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Ausgabe Februar 2013
Wer bin ich und warum so viele? IndividualSystemik - eine Tiefenpsychologie der Teile. Von Artho Wittemann


Die Psyche ist ein System eigenständiger Teile, das sich selbst organisiert – diese Idee hatte schon Sigmund Freud. In seiner Lehre sind Ich, Es und Über-Ich drei relativ autonome Teile, die sich gegenseitig beeinflussen und regulieren. Jeder Bereich hat seine ganz eigene Art, die Welt zu erleben, sie zu verarbeiten und ihr zu antworten.
Die Archetypen und Komplexe bei C.G. Jung sind eine Vertiefung dieser Idee und Roberto Assagioli, ein Zeitgenosse der beiden, geht noch einen Schritt weiter: Er spricht zum ersten Mal von ‚Teilpersönlichkeiten’.
Und heute, ungefähr 100 Jahre später, gibt es eine ganze Reihe verschiedener Schulen, die die Idee der inneren Vielheit auf ihre ganz eigene Art weiter entwickelt haben (vgl. IndividualSystemik, Voice Dialogue, IFS (Internal Family Systems), Inneres Team, Ego States Therapy u.a.). Erstaunlich ist, wie unterschiedlich die Modelle der Psyche und ihrer Teile sind, obwohl sie doch von der gleichen Idee ausgehen. Die Unterschiede entstehen, weil die Teile unterschiedlich definiert werden.
Wenn wir zum Beispiel einen Teil den ‚Kritiker’ nennen, dann definieren wir ihn über seine kritischen Inhalte. Wenn wir einen Teil den ‚Perfektionisten’ nennen, dann definieren wir ihn über seine perfektionistischen Vorstellungen. Wir können also die Inhalte, alles was ein Teil sagt, denkt oder fühlt, zu seiner Definition nutzen.
Wir können aber auch das Verhalten nehmen, um einen Teil zu definieren. Ein ‚Antreiber’ wäre dann zum Beispiel ein Teil, der uns ständig zu Aktivitäten drängt und indem wir ihn ‚Antreiber’ nennen, nutzen wir sein Verhalten zu seiner Definition. Das Gleiche können wir mit jedem Verhalten machen. Dann finden wir vielleicht auch einen ‚Aufschieber’, einen ‚Filmeseher’ oder einen ‚Einkäufer’.
Manche Modelle kommen zu einem anderen Schluss. Sie betrachten das Gesamt- System und erkennen, dass die Teile bestimmte Positionen darin einnehmen. Einige sind an der Oberfläche des Systems, andere im Zentrum, andere im Exil. Vielleicht finden wir dann einen ‚Empfangschef’ an der Oberfläche, einen ‚Dirigenten’ im Zentrum oder einen Notfall-Spezialisten, der sich in der zweiten Reihe bereithält.
Wir sehen, wie Inhalt, Verhalten und Position einen Hinweis auf die Funktion geben, die ein Teil im Gesamtsystem spielt. Und wenn wir die Funktion selbst zum maßgeblichen Faktor machen, erweitert sich der Reigen der Innenwelt-Bewohner um einen möglichen ‚Versorger’ oder einen ‚Beschützer’ oder vielleicht auch einen ‚Genießer’.
Diese vier Parameter – Inhalt, Verhalten, Position und Funktion – sind zweifellos wichtige Kriterien, um einen Teil zu definieren und zu beschreiben. Aber können sie auch das Eigentliche, das Wesentliche eines Teils erfassen?

Wenn wir von einem Menschen wissen, wo er wohnt, welchen Beruf er hat, was er so sagt und wie er sich gewöhnlich verhält – haben wir ihn dann schon erkannt? Sicher nicht!

Die zentrale Frage, die sich daraus ergibt, lautet: Hat nur der ganze Mensch so etwas wie eine wesenhaft unverwechselbare Natur? Ergibt die sich erst aus der speziellen Zusammensetzung und Dynamik seiner Teile seiner Psyche? Oder haben bereits die Teile selbst so etwas wie eine eigene Natur, die wir unabhängig von Inhalt, Verhalten, Funktion und Position beschreiben können? Und wenn ja, wie können wir diese Natur erkennen?
Der erste Schritt zu einer Antwort liegt im Verzicht auf eine einfache Definition. Wir verzichten darauf, einen Teil Antreiber, Kritiker, Dirigent, Selbst, Notfall-Spezialist oder Genießer zu nennen. Wir akzeptieren, dass die vier Parameter zwar nützliche Hinweise geben können, dass sie aber genau so gut Ausdruck von Tarnung, Irreführung und Unbewusstheit sein können. Wir akzeptieren unser Nicht-Wissen am Anfang jeder Begegnung mit einem Teil in der Psyche eines Menschen.
Was aber ist die Alternative? Die Alternative besteht darin, dem Teil, den man erkunden will, ähnlich zu werden, ohne dabei etwas verstehen zu müssen. Wir nennen diese Art der Dialogführung Gleich-zu-Gleich. Wir wollen den Teil nicht nur spiegeln oder ihn gar nachmachen – wir wollen ihm zu seinen eigenen Bedingungen begegnen. Dabei konzentrieren wir uns vor allem auf die vier nonverbalen Ebenen der Kommunikation: auf die Sprache des Körpers, der Emotionen, der inneren Bilder und der Schwingungen. Von ihnen lassen wir uns führen. Dann erst kommt die Sprache dazu.
Lässt man sich auf so eine Begegnung ein, macht man eine erstaunliche Entdeckung: Kein Teil ist wirklich so, wie er sich zeigt. Jeder Teil ist eine komplexe Persönlichkeit mit eigener Geschichte, eigener Weltsicht, eigenen Problemen und eigenen Lösungen. Diese Dimensionen erschließen sich aber erst in der andauernden und direkten Begegnung zwischen zwei Ähnlichen.
Am Anfang wird sich der Teil tatsächlich recht einfältig präsentieren; ja, er wird eine solche Deutung seiner Existenz sogar begrüßen und unterstützen. Er freut sich, wenn man in ihm den ‚Genießer’ erkennt und es dann dabei bewenden lässt. Er hat nichts dagegen, als tapferer ‚Beschützer’ gesehen zu werden, als etwas schrulliger und lästiger ‚Aufschieber’, als aufopfernder ‚Versorger’ oder als das weise ‚Selbst’. Früher oder später kommt der Punkt, an dem die Funktion verstanden, die Position definiert, Inhalte und Verhalten benannt worden sind. Eine Art Leere macht sich hier breit, denn alles Wesentliche scheint gesagt zu sein. Begnügt man sich mit den vier Parametern, kann man es an dieser Stelle gut sein lassen und alle sind zufrieden: Der Klient hat etwas über sich gelernt, der Therapeut hat ihm etwas gezeigt und der Teil – ja der Teil hat erreicht, was ihm am wichtigsten ist: Er hat seine tieferen Schichten erfolgreich verborgen. Er hat seine Oberfläche als seine eigentliche Natur verkauft. In diesem Punkt sind sich Teil und Mensch erstaunlich ähnlich.
Jetzt sollte man sich daran erinnern, dass Wohnort und Beruf, Erzählung und Auftreten leicht täuschen können. Dann beginnt der interessante Teil der Begegnung. Im Gleich-zu-Gleich vertiefen wir den Kontakt weiter; im Nichtwissen; ohne die Orientierung der vier Parameter. Und siehe da: der freundliche ‚Versorger’ erweist sich als eigensinniger und kontrollierender Machtmensch, der das Versorgen als Mittel der Kontrolle entdeckt hat. Das wusste er selbst nicht mehr, aber jetzt, da er so direkt im Kontakt mit sich ist, kann er es nicht verleugnen. Und tiefer noch entdeckt er vielleicht eine Ohnmacht, ein Scheitern des Miteinanders, das er einmal teilen wollte und das er jetzt erzwingen will. Und tiefer noch die Liebe, die dieses Miteinander nicht nur will, sondern beherzt und freigiebig verschenkt.
Der ‚Aufschieber’, an seiner Oberfläche ein fauler Kerl, der seine Faulheit erfolgreich als Muße und Gegengift zur Hektik der Welt verkauft, entpuppt sich als Künstler, der überzeugt davon ist, dass niemand seine Kunst jemals will. Diese machtvolle Resignation lässt ihn zusammensacken und passiv werden, wo er – seiner Natur nach - eigentlich lebendiger und kreativer wäre als alle um ihn herum. Oder: Die attraktive ‚Königin der Liebe’, eine Versuchung für jeden Mann, unwiderstehlich in ihrer erotischen Ausstrahlung, zeigt sich tiefer als Racheengel, die Männer an ihren eigenen Phantasien verzweifeln lässt. Und tiefer noch als einfache, herzliche und tief bezogene Frau, die zu oft enttäuscht wurde.
Diese Reihe lässt sich endlos fortsetzen und in einem Satz beschreiben: Jeder Teil hat eine Oberfläche entwickelt, die seine tiefere Wahrheit verbirgt. Was sich an der Oberfläche als Inhalt, Verhalten, Position und Funktion zeigt, ist nichts anderes als die Verdrängung von tieferen Haltungen. Diese Verdrängung ist eine Selbst-Verdrängung. Für den Teil ist sie eine Lösung, kein Problem.
Unter diesen Schichten von unbewussten Haltungen – oft sind es vier oder fünf – findet der Teil das, was er ursprünglich war, seine wesenhafte Natur. Hier entdeckt er sich als eine individuelle Art von Mann, Frau, Kind, Tier oder Gott. Als ein Wesen von planvoller, bezogener, verletzlicher, instinkthafter oder transzendenter Natur. Im Wiederfinden der ursprünglichen Natur erst findet er Erlösung von den Widersprüchen, Spannungen, Niederlagen und Siegen, die ihn schon so lange gequält und beschäftigt haben. Der Teil findet Frieden mit sich selbst. Seine Inhalte, sein Verhalten, seine Position und seine Funktion erneuern sich und werden erstmals zum wirklichen Ausdruck seiner selbst.



Der Autor Artho Stefan Wittemann ist Begründer der „Individual Systemik“ und entwirft mit seiner „Architektur der Innenwelt“ erstmalig ein präzises und vollständiges Modell der Psyche, das nicht nur in sich schlüssig, sondern auch in der Praxis überprüfbar ist. Die Psyche besteht demnach aus relativ eigenständigen Grundeinheiten, die ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. Mit diesen „Inneren Personen“, wie Wittemann sie nennt, lässt sich ein Dialog herstellen, der bisher unbewusste Motivationen, Gefühle und Bedürfnisse transparent werden und bis an ihre tief verborgene Quelle zurückverfolgen lässt. Weitere Infos auf www.individualsystemik.de


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