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Ausgabe Januar 2013
Selbstliebe. Von Wolfgang Wiesmann


Kaum zu glauben, aber das Internet hat in Punkto Selbstliebe nicht viel Reizvolles zu bieten. Mit einer gewissen Scheu, so könnte man meinen, wird auch in anderen Medien oder im privaten Kreis das Thema Selbstliebe gerne ausgeblendet. Aus vergangenen Epochen lastet der Eigenliebe der Markel der Selbstsucht, des habgierigen Egoisten an, der sich mit Stolz und Eitelkeit über andere stellt. Eine merkwürdige Sichtweise, unterstellt sie doch der Liebe, dass sie die negativen Eigenschaften eines Menschen forciert. Dass Liebe Negatives erzeugt, führt unweigerlich zu dem Schluss, dass etwas mit dieser Liebe nicht stimmt, oder dass es sich im Falle der Selbstliebe gar nicht um Liebe handelt. Was liegt also näher, als das Thema einfach zu verdrängen? Außerdem hallt dort im Hinterkopf noch die Laier vom ewigen Sünder, der eher Buße tun sollte, anstatt sich zu lieben.
Das Selbst hinten anzustellen, um dadurch seine mitmenschliche Einstellung zu demonstrieren, baut auf der christlichen Tradition der Nächstenliebe auf. Politische Parteien schreiben sich diese soziale oder christliche Marschroute auf die Fahnen. Die Fokussierung auf das Externe, das große Ganze oder den Freund, den Partner, das Kind liegt im Wettlauf um die Liebesgunst ganz vorne. Das Interne, das eigene Ich, wird verdrängt, mit der Konsequenz, dass innere Vorgänge nicht erkannt und verstanden werden. Wo in der Psyche, den Emotionen, der Seele, findet die Selbstliebe ihre Existenzberechtigung? Die Selbstliebe zwischen selbstlos als positiv und Nächstenliebe als superpositiv einzuordnen, fällt extrem schwer, nicht zuletzt weil einem die Richtung nach innen verkehrt vorkommt. Um das Stiefkind der Liebe aus seinem Schattendasein zu befreien, soll hier mit einem neuen, vorurteilsfreien Ansatz Licht in die Sache geworfen werden.

Ich liebe mich selbst
Vom sprachlichen Eindruck könnte man meinen, dass es sich um zwei Personen oder zwei Abteilungen der Psyche handelt – einer Abteilung, die liebt (Ich) und einer Abteilung, die geliebt wird (Selbst). Ich und selbst spalten die Persönlichkeit in zwei Teile. Die Aufteilung der Psyche in verschiedene Abteilungen ist ein alter Hut. Ich, Über-Ich und Selbst kennt seit Freud die ganze Welt. Entscheidend für die folgende Diskussion sind die Begriffe Ich und Selbst, die hier inhaltlich neu definiert werden und in eine Wechselbeziehung zueinander treten, die neue Aspekte zum Thema liefert.

Das Selbst
Das Selbst bezeichnet den Kern eines Menschen. Man kann auch vom unverfälschten Ich sprechen. Offensichtlich hat das Selbst keine reelle Chance, sich in der verrückten Welt, in der wir leben, ungehindert zu entfalten. Was sich stattdessen entfaltet, ist das problematische Ich. Der Buddhismus spricht vom Selbst als dem eigentlichen Ich, dem unverwechselbaren, reinen Ich, das sich von allen überflüssigen Ängsten und allen Wünschen befreit hat. Würde man das reine oder wahre Selbst erfahren, wäre man ohne Leid. In diesem Fall fiele das Ich mit dem Selbst zusammen – eine wahrlich schöne Vorstellung. Seinem Selbst kann man zu Lebzeiten näherkommen, indem man sich in bestimmten Techniken wie der Achtsamkeit, dem Akzeptieren und dem Loslassen übt. Alle drei Techniken verfolgen das Ziel, den eigentlichen Menschen hinter seinen Ängsten und dem daraus entstandenen Leiden zu erkennen. Das Selbst liebt sich selbst. Darum muss man sich nicht sorgen. Probleme macht das Ich.

Das Ich
Mit zunehmendem Alter spaltet sich das Ich relativ schnell vom Selbst ab. Erste Verletzungen, wie zum Beispiel: „Das hat deine Schwester aber viel besser gemacht“ vergrößern die Kluft zwischen Ich und Selbst. Das Selbst genügt nicht, wird getadelt. Darin liegt die Angst vorm Liebesentzug. Ängste dieser Art können die Entwicklung massiv beeinträchtigen. Das Kind versucht, den drohenden Liebesentzug durch Handlungen und Einstellungen zu kompensieren, die nicht zu seinem Selbst gehören. Der Mensch beginnt sein Selbst zu verleugnen und entwickelt ein angepasstes Ich, das sich leider an die schmerzerregende Umgebung seines Lebensraumes anpasst und so noch mehr leidet. Negative Emotionen der Eltern, Stress in der Schule und desolate Familienverhältnisse sind nur einige Eckpfeiler, die das Ich prägen. Leider ein Teufelskreis, denn das Ich entfernt sich unter Umständen immer weiter vom Selbst. An dieser Stelle leuchtet ein, dass nicht das Selbst sich verändern muss, sondern das Ich. Der größte Leidensfaktor für das Ich sind die Emotionen, allen voran die Basisemotion Angst. Jede negative Emotion lässt sich auf Angst zurückführen. Die Macht der Emotionen kann oft vom Verstand nicht reguliert werden. Nur wenn der Verstand die Zusammenhänge erkennt, hat der Wille die Chance, an einer angstfreien Entscheidung zu arbeiten.

Das egoistische Ich
Die handelnde Persönlichkeit eines Menschen spannt sich zwischen Ich und Selbst. Das Ich besitzt egoistische Züge: Ich will besser aussehen, mehr Geld haben, das Beste ist gerade gut genug für mich. Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, dass das Ich etwas Gutes für sich beansprucht, wenn daraus für andere keine Nachteile entstehen. Ein krankhaftes Ich erzeugt für sich und seine Umwelt Leiden, zum Beispiel durch Wut, Aggression, überzogene Trauer, Sucht oder Täuschung. Wenn das Ich mit negativen Emotionen, die als Handlanger der Angst dienen, beschäftigt ist, liegt eine Störung vor, die das Erkennen des Selbst und die Liebe zum Selbst bzw. zu sich selber stark beeinträchtigen.

Die Wechselwirkung
Das Ich kann das Selbst besser erkennen und lieben, wenn die Angst diese Beziehung nicht stört. Eine Emotion wie die Schuld zum Beipiel richtet sich gegen das Ich. Ich habe Schuld, folglich bin ich schlecht. Gelingt es der Person, ihre Schuld und die ihr zugrundeliegende Angst zu bearbeiten, legt das den Blick auf das liebenswerte Selbst wieder frei. Ich und Selbst kommen sich näher. Das Zugehen des Ichs auf das Selbst ist Selbstliebe. Das Verlieren der Schuld wird in jedem Fall durch Freude ersetzt. Weicht ein starker Schuldkomplex, kann man sich wie neugeboren fühlen. Das Selbst wird vom Ich erkannt und Liebe wird spürbar.

Positive Wege zur Selbstliebe
Selbstliebe kann nicht selbstsüchtig sein, weil die Selbstsucht eine krankhafte Äußerung des verletzten Ichs darstellt. Selbstsüchtiges Verhalten lässt sich in jedem Fall auf Angst als hintergründige Triebfeder zurückführen. Handlungen und Gefühle, die auf Selbstliebe basiern, sind frei von dieser Angst. Liebe findet immer auf den drei Hautpebenen Seele, Geist, Körper statt, Selbstliebe nicht ausgenommen. Selbstliebe zu fördern, verlangt Ja-sagen zu Körper, Geist und Seele. Sollte das Ja schwer fallen, hat das Ich sich eine Emotion oder ein Gefühl „besorgt“, um die Aufmerksamkeit des Menschen ins Negative abzulenken. Außerdem beginnt das Ich zu meckern, zu kritisiern und zu beklagen, fühlt sich schuldig, unrein, wertlos.
In Momenten, wo Sie den negativen Einfluss Ihres Ichs erkennen, haben Sie es auch schon entlarvt. Stellen Sie exakt fest, was Ihr Ich an Ihrem Körper oder Ihrem Verhalten auszusetzen hat. Fragen Sie sich dann, ob Sie eine irgendwie geartete Verlustangst, einen Identitätsverlust oder die Angst vorm Alleinsein/Verlassensein damit in Verbindung bringen können. Sollte das auch nur andeutungsweise der Fall sein, haben Sie einen extrem wichtigen Erkenntnisprozess durchlaufen. Die wie auch immer geartete Angst ist ein Produkt der Psyche und hat wenig echte Relevanz für ein erstrebenswertes Leben. In dem Maße wie Sie die Angst in dem jeweiligen Teilbereich, in dem Sie an Ihrer Selbstliebe arbeiten, reduzieren, erhöhen Sie die Bereitschaft Ja zu sagen. Mit jedem neuen Ja fühlt sich Ihre Selbstliebe besser an. Diese Selbstliebe darf sich sehen lassen, sie darf anstecken und mitreißen, denn sie ist echte Liebe.

Ich liebe mich!
Ich liebe mich ist der wichtigste Satz auf der Welt. In dem Satz Ich liebe dich steckt ein auswechselbarer Faktor, nämlich das „dich“. Im Gegensatz dazu ist das „mich“ im ersten Satz nicht austauschbar. Wenn Sie lieben wollen, dann ist es nur zu naheliegend, dass Sie mit sich selber anfangen. Ob Sie wollen oder nicht, Ihre Selbstliebe ist die beste Verbündete in Sachen Liebe.


Der Autor Wolfgang Wiesmann, Jahrgang 53, Dipl. Ing. und später Lehrer wanderte 2000 mit seiner Familie nach Irland aus. Nach dem Studium der traditionellen chinesischen Medizin arbeitet er als holistischer Therapeut und schreibt auch Bücher.


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