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Ausgabe Februar 2013
Wunder geschehen. Beitrag aus dem Buch von Bernie Siegel

In seinem Buch „Wenn ein Wunder geschieht“ teilt Bernie Siegel einige seiner Lieblingsgeschichten: Kleinode, die er aus seiner medizinischen Praxis, aus den Tausenden von E-Mails, die er erhielt und aus seiner persönlichen Lebenserfahrung gesammelt hat. I

„Langsam schob sich unser Segelboot, die Nanook, in die unter einer dichten Nebeldecke liegende Bucht. Rick brachte den Anker aus, ich reffte die Segel. Die darauf folgende Stille wurde nur durch dumpfe Echos durchbrochen, die an Walgesang erinnerten. Wir saßen gerade in der Pflicht, als es zu regnen anfing. Die Tropfen hämmerten wie die Nadel einer auf Hochbetrieb laufenden Nähmaschine auf die Meeresoberfläche ein. Ich hob feierlich die Arme zum Himmel und wirbelte in der Imitation eines Regentanzes auf Deck herum, um unsere Dankbarkeit für diesen plötzlichen Wolkenbruch zum Ausdruck zu bringen. Wir segelten nun schon seit drei Jahren vor der Weltküste Mexikos, und nach wie vor hielt die Natur immer neue Überraschungen bereit. Nach einer Stunde war alles vorbei. Ich machte es mir mit einer feuchten Segeltasche als Kopfkissen im Bug gemütlich und beobachtete das Spiel der Wolken, die im Wind immer neue Gestalt annahmen. Ein Pirat? Eine Banane. Glühbirnen. Italien. So viele verschiedene Formen. Auf einmal unterbrach ein heftiges Platschen am Heck meine Tagträume.
Es war ein Wal. Sein glänzender Rücken schimmerte im hellen Sonnenschein wie ein gewaltiger Felsbrocken, als er sich mit erschreckender Heftigkeit im Wasser herumwarf. Ich reichte Rick das Fernglas. „Irgendetwas stimmt da nicht.“
Er beobachtete den Wal mehrere Minuten lang. „Sieht so aus, als wollte er irgendetwas von seinem Schwanz abschütteln.“ Ich setzte mich auf die Pflicht, schlang die Arme um die Knie und spähte mit zusammengekniffenen Augen über die Reling. Rick stand neben mir und gemeinsam betrachteten wir mit Entsetzen das Schauspiel, das sich uns darbot. Ob sich das Tier in einem dahintreibenden Netz oder sonstigem Müll verfangen hatte? Irgendwie fühlten wir uns für sein Leid verantwortlich.
Nach einigen Minuten bemerkten wir, dass der Wal zwischen den wilden Zuckungen regelmäßig Pausen einlegte. Auf zwei Minuten atemloser Raserei folgte eine halbe Minute Ruhe. Dieses Muster wiederholte sich wieder und wieder. Doch selbst mithilfe unseres Hochleistungsfernglases konnten wir die Ursache nicht ausmachen. Das ging eine Stunde lang so, bis die Aufregung mit einem Schlag vorüber war. Dann begriff Rick, was wir gerade miterlebt hatten. „Heilige Mutter Gottes“, sagte er und reichte mir das Fernglas. „Was ist denn?“, fragte ich und spähte hindurch. „Es un milagro“, antwortete Rick mit feuchten Augen. Er konnte die Tränen kaum zurückhalten. Ja, es war tatsächlich ein Wunder, als wir beobachteten, wie ein Babywal den Leib seiner Mutter verließ und in den Pazifik tauchte. Erst der Schwanz. Dann der Kopf. Wenigen Minuten später beruhigte sich die See wieder. Das Kalb und seine Mutter glitten davon und ließen uns mit Tränen auf den Wangen und in ehrfürchtigem Schweigen zurück. Es war ein Geschenk Gottes.“

Buchtipp:
Dr. Bernie S. Siegel: Wenn ein Wunder geschieht, Integral, München, 2012, 320 Seiten, 17,99 Euro


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