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Ausgabe März 2013
Die Reise und das Ankommen. Warum Sehnsucht so schön ist. Von Wolf Schneider


Sehnsucht ist ein Thema der Dichtung und Musik, aber auch auf den spirituellen Wegen. Bei mancher Lyrik und Musik ist Sehnsucht geradezu die Grundmelodie, da sehnt sich die Seele nach Erfüllung, nach Gott oder »dem Geliebten« (in der Sufi-Lyrik eine Metapher für Gott). Eine tiefe, romantische Liebe können wir uns kaum vorstellen ohne Sehnsucht. Manchmal scheint es geradezu so, als hätte die Kunst ab dem Punkt der Erfüllung einer Sehnsucht nichts mehr zu sagen: Wenn im Märchen oder Mythos der Held die Prinzessin endlich bekommen hat, ist die Geschichte zu Ende.

Die Suche war schöner
So erzählt man sich in Asien die Geschichten von einem spirituellen Sucher, der viele Jahre lang nach Gott suchte. Als er endlich an das Haus kommt, wo Gott wohnt, erschrickt er und will nicht eintreten, denn dann wäre die Suche zu Ende gewesen, sie war doch so schön. Ein Sehnsüchtiger zu sein, war für ihn schöner als anzukommen.
Wir können das nun als Verweigerung interpretieren: Er war eben im Ego, ein Suchender zu sein so sehr gefangen, dass er nicht ankommen wollte – er hat die Fähre zum Hausboot gemacht. Oder aber wir sehen in ihm einen so tief Liebenden, dass er den Zustand der Liebe mehr schätzte als den der Erfüllung; eigentlich einen Weisen, der weiß, dass das Suchen und Hinfinden der schönere Teil der Reise ist, das Ankommen ist vergleichsweise langweilig.

Liebesgeschichten ohne Happy End
Die orientalische Liebesgeschichte von Laila und Majnun ist in der Hinsicht noch herzzerreißender als die vom Sucher, der bei Gott nicht eintreten will, und auch als die im Westen so populäre von Romeo und Julia: Majnun wird verrückt vor Liebe, und seine Verrücktheit steigert sich noch, als Laila, die ihn liebt, mit einem anderen Mann verheiratet wird. Nie findet die Liebe von Laila und Majnun Erfüllung, es bleibt bei der Sehnsucht.
In einigen Versionen der Geschichte stirbt Laila vor Kummer, in anderen Majnun, der, als Lailas Familie seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte, überhaupt nicht mehr unter Menschen leben wollte, sondern in der Wildnis umherirrte, Verse verfassend.
Beides sind Tragödien, die von Laila und Majnun ebenso wie die von Romeo und Julia, und beide sind in ihren Kulturräumen die bekanntesten und am weitesten verbreiteten Liebesgeschichten. Warum das? Warum haben nicht Geschichten mit Happy End sich weiter verbreitet und tiefer in unseren Herzen verankert als diese Geschichten von unerfüllter Liebe?

Das Erbe unserer Vorfahren
Die Gründe dafür liegen wohl in unserer Vorgeschichte. Wenn die Gehirne unserer Vorfahren in der Steinzeit mehr auf das Genießen und Ausschmücken der Erfüllung ausgerichtet gewesen wären, dann hätten sie nicht überlebt. Wir sind die Nachkommen von denen, die sich mehr mit der Suche beschäftigt haben und auf das Verwalten und Überwinden des Mangels fokussiert waren. Wir haben unsere Gene von denen geerbt, für die das Gewinnen keine Lappalie war, kein Vorspiel, nach dem das Leben erst so richtig losgeht, sondern deren Lebensinhalt das Erreichen und Gewinnen war, sei es von Nahrung, Sex oder dem Besiegen eines Gegners. Das Schwelgen im erreichten Ergebnis ergibt evolutionsbiologisch keinen so großen Sinn. Natürlich ergibt auch das Erstreben von Leid keinen Sinn, wohl aber das Streben nach einer Beendigung des Leides.
Der biologisch sinnvollste Zustand für uns ist der, in dem wir etwas erstreben, das wir nicht haben. Deshalb ist das unser emotionaler Normalzustand geworden.

Die Natur überlisten
Wollen wir uns als Lebenskünstler mehr im Genuss des Erreichten ausruhen, dann müssen wir also in gewissem Maß unsere Natur überlisten. Das wird nie völlig gelingen. Ein bisschen aber kann es gelingen – durch Kultur. Wir können die Geschichte von Laila und Majnun in ihren poetischen Varianten genießen und in den schönen Bildern, die uns die islamische Kultur hierzu überlassen hat. Wir können über die vielfache Anspielung auf die Liebe der Seele zu Gott sinnieren – während wir in einer glücklichen Liebesbeziehung leben. Die müssen wir nicht beenden, um auch so zu werden wie Majnun. Mag sein, dass Majnun (alias Nizami) ein viel größerer Dichter ist als die glücklich Liebenden, dennoch möchte ich lieber in einer glücklichen Beziehung leben als so dichten zu können.

Ist Ankommen langweilig?
So ungefähr ist es vielleicht auch bei der spirituellen Suche. Ist Ankommen langweilig? Sollte ich deshalb besser ein Suchender bleiben? So wie »der Münchner im Himmel« kein Bock hat, unablässig bloß immer Hosianna zu singen, ist das Verschmelzen in alle Ewigkeit vielleicht doch nicht so ganz das, was uns glücklich machen würde. Es soll doch »spannend« bleiben, auch im Himmel oder dem Paradies unserer Träume. Spannung aber braucht Gegensätze.
Vielleicht ist es dann doch besser, wenn wir uns als komplexe Wesen verstehen, die aus vielen Teilen bestehen, die sich mit Äußerem wie Innerem identifizieren können. Wir sind das eine, aber auch anderes. Wenn ein Teil von uns Erfüllung findet (im Beruf, in der Liebe, in der Kunst, auf dem spirituellen Weg), darf dieser Teil ein bisschen schwelgen, es gibt ja auf anderen Gebieten noch genug zu ersehnen und zu erstreben für die Teile von uns, die Spannung haben wollen und das Sehnen der Erfüllung vorziehen.
Schlimmstenfalls, wenn wir wirklich auf allen Gebieten alles erreicht haben sollten, können wir uns von unserem Mitgefühl zu denen hintragen lassen, die noch Mangel leiden und Helfende werden. So wie die Bodhisattvas im Mahayana-Buddhismus: Sie haben schon alles verstanden, sind erlöst, erleuchtet, beglückt, aber ihr Mitgefühl hält sie noch im Körper, auf der Erde, im Samsara, denn nur, wenn auch alle anderen Wesen erlöst sind, ist ihr Glück vollkommen.

Das Bodhisattva-Gelübde
Und was die Kunst anbelangt: Sollte es nicht möglich sein, glücklich zu sein und große Kunst zu erschaffen? Ein glücklich Angekommener zu sein und die tiefe Liebe der Seele auf der Suche nach Gott zu empfinden, das Glück der Hingabe, der Verehrung und Bewunderung, des Staunens? Ein Glück zu empfinden, das nicht apathisch macht, sondern kreativ?
Ich meine, dass das möglich ist, und dass eine solche Kunst dann anders aussieht als ein Großteil der bisherigen Kunst, insbesondere der des 20. Jahrhunderts. Aber dazu braucht es einen Schritt über die normale Identität des Leidenden hinaus in die eines erfüllten, glücklichen Wesens, das trotz seines Glücks nicht apathisch ist. Ein Mensch, der sich angekommen weiß und dennoch die Sehnsucht kennt und das Lied der Sehnsucht singen kann, weil die Sehnsucht schön ist – und weil so viele hauptsächlich im Mangel leben. Und wenn auch nur ein einziger noch nicht in der Fülle angekommen ist, will auch ich Samsara nicht verlassen, das ist das Gelübde des Bodhisattva.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de.


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