich´ intim werden könnte, wenn wir uns tatsächlich einlassen in das, was Rumi den Kuss nennt, den wir mit unserem ganzen Leben wollen: „the touch of spirit on the body“ .... die Berührung des Körpers durch Geist. Diese alten Sufiseelen haben in schöne Verse gefasst, was uns mit flammender Aktualität einholt.
Es ist Zeit für eine neue Berührungskultur, die das Wagnis eingeht, im Jetzt zu verweilen.

Yatro Cornelia Werners Kunstprojekt ist auf www.skydancingtantra.de/10-0-SkyLounge.html) dokumentiert.

Einen Kuss, den wollen wir mit unserem ganzen Leben
Es gibt einen Kuss, den wollen wir mit unserem ganzen Leben, den Hauch von Geist auf unserer Haut.
Meerwasser bettelt, dass die Perle ihre Schale öffnen mag.
Und die Lilie, wie leidenschaftlich sehnt sie sich nach einem wilden Liebsten!
Nachts öffne ich das Fenster und bitte den Mond zu kommen, sein Gesicht gegen das meine zu drücken. Atme in mich hinein. Schließ die Sprachtür und öffne das Liebesfenster. Der Mond wird die Tür nicht brauchen, nur das Fenster.


Rumi - The Book of Love, übersetzt v. C. Barks, NY 2003, S. 33, ins Deutsche v. M. Schürholz


Dr. Marietta Johanna Schürholz ist Journalistin und Übersetzerin, Künstlerin, Kunsthistorikerin und Köchin. Sie leitet „Buddhas Banquet“ und veranstaltet Essen mit einer spirituellen Dimension. Darüberhinaus bietet sie Reisen an, die Kunstbetrachtung, Körperwahrnehmung (Yoga) und Kochen verbinden. Nähere Info auf www.buddhasbanquet.de und www.beruehr-bar.de


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