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Ausgabe Januar 2013
Zeit der Schwangerschaft. Gerald Hüther und Inge Krens über unsere vorgeburtlichen Prägungen.

Ein Ausschnitt aus ihrem neuen Buch „Das Geheimnis der ersten neun Monate“ mit freundlicher Genehmigung des Beltz-Verlages.

Verbunden sein und verbunden bleiben
Die Vorstellungen davon, wie die vorgeburtliche Entwicklung abläuft und worauf es dabei besonders ankommt, haben sich im Lauf der Zeit immer wieder verändert. Durch neue Erkenntnisse hat sich nicht nur das Wissen über die intrauterin ablaufenden Reifungsprozesse erweitert. Wir sind dem ungeborenen Kind auch emotional näher gekommen. Wir spüren nicht nur, sondern wissen inzwischen auch besser als je zuvor, wie sehr es auf uns angewiesen, mit unserem eigenen Leben verbunden und von uns abhängig ist. Vorbei sind die Zeiten, als wir noch glaubten, dass das Kind im Kopf der Spermafäden bereits in zusammengekauerter Form als Miniaturmensch vorgebildet ist und nach der Verschmelzung mit der Eizelle nur noch zu wachsen und zu einem richtigen Menschen heranwachsen muss. Heute lächeln wir nur noch über eine solch absurde Vorstellung. Aber bis vor Kurzem haben wir auch noch geglaubt, dass die vorgeburtliche Entwicklung weitgehend durch genetische Programme gesteuert wird. Und wir waren sogar der Meinung, dass wir durch die Entschlüsselung dieser Programme verstehen könnten, wie ein Kind zu dem wird, was es wird. Auch diese Vorstellung hat sich inzwischen als Irrtum erwiesen. Wir mussten begreifen, dass die in der befruchteten Eizelle verschmolzenen DNA-Sequenzen des väterlichen und mütterlichen Genoms lediglich ein Spektrum von Optionen bereitstellen, das festlegt, wie sich die weitere Entwicklung vollziehen könnte.

Lernen durch menschliche Beziehungen
Viele Wahrnehmungen, die die Welt des ungeborenen Kindes ausmachen, sind Reize, die sozusagen von „außen“ kommen, weil sie aus dem mütterlichen Organismus oder aus der direkten Lebensumgebung der Mutter stammen. Sie können das Kind erreichen, weil es von Anfang an auf „Empfang“ eingestellt ist wie z.B. ein sechs Monate alter Fötus: Da begegnet uns im Ultraschallbild ein kleines Kind, das zweifellos sehr menschlich aussieht und sich auch entsprechend verhält. Manchmal schwebt es friedlich im Fruchtwasser und lässt sich von den gleichmäßigen Gehbewegungen der Mutter in den Schlaf schaukeln. Manchmal schlägt es Purzelbäume und bewegt sich aufgeregt in der Gebärmutter hin und her. Es kann die Stirn runzeln, sich die Augen reiben und sich bei einem lauten Geräusch erschreckt zusammenziehen. Manchmal hat es Schluckauf, muss gähnen, es kratzt sich oder schluckt sichtbar Fruchtwasser. Schon jetzt saugt es genüsslich an seinem Daumen, seinen Füßen oder Zehen. Es spielt mit der Nabelschnur und berührt die Plazenta. Es übt Atembewegungen, wobei sich sein kleiner Brustkorb hebt und senkt. Und es reagiert auf die Gefühlszustände der Mutter: Wenn sie aufgeragt ist, ist es auch aufgeregt. Beruhigt sie sich, entspannt auch es sich.
Mithilfe der dreidimensionalen Ultraschalltechnik, mit der man selbst die Bewegungen der Pupille wahrnehmen kann, ist sogar zu beobachten, dass das Kind ab der 26. Woche lächeln kann, eine Fähigkeit, die bis jetzt nur neugeborenen Babys im Alter von sechs Wochen zugesprochen wurde.

Von Anfang an
Wichtig ist die zeitliche Ordnung, also die richtige Reihenfolge, in der Erfahrungen gemacht werden: zunächst während der vorgeburtlichen Entwicklung, dann als Baby, als Kleinkind, während der Vorschulzeit und schließlich in der Schule und später im Beruf. Bevor man in Büchern herumstöbern kann, muss man lesen gelernt haben. Bevor man laufen lernen kann, muss man seinen Körper aufrichten können. Bevor man sprechen kann, muss man erfahren haben, dass es möglich ist, jemandem seine eigenen Bedürfnisse und Absichten mitzuteilen. Und bevor man etwas mitteilen kann, muss man das, was in einem vorgeht, wahrnehmen. Und letztlich muss man die Erfahrung gemacht haben, dass es jemanden gibt, der diese Äußerungen der eigenen Befindlichkeit nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern angemessen und feinfühlig darauf reagiert, der sich einem zuwendet, den man spüren kann und mit dem man verbunden ist – und zwar von Anfang an.


Gerald Hüther/Inge Krens: Das Geheimnis der ersten neun Monate, Beltz Verlag, Weinheim, 2013, 157 Seiten, 9,95 Euro


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