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Ausgabe Januar 2013
Alles ist unbeständig. Tenzin Palmo

Tenzin Palmo ist Engländerin. Vor 45 Jahren wurde sie in Nordindien in den tibetischen Buddhismus ordiniert. Im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh leitet sie ein Nonnenkloster. Sie machte sich einen Namen als Vorkämpferin für das Recht von Frauen auf

In den Sutras findet sich ein Bericht, wie der Buddha einmal mit seinen Jüngern durch den Dschungel ging. Er bückte sich, hob eine Handvoll Blätter auf und fragte die ihn Umringenden: „Welche Anzahl ist größer, die der Blätter im Dschungel oder die der Blätter in meiner Hand?“
Die Jünger antworteten: „Die Anzahl der Blätter im Dschungel ist unendlich groß, aber der Blätter, die du in der Hand hältst, sind nur wenige.“ Darauf erwiderte der Buddha: „Ebenso verhält es sich mit dem Ausmaß meiner Erkenntnis und dem Maß dessen, was ich euch sage. Dennoch ist das, was ich euch lehre, alles, was ihr zu wissen braucht, um eure Befreiung zu erlangen.“
Damit ist gemeint, dass der Buddha von dem ungeheuren Ausmaß des Wissens, das er erlangte, als sein Geist sich durch die Erfahrung seiner Erleuchtung gänzlich öffnete, die wichtigsten, die wesentlichsten Elemente auswählte, um uns begreiflich zu machen, wie wir aus diesem Bereich der Geburt und des Todes erlöst werden können.
Zu Beginn seiner Mission betonte der Buddha die sogenannten drei Kennzeichen des Daseins, die drei Merkmale des gesamten Inhalts unserer Erfahrung, die wir für gewöhnlich hartnäckig leugnen. Das erste Merkmal der Existenz ist das Ungenügen. Das Leben, das wir in unserer so verwirrten und gestörten Art normalerweise führen, befriedigt uns nicht. Es ist dukkha. Dukkha ist das Gegenteil von sukha, das Behagen, Vergnügen bedeutet, wenn alles glatt läuft. Und dukkha ist das Gegenteil davon. Es ist Un-behagen. Das geschieht, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir es gerne möchten. Aber sie entwickeln sich, wie sie es eben tun, ob es uns gefällt oder nicht. Dieses unterschwellige Unbefriedigtsein ist eines der wichtigsten Merkmale unseres Daseins als unerleuchtete Wesen.
Das zweite Merkmal der Existenz ist die Unbeständigkeit. Das dritte Merkmal besteht darin, dass nichts aus sich selbst existiert. Mit anderen Worten, wir versuchen immer, alles zu verfestigen. Wir versuchen, äußeren Gegenständen eine feste Substanz zu geben, und insbesondere möchten wir uns selbst zu etwas Festgefügtem machen. Beinahe automatisch schaffen wir uns einen scheinbar festen inneren Kern, den wir unser „Ich“ nennen, und lassen alles darum kreisen: „Ich denke dies; ich empfinde das; ich bin dies; das gehört mir; das ist, was ich bin.“ Wir fragen uns üblicherweise nie: „Wer ist dieses Ich, diese Spinne, die in der Mitte ihres Netzes sitzt?“

Unbeständigkeit
Wir versuchen den Dingen Bestand zu geben; wir klammern uns an die Vorstellung von Beständigkeit. Wir sind normalerweise äußerst resistent gegen die Vorstellung von Veränderung, insbesondere dessen, worauf wir Wert legen. Natürlich wollen wir, dass sich die Dinge ändern, die uns nicht gefallen, aber wenn es etwas ist, das uns sehr wohl gefällt, halten wir daran fest.
Es gibt natürlich verschiedene Ebenen des Wandels. Es gibt die grobe Veränderung, so wie das Wetter sich ständig ändert. Die Meere sind in unablässigem Wandel begriffen, das Land ändert seine Gestalt, so dass im Lauf der Zeit alles völlig umgestaltet wird. Daneben gibt es die subtileren Veränderungen in unserem täglichen Leben, in dem unentwegt etwas geschieht. Beziehungen, ein Heim, Besitztümer werden uns zuteil, und dann verlieren wir sie wieder. Unser Körper verändert sich. Wir treten als hilflose, winzige, verletzliche Wesen ins Leben, wachsen heran, reifen, altern, und schließlich sterben wir.
Darüber hinaus gibt es noch einen feineren Wandel des Augenblicks. Tatsächlich hat nichts auch nur für zwei Momente Bestand. Das Leben ist ein Strom, der ständig fließt. Der griechische Philosoph Heraklit sagte, dass kein Mensch zweimal in denselben Fluss steigen kann. Doch in Wirklichkeit ist es so, dass ein und derselbe Mensch nicht zweimal in einen Fluss steigen kann. Alles ist im Wandel, und aus diesem Grund leiden wir.
Das Leben ist unbefriedigend, weil es sich ständig verändert. Es hat nicht den festen Kern, den wir immer fassen möchten. Wir wollen Sicherheit und glauben, dass unser Glück darin liege, sicher zu sein. Daher versuchen wir, den Dingen Dauer zu verleihen. Wir schaffen uns Häuser an, die uns durchaus dauerhaft vorkommen, und möblieren sie. Wir knüpfen Beziehungen, von denen wir hoffen, dass sie ewig dauern werden. Wir kriegen Kinder und hoffen, dass auch dies unserer Vorstellung einer Identität Festigkeit verleihen werde, etwas, das Bestand hat. Wir haben Kinder, und wir lieben sie, damit unsere Kinder uns wiederlieben, und das geht eine lange Zeit unser Leben hindurch so weiter. Unsere Kinder sind unsere Sicherheit. Doch das ist eine Täuschung, weil Sicherheit selbst etwas höchst Unsicheres ist.

Wahre Sicherheit gibt es nur, wenn man sich in der Unsicherheit häuslich einrichtet. Wenn wir uns mit dem Fluss des Lebens vertraut machen, wenn wir uns damit anfreunden können, nicht sicher zu sein, dann liegt darin die größte Sicherheit, weil uns dann nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Solange wir danach trachten, etwas zu verfestigen, das Fließen des Wassers anzuhalten, es aufzustauen, damit alles beim Alten bleibt, weil wir uns dann sicher und beschützt fühlen, sind wir in Schwierigkeiten. Diese Haltung läuft dem Fluss des Lebens ganz und gar zuwider.

Alles wandelt sich, von Augenblick zu Augenblick
Die Physik belehrt uns heute sogar, dass die Gegenstände, die uns so fest und stabil vorkommen, in Wirklichkeit in ständiger Bewegung sind. Gegenstände sind nicht stabil, sie sind nicht festgelegt oder unveränderlich, obgleich unsere Sinne uns den irrtümlichen Eindruck vermitteln, dass sie es seien.
Wir sehen uns gegenseitig an. Ich sehe dich heute, und morgen siehst du für mich noch immer so aus. Aber du bist nicht mehr derselbe Mensch. So viel hat sich in der Zwischenzeit ereignet, bis zur Ebene der Körperzellen. Die Zellen wachsen und sterben ab; sie verändern sich fortwährend. Auch wir verändern uns laufend in unserem Bewusstsein von einem Augenblick zum andern und zum nächsten Augenblick. Auch wenn wir versuchen, den Dingen Festigkeit zu geben und alles beim Alten zu lassen, weil wir uns dann so geborgen fühlen, vermögen wir es nicht. Es ist wie mit den alten Burgen. Wir bauen dicke, feste Mauern und denken, sie werden für immer halten, so dass kein Sturmangriff ihnen je etwas anhaben könne. Doch das ist eine Einbildung. Selbst wenn wir versuchen, den Fluss anzuhalten, der unser Leben ist, wird er trotzdem weiterfließen. Wir können den Fluss nicht festhalten, indem wir ihn zu packen versuchen. Man kann den Fluss nur „einfangen“, indem man ihn sachte hält.

Es ist nicht nötig zu leiden
Wenn wir leiden, dann leiden wir, weil unser Bewusstsein verblendet ist und weil wir die Dinge nicht so sehen, wie sie wirklich sind. Wir haben Angst, die Angst vor Verlust, und es macht uns Kummer, wenn wir einen Verlust erleiden. Doch es liegt in der Natur der Dinge, dass sie ins Dasein kommen, eine Weile andauern und vergehen.
Unsere Kultur tut sich außerordentlich schwer mit dieser Frage des Verlierens, versteht sich dagegen sehr gut auf das Aneignen. Unsere Konsumkultur, besonders in der heutigen Zeit, dreht sich nur ums Habenwollen. Wir werfen die Dinge weg, die gestern in Mode waren und es heute nicht mehr sind, um uns etwas Neues anzuschaffen. Unserem eigenen Körper oder dem Körper anderer gegenüber haben wir jedoch nicht diese Einstellung. Wir glauben nicht daran, dass auch wir von Zeit zu Zeit „recycled“ werden müssen, aber so ist es. Es ist schon eigenartig, dass in unserer Gesellschaft jeder mit bemerkenswerter Offenheit über Sex redet, was in anderen Gesellschaften tabu ist. Dafür ist in unserer Gesellschaft der Tod das große Tabu.
Ich bin in einer spiritistischen Familie aufgewachsen. Meine Mutter war Spiritistin und hielt in unserem Haus jede Woche Séancen ab. Bei uns zu Hause war der Tod ein alltäglicher Gesprächsgegenstand, ein Thema, über das mit viel Enthusiasmus und Interesse geredet wurde. Das hatte nichts Morbides an sich. Als ich einige Male im Leben tatsächlich dachte: „Jetzt sterbe ich“, war meine nächste Reaktion immer: „Mal sehen, was passiert.“ Ich denke, das war so, weil in meiner Kindheit der Tod ein Thema war, über das man offen reden konnte. Dafür bin ich zutiefst dankbar, weil in unserer Gesellschaft die Menschen im Allgemeinen beklommen sind, wenn über den Tod gesprochen wird. So viele haben Angst davor, um ihrer selbst oder um anderer Menschen willen. Wir akzeptieren nicht, dass alles, was ins Dasein tritt, eine Weile andauert und vergeht. Es ist ein Kreislauf. Alles ist unbeständig, und es ist unsere Abwehr dagegen, die uns leiden macht. Wir leben in unseren Beziehungen, hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Angst, weil wir uns so fest daran klammern, weil wir solche Angst haben, sie zu verlieren.


Die Autorin Tenzin Palmo, geb.1943 in London, wurde weltweit bekannt durch ihren zwölf Jahre dauernden Rückzug in einer Höhle im Himalaja. Im Februar 2008 erhielt sie den Titel Jetsunma, ehrwürdige Meisterin, in Anerkennung ihrer geistigen Errungenschaften als Nonne und für ihre Anstrengungen, die Situation von Frauen im Buddhismus zu verbessern. Bei Theseus ist außerdem ihre Biografie „Das Licht, das keine Schatten wirft“ von Vicky Mackenzie erschienen. www.tenzinpalmo.com

Buchtipp: Tenzin Palmo, Ins Herz des Lebens - Hilfreiche Unterweisungen für unseren Alltag, 272 Seiten, Broschur, Euro 19,95 Theseus Verlag


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