aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Februar 2013
Wer bin ich und wer könnte ich sonst noch sein? Von Wolf Schneider


Identität, dieses Wort sagt man so leicht dahin, aber es hat Tiefe. Es ist rätselhaft.
Seine Verwendung in der Mathematik ist zunächst einfach: Da sagt man, dass das eine mit einem anderen identisch, also genau dasselbe ist, und schreibt dann dieses Zeichen = zwischen die beiden Teile. Wobei das Rätsel jedoch schon hier beginnt: Wenn man von zweien die Gleichheit behauptet, dann müssen diese zwei Dinge sich doch an zwei Orten befinden (im Raum oder auf der Zeitachse), also immerhin in der Hinsicht verschieden sein, sonst könnte man sie gar nicht getrennt sehen und ihre Gleichheit behaupten. Vollständige Gleichheit dürfte es erst geben, wenn keine Verschiedenheit mehr wahrnehmbar ist, auch nicht eine Verschiedenheit in der Position im Raum.

Sechs Milliarden Ichs ...
Auf den Wegen der Selbsterkenntnis aber geht es nicht um Mathematik, sondern um das Ich, von dem der normale Erwachsene heutzutage erstmal annimmt, dass es das gibt. Mich gibt es, dich und noch viele andere Menschen, und jeder ist irgendwie anders. Identität im Sinne von Gleichheit? Nicht dass ich wüsste. Kann keine erkennen.
Etwas schwieriger wird es, wenn man sich dann klarmacht, dass wir das Wort »ich« für eine Menge verschiedener Punkte im Universum verwenden. Für ungefähr sechs Milliarden (Kleinkinder und Demente lass ich hier mal aus) solcher Punkte, auch wenn das Ich an diesen vielen Orten mal I, je, yo, ben, sayya oder noch ganz anders heißt. Wer dieses Wort ausspricht, weiß allerdings eindeutig, wer damit gemeint ist: dieser eine, unverwechselbare Mensch – und in der Regel verstehen seine Zuhörer das auch. Vielleicht ist dieses Wort also so etwas Ähnliches wie die Worte „jetzt“ und „hier“. Für die ist ja auch, je nach Sprecher, einigermaßen klar, welcher Zeitpunkt und welcher Ort damit gemeint sind. In der Linguistik nennt man diese Worte deiktisch (von griech. , zeigen). Sie zeigen auf etwas, das je nach Sprecher anders ist, ebenso wie die Worte morgen, später, dort, du und viele andere. Linguisten teilen diese Begriffe weiter ein in eine Ortsdeixis und eine Zeitdeixis und sprechen von „ich, hier, jetzt“ als dem „deiktischen Zentrum“.

Ich, der »Nullpunkt des Bezugssystems«
Ah! Ich dachte, diese Begriffe hätten wir Mystiker für uns gepachtet, um damit das Mysterium des Universums oder wenigstens des Menschseins zu umschreiben, und nennen es auch noch „unaussprechlich“ … nein, die Sprachwissenschaft hat sich längst damit beschäftigt! Der Sprachforscher Karl Bühler etwa nennt das deiktische Zentrum auch die „Hier-Jetzt-Ich-Origo“ (von lat. origo, Nullpunkt), also den Nullpunkt des Bezugssystems, von dem aus gezeigt wird. Dieser Nullpunkt braucht sich nicht mit seinem Namen zu nennen, sondern sagt einfach „ich“. Er braucht auch seinen Ort nicht anzugeben, er sagt einfach „hier“. Und er braucht nicht „17.45 Uhr plus/minus ein paar Minuten“ zu sagen, sondern sagt einfach „jetzt“. Was jeweils eine Vereinfachung des Sprechens bedeutet, zumindest eine Verkürzung.

Mystik ausgehebelt?
Haben wir hier also die Mystik sprachwissenschaftlich entmystifiziert, und Ken Wilbers vier Quadranten (ich, wir, es singular, es plural) gleich miterledigt? Auch wenn ich Ernüchterungen sehr schätze und Einfaches allemal – so einfach ist es nun doch auch wieder nicht, leider. Denn jeder irgendetwas Wahrnehmende nimmt eine Innenwelt und eine Außenwelt wahr und hat einen Standpunkt. Ausnahmslos.
Eine Weltwahrnehmung gibt es ohne diese Zweiteilung in Innen- und Außenwelt nicht, und entsprechend gibt es auch keine Wahrnehmung ohne Standpunkt.
Eine Aussage über irgendetwas Existierendes müsste also, der Vollständigkeit halber, immer auch den Standpunkt nennen, das Ich. Durch die Forderung nach intersubjektiver Vergleichbarkeit (entsprechend: nach der Wiederholbarkeit von Experimenten) schafft sich die Wissenschaft nur – gratuliere zu diesem Trick! – eine künstliche, quasi gottähnliche Perspektive, die ohne Ich-Standpunkt (und ohne „hier und jetzt“, also ohne Ort- und Zeit-Relativität) auszukommen scheint, obwohl es die Standpunktlosigkeit einer Wahrnehmung / eines Weltbildes in Wirklichkeit nie gibt.

Die Dehnbarkeit des Ich
Lösbar wird das Problem dieses scheinbaren Widerspruchs zwischen Mystik und Wissenschaft, all-umarmender Ich-Perspektive und künstlicher Standpunktfreiheit („Gottähnlichkeit“) erst, wenn wir näher hinschauen, was wir mit „Ich“ eigentlich meinen. Wenn wir also die Arbeit machen, die Ramana Maharshi und viele andere (auch Byron Katie) von uns verlangen: das Ich zu untersuchen. Frage dich, was du damit jeweils meinst! Tagtäglich, stündlich. Das ist spirituelle Praxis. Dann stellt man fest, dass es die reine Null – dieser von den Linguisten so genannte Hier-Jetzt-Ich-Nullpunkt – genau genommen gar nicht gibt, sondern uns beim Blick auf die Welt immer etwas dazwischen kommt. Sowas wie ein Filter, der einen Teil von dem aussiebt, was wir da sehen, oder eine Brille, die die Welt verzerrt darstellt. Diese Filter und verzerrenden Linsen haben mit dem zu tun, womit wir uns gerade identifizieren, und was wir haben oder vermeiden (d.h. nicht haben) wollen.
Diese Identifikation hat mit dem = der Mathematik nun nicht mehr viel zu tun. Es ist eine psychische Identifizierung. Sie drückt ein Gefühl der Zugehörigkeit aus, wie etwa „Ich bin Deutscher“ oder »Ich bin spirituell fortgeschritten«. Solche Identifikationen sind im Einzelfall immer Wahrnehmungseinschränkungen, aber sie deuten in jedem Einzelfall auch Dehnungsmöglichkeiten an, zum Beispiel die Ausdehnung des Mitgefühls von einer zunächst nur kleinen Wir-Gruppe auf eine größere, bis hin zur Gesamtheit aller fühlenden Wesen.

Bin ich frei?
Und hier liegt nun die große Chance: Wer diese Beweglichkeit der Identifikation einmal erkannt hat und gelernt hat, damit zu spielen, so wie man Muskeln trainiert und auf diese Weise immer fitter wird, gewinnt damit ungeheure Freiheit. Bis hin zur Identifikation mit allem, was ja die Essenz der Mystik ist: Auch das bin ich! (dieses „tat twam asi“ der Upanishaden). Aus dieser grenzenlosen Freiheit heraus kann sich der mit allem Identifizierende (der Narr, die Null) wieder eine spezifische, kleine Identität geben. Im Marketing-Jargon von heute: ein Profil. Wie etwa das des Autoren, der am Ende dieses Textes „sich selbst“ mit ein paar Worten skizziert.
Diese Freiheit der Identifizierung, hat er die im praktischen Leben wirklich? Er hat sie nur bedingt, aus Gründen, die denen ähneln, warum sich die Kunstsprache Esperanto trotz aller ihrer Vorteile gegenüber den historischen Weltsprachen nicht durchsetzen konnte. Das Ich oder auch Ego, das ich mit mir herumtrage, diese Begrenzung, diese Wahrnehmungseinschränkung, ist nämlich historisch-biografisch entstanden in einem interaktiven Prozess zwischen mir und meiner Umgebung. Ich habe große Freiheit dieses Ich mitzugestalten, aber nur relative, nicht absolute. Das gilt auch für die „Erwachten“, die die Relativität des kleinen Ichs durchschaut haben.






Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, www.connection.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.