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Ausgabe Februar 2013
Wer will ich sein? Von Falk-Björn Kuhfuhs

Wer wäre ich, wenn ich meinem inneren Ruf folgen würde? Was würde passieren, wenn ich mein Potenzial konsequent nutzen und meiner inneren Stimme folgen würde?

Ich habe im Laufe meines Berufslebens als Heilpraktiker viele Menschen gesehen, die an ihrem nicht genutzten Potenzial erkrankt sind, die den Raum ihrer Möglichkeiten verleugnet haben im Glauben, ihr Leben so besser leben zu können.

Sich nicht wahrzunehmen macht krank
Besonders berührt hat mich das Schicksal einer jungen Frau, Partnerin eines guten Freundes von mir. Jeden Tag, wenn sie zur Arbeit ging, musste sie ihre Sehnsucht und Sensibilität und damit einen Großteil ihrer eigentlichen Qualitäten an der Türschwelle zu ihrer Arbeitsstätte abgeben. Das musste sie tun, sonst hätte sie so nicht weiter machen können. Als sie mir davon berichtete, entstand in meinem Kopf das Bild, dass sie ihre Seele wie einen alten Kittel abstreift, vor ihrer Arbeitsstätte an einen Nagel hängt und sie nach der Arbeit wieder mit sich nimmt. Sie musste jeden Tag auf sich selbst verzichten, um den Vorgaben ihres Berufes entsprechen zu können. Dies machte sie nicht nur unzufrieden, sie wurde im wahrsten Sinne des Wortes „krank“. Sie litt unter krankhaften Hautveränderungen und extremer Müdigkeit. Erst nach langer Krankheit war sie bereit, ihrem inneren Ruf zu folgen und ihren Traum zu leben: Seminarleiterin zu werden. Auch wenn diese Frau einen besonders tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte, so habe ich doch viele Menschen gesehen, die an ihrem nicht gelebten Potenzial erkrankt sind. Das Schlimmste für mich dabei ist, dass all das Schöne, Tolle und Bewundernswerte in uns nicht Teil unseres Lebens wird. Wir verhindern unser eigenes Aufblühen und machen unser Leben dadurch um so vieles ärmer.
Was passiert, wenn wir auf die Entfaltung unseres Potenzials, unserer Schönheit und unserer Macht verzichten? Was geschieht mit uns, wenn wir das, was wir in uns tragen, nicht leben?

Meine Vision – mein Weg
Jeder hat einen Traum, eine Vision. Etwas, das wir tief in uns spüren und dem wir folgen können. Anfang 2010 habe ich mich selbst gefragt, ob ich wirklich weiterhin meine ganze Kraft und Kreativität in die Behandlung von chronischen und psychosomatischen Erkrankungen stecken wollte? Ich war damals als Spezialist auf diesem Gebiet überregional bekannt und mit meiner gut eingeführten Privatpraxis in Potsdam ein gefragter Heilpraktiker.
Wollte ich wirklich weiter unter der Wasseroberfläche arbeiten und ausschließlich Kranke vor dem Ertrinken retten? Was früher eine gute und sehr befriedigende Aufgabe für mich war, fühlte sich auf einmal irgendwie schal an. Es begann sich alles zu wiederholen. Ich hörte mich immer wieder die gleichen Sätze zu meinen Patienten sagen. Als wäre ich eine Wiederholung von schon gelebten Leben. Wollte ich das wirklich noch Jahre lang so weiter machen? Oder wollte ich nicht auch noch mal was anders erfahren?
Je mehr ich dieser Frage erlaubte, sich in mir auszubreiten, umso mehr begann mein Potenzial in Form von Tagträumen zu mir zu sprechen. Ich wollte mit Menschen arbeiten, die ihrem Potenzial und ihrem inneren Ruf folgten. Menschen, die mehr vom Leben erwarten. Ich bemerkte, wie in mir der Wunsch auf kam, mehr für und mit Menschen zu arbeiten, die ihren eigenen Visionen folgen. Ich wollte weniger mit Menschen arbeiten, die an der Verleugnung ihres Traumes erkrankt waren. Schließlich bestand mein Heilungskonzept darin, Menschen den Weg aufzuzeigen, ihr inneres Potenzial zu leben und so wieder gesund zu werden. Für mich war das Ideal der Heilung immer ein Zustand gewesen, in dem wir unser Potenzial ganz leben.
Je mehr ich mir erlaubte, größer und freier über meine Träume zu denken, desto mehr kam ich selber in die gleiche Position wie einige meiner Klienten. Vielleicht kennen Sie diese Situation sogar aus Ihrem eigenen Leben. Man hat einen erfüllten Beruf und trotzdem kommt das Gefühl auf, dass das Leben mehr zu bieten hat. So war es auf jeden Fall bei mir. Da gab es eine intelligente Kraft, die wollte, dass ich mehr, oder besser gesagt, noch etwas ganz anders aus meinem Leben machen sollte. Etwas, dass ich sein könnte, aber noch nicht war. Ich bekam das paradoxe Gefühl, ein anderer werden zu müssen, um mir selber treu zu bleiben. Das machte mir zunächst Sorgen und später sogar Angst.

Lieber Gewohnheit als Angst?
Ich habe in dieser Zeit, 2010, mit meinen engsten Freunden viel darüber gesprochen und es gab keinen, der in seinem Leben nicht Ähnliches erlebt hatte. Die meisten hatten sich durch diese beunruhigenden und teilweise auch bedrückenden Angstzustände von ihrem Vision abbringen lassen. Sie waren beispielweise in ihrer innerlich schon etwas erstarrten Ehe geblieben und hatten lieber mehr meditiert, um so ihrer Unruhe zu begegnen. oder ihre innere Leere zu füllen. Jeden Tag aufs Neue hatten sie gespürt, dass es da noch was anderes in ihnen gab, das ins Leben wollte, aber sie ignorierten, verdrängten es. Eine Freundin bedauerte im Rückblick sehr, einfach weiter zu ihrer Arbeitsstelle gegangen zu sein, obwohl sie eigentlich klar spürte, dass die Arbeit ihr zu diesem Zeitpunkt schon länger kein Gefühl der Erfüllung mehr gab.
Die meisten hielten an ihrem rein äußerlich betrachtet recht guten und interessanten Leben fest, aber je intensiver ich mich mit ihnen austauschte, umso mehr bemerkte ich, wie schlecht es ihnen damit ging. Ich sah, wie gefährlich es sein konnte, wenn man diese innere Stimme zu lange überhörte.

Angst kann auch ein Motor sein
Je mehr ich der Vision von meinem neuen Leben Raum gab, umso mehr merkte ich, dass ich mich selbst verändern musste, um mir treu bleiben zu können.
Diese Erkenntnis steigerte meine Angst noch mehr. Angst davor das zu tun, was ich in mir spürte. Zu tun, was richtig war. Egal, wie groß, klein, toll oder dumm es im ersten Moment auch war, ich gestand mir meinen Traum ein. Ich wollte Lehrer für Systemische Strukturaufstellungen werden. Diese Vision hatte ich das erste Mal bereits als ich 1997 meinen Lehrer Matthias Varga von Kibéd auf seinen ersten Workshop in Berlin kennen lernen durfte. Meine Gespräche mit meinen Freunden bestärkten mich, meinen Traum zu folgen und zu verwirklichen.
Doch dafür musste ich mich meinen Ängsten stellen und Dinge tun, die ich immer instinktiv gemieden habe, obwohl ich sie mir gleichzeitig auch herbei gewünscht hatte. Ich musste an meine Vision und meine innere Stimme glauben. Dann musste ich anfangen, mein Leben nach ihr auszurichten. Ich musste mir von meinem Lehrer die Erlaubnis einholen, selbst unterrichten und in der Öffentlichkeit als Lehrer für Systemisches Strukturaufstellen auftreten zu dürfen. Es wartete viel Arbeit auf mich, um der zu werden, der ich sein musste, um meinem Traum gerecht zu werden. Auf diesem Weg wurde ich immer wieder von Zweifel und Ängsten gepackt. “Wer bist du, dass du glaubst, dass zu können?“ Oder: „Du hast einen super Egotrip.“ „Schuster bleib bei deinen Leisten!“ Solche und andere innere Kommentare begleiteten immer wieder meine Bemühungen. Gleichzeitig fügte sich eins zum anderen und ich lernte die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt kennen. So folgte ich mir selbst. Ein ständiger Wechsel aus Erstaunen, wie viel Energie und Inspiration ich erfuhr und wie leicht doch alles gehen konnte und der gleichzeitig spürbaren Angst, genau diesem Weg zu folgen. Eine paradoxe Situation.

Wer bin ich? Wer bist du?
Anfang 2012 begann endlich meine erste „Weiterbildung für systemische Strukturaufstellungen“. Ich eröffnete meinen Kurs mit der Frage: „Wer würdest du werden, wenn du deine Vision ernst nehmen und deinen Traum konsequent folgen würdest?“ So begann auch für meine Absolventen eine Reise, welche vergleichbar mit der meinen war. Die Liebe zu dieser Frage und die Kraft, die sie Menschen geben kann, ist geblieben. Deswegen möchte ich sie dir auch stellen: Wer würdest du werden, wenn du deine Möglichkeiten wirklich lebst?


Der Autor Falk-Björn Kuhfuhs ist Heilpraktiker, systemischer Therapeut und SySt®-Weiterbildungsleiter.


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