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Ausgabe Februar 2013
Philosophie fürs Leben; Mit Sokrates & Co. auf Entdeckungsreise zu sich selbst – Von Jules Evans


Philosophie ist keine verstaubte Wissenschaft, die von verschrobenen Exzentrikern in ihrem Elfenbeinturm praktiziert wird: Jeder kann sie nutzen, um seinem Leben eine neue Richtung zu geben und es entscheidend zu verbessern. Dies beweist Jules Evans mit seinem Buch. Die Philosophie hat ihm buchstäblich das Leben gerettet.

Ich präsentiere Ihnen hier meine Traumschule, den für meine Begriffe idealen Lehrplan, mit anderen Worten: meine Vorstellung von einem Tagesbesuch der Schule von Athen. Ich habe zwölf der größten Lehrmeister der Antike gebeten, uns in den Dingen zu unterrichten, die im heutigen Bildungswesen meistens unter den Tisch fallen, Themen wie die Beherrschung der Emotionen, unser Verhältnis zur Gesellschaft oder allgemeine Lebensführung.
Sie unterweisen uns in der Kunst der Selbsthilfe (schon Cicero schrieb über die Philosophie, dass sie uns beibringe, der eigene Arzt zu werden) – und zwar Selbsthilfe vom Feinsten, die sich nicht auf das Individuum beschränkt, sondern unseren Blickwinkel erweitert und uns mit der Gesellschaft , der Wissenschaft, der Kultur und dem Kosmos verbindet.
In den Kursen, die wir besuchen werden, gibt es nichts fix Vorgeschriebenes: Die Angehörigen unseres Lehrkörpers vertreten keineswegs alle dieselben Auffassungen (im Gegenteil: Manche sind sich untereinander alles andere als grün). Und auch in diesem Buch wird nicht einer Philosophie das Wort geredet, sondern mehreren. Denn bei aller Unterschiedlichkeit haben die Philosophen, denen wir begegnen werden, doch einen gemeinsamen Nenner, der auch in Raffaels Gemälde zum Ausdruck kommt: ihren Optimismus, was die menschliche Vernunft und die Fähigkeit der Philosophie angeht, unser Leben zu verbessern.


Sokrates und die Kunst der Straßenphilosophie
Sokrates’ Gedanke, die Philosophie könne die Menschen tatsächlich verändern und sie glücklicher machen, wurde jahrhundertelang der Lächerlichkeit preisgegeben, so auch von dem Philosophen David Hume (1711 – 1776), einem schottischen Denker, der die therapeutische Kraft der Philosophie vehement abstritt. Hume schrieb, vielleicht auch absichtlich provokativ, die meisten Menschen seien »effektiv von allen Anmaßungen der Philosophie und der vielgerühmten Medizin des Geistes ausgeschlossen … Das Reich der Philosophie erstreckt sich nur auf ein paar Wenige, und selbst im Hinblick auf diese ist ihre Autorität sehr schwach und begrenzt«. Ich behaupte: Ellis und Beck haben bewiesen, dass Hume Unrecht hatte. Sie haben bewiesen, dass die Philosophie, selbst in einer sehr vereinfachten und elementaren Form, Millionen ganz gewöhnlicher Menschen helfen kann, glücklicher und bewusster zu leben.
Aber dadurch, dass die kognitiven Therapeuten die antike Philosophie zu einem sechzehnwöchigen Kurs in KVT eindampften, stutzten sie sie zwangsläufig auch und beschnitten sie. Das Ergebnis ist eine ziemlich atomisierte, instrumentelle Form der Selbsthilfe, die sich streng auf das Denken des individuellen Menschen konzentriert und alle ethischen, kulturellen und politischen Faktoren weitgehend ausblendet. Natürlich geben uns die alten Philosophien, mit denen wir uns im Folgenden beschäftigen, schnelle und effektive therapeutische Instrumente an die Hand. Aber sie gehen noch viel tiefer. Haben uns auch Gesellschaftskritik zu bieten und politische Ideen für das Funktionieren des Gemeinwesens. Darüber hinaus legen sie verschiedene Theorien über Gott, den Sinn des Lebens und unseren Platz im Universum vor.
In der antiken Welt war Selbsthilfe etwas viel Ambitionierteres und Weitergreifendes als heutzutage. Sie verband das Psychologische mit dem Ethischen, dem Politischen und dem Kosmischen. Sie bot den Menschen keine kurzfristigen Scheinlösungen, die man ein, zwei Monate lang anwendete, bis die nächste Kuh durchs Dorf getrieben wurde. Vielmehr eröffnete sie ihnen eine nachhaltige Lebensweise, etwas, das sie über Jahre tagtäglich praktizierten, um sich selbst – und mitunter auch die Gesellschaft – zu transformieren. Heute, da viele Menschen auf der Suche nach einer Philosophie für ihr Leben sind, wenden sie sich zunehmend der Antike zu, weil sie sich von deren Philosophien etwas versprechen, an das sie sich halten können.
Das Leben aller Zeitgenossen, denen Sie in diesem Buch begegnen werden, hat sich durch die antike Philosophie grundlegend verändert – und viele von ihnen würden, wie ich auch, sogar behaupten, dass sie ihnen das Leben gerettet hat. Diese Menschen gehören den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Milieus an, sind Soldaten, Astronauten, Eremiten, Zauberer, Gangster, Hausfrauen, Politiker, Anarchisten. Aber sie alle haben entdeckt, dass die Philosophie tatsächlich funktioniert, und zwar selbst in den gefährlichsten oder extremsten Situationen.


Die vier Grundelemente der sokratischen Tradition
1. Wir Menschen sind in der Lage, uns selbst zu erkennen. Mithilfe unseres Verstandes können wir unsere unbewussten Überzeugungen und Wertvorstellungen überprüfen.
2. Wir Menschen sind in der Lage, uns zu ändern. Mithilfe unseres Verstandes können wir unsere Überzeugungen verändern. Und weil die Gefühle den Überzeugungen folgen, ändern sich dadurch auch unsere Emotionen.
3. Wir Menschen sind in der Lage, bewusst neue Gewohnheiten des Denkens, Fühlens und Handelns anzunehmen.
4. Wenn wir die Philosophie zu unserer Lebensweise machen, können wir ein gedeihlicheres Leben führen.




Der Autor Jules Evans stammt aus England und ist Schriftsteller, Journalist und Wissenschaftler. Er leitet das „Well-Being-Project“ an der Queen-Mary-Universität in London, wo er auch die Verbindungen zwischen alter Philosophie und heutiger Psychologie untersucht. Sein Blog wird weltweit mit Begeisterung gelesen. www.philosophyforlife.org

Buchtipp:
Jules Evans, Philosophie fürs Leben … und andere gefährliche Situationen, 400 S., Klappenbroschur, Lotos Verlag


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