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Ausgabe Januar 2013
Was ist Zeit? Von Wolf Schneider

Das Phänomen der Zeit katapultiert uns schneller als alles andere in die spirituelle Dimension des Daseins hinein. Falls wir richtig damit umgehen. Denn Zeit ist ein existenzielles Rätsel – ein Koan, wie man im Zen-Buddhismus sagt. Zeit gibt es eigentlich

Die erste große lllusion
Die erste große Illusion in Bezug auf Zeit ist der Irrtum zu glauben, dass wir uns auf einer Linie befinden, die von der Vergangenheit in die Zukunft führt. Hinter uns die Vergangenheit, vor uns die Zukunft, so als würden wir eine Straße entlang fahren, hinter uns der zurückgelegte Weg und vor uns der, den wir gleich zurücklegen werden. Bei dieser Vorstellung ist Zeit einfach ins Räumliche projiziert – was eine sehr nützliche Projektion ist, nützlich für die Festkörperphysik, für die Straßen- oder Wegeplanung, für die Geschwindigkeitsmessung und vieles andere.
Diese Vorstellung von Zeit hat jedoch – zu blöd aber auch, wo sie doch so nützlich ist – den Makel, dass sie nicht wahr ist. Denn: Vor uns liegt keine Zukunft; wir sind immer nur hier. Wir sind immer nur in derselben Lage, dass vor uns die Zukunft zu liegen scheint, wir aber nie dort sind, sondern immer nur hier. So wie der Horizont, der, wenn wir auf ihn zugehen, vor uns zurückweicht: Er ist immer nur dort, nie hier. Gibt es überhaupt einen Horizont? Ja klar, er ist das Ende des Bereichs den ich sehen kann. Er ist etwas Subjektives. Auf keiner Landkarte ist ein Horizont abgebildet, denn Landkarten beanspruchen objektiv zu sein, und der Horizont ist etwas Subjektives.

Die zweite große Illusion
Mit der Erkenntnis, dass wir immer nur hier sind und die Zeit immer nur jetzt ist, nie dann oder damals, haben wir den ersten großen Irrtum überwunden und sind in der Dimension des spirituellen Daseins angekommen. Nun sind wir (für die meisten von uns gilt das) dem zweiten großen Irrtum erlegen, nämlich dem, dass wir, da es ja keine Zukunft gibt, auch nicht zu planen bräuchten. So wie die biblischen »Lilien auf dem Felde« dürfen wir in der ewigen Zeitlosigkeit leben, ohne Vergangenheit, ohne Geschichtsbewusstsein, ohne Biografie, ohne Wurzeln. Diesem zweiten großen Irrtum erlegen zu sein ist nicht besser als dem ersten anheim gefallen zu sein – in mancher Hinsicht ist es sogar noch schlimmer, vor allem dann, wenn man das wirklich zutiefst glaubt und diesen Glauben kein bisschen zu relativieren geneigt ist durch auch nur eine Prise von common sense (was hier heißen kann: Rückkehr zu dem alten Glauben an die Zeit als Linie).

Das Erkennen des Wunders
Aber wir dürfen hoffen, denn es gibt noch eine dritte Möglichkeit: die Erkenntnis, dass beide Varianten des Verstehens von Zeit Irrtümer sind, das horizontale ebenso wie das in spirituellen Kreisen propagierte vertikale Verständnis. Diese Erkenntnis setzt unweigerlich ein, sobald man tatsächlich beginnt, im viel zitierten und ach so verherrlichten Hier&Jetzt zu leben – und zwar un-ideologisch. Das heißt: nicht als Mitläufer einer neuen Massenhypnose - wie etwa der, dass ja »Zeit eine Illusion« ist, wie es das einst so populäre Buch von Chris Griscom verkündete und wir spirituellen Menschen nun eben ganz im Hier&Jetzt leben würden, je zukunftsloser und vergangenheitsignoranter, desto besser -, sondern als bewusst Wahrnehmende dessen, was wir tun, denken und empfinden.
Dann merken wir nämlich, dass alles immer in der Gegenwart geschieht und – oh, Wunder! – dass auch das Planen der Zukunft und das sich Erinnern immer in der Gegenwart geschieht. Zeit ist dann nicht mehr einfach eine Illusion, sondern ein ungemein nützliches Mittel der Einordnung von Ereignissen in eine Chronologie des Vorher und Nachher, die überhaupt erst das Erkennen von Ursachen ermöglicht, von kausalen Zusammenhängen. Also eigentlich ein unentbehrliches Mittel für alle praktischen Belange des Lebens. Und Spiritualität sollte uns doch eigentlich nicht unpraktisch und lebensunfähig machen, sondern uns hinausführen über die Plattheit des profanen Lebens, das wir uns antun, weil wir glauben, unablässig auf einer horizontalen Zeitachse nach vorne eilen zu müssen.

Spirituelle Praxis
Echte Lebenskunst besteht nun darin, sich das Versenken in die Zeitlosigkeit nicht nur in gelegentlichen Ekstasen zu erlauben, die wir dann vielleicht Bewusstseinsgipfel nennen (peaks of consciousness), um dann wieder ins profane Bewusstsein abzustürzen, in dem wir uns von einer Vergangenheit getrieben wähnen und auf eine Zukunft hin streben, mehr stürzend als voranschreitend. Besser, wir üben das Eintauchen in das Glück der Zeitlosigkeit Tag für Tag und versuchen dieses Bewusstsein auch außerhalb unserer speziellen Übungen (wie etwa der stillen Meditation) zu erhalten als eine Art von Hintergrundrauschen für alle die zeitlichen Planungen, die das ganz normale tägliche Leben von uns ja unerbittlich fordert.

Tanz mit ihr!
In guten Zeiten erlebe ich das als eine Art Tanz mit der Zeit. Dann schaue ich tatsächlich ziemlich oft auf die Uhr, spüre die Minuten ablaufen (obwohl da eigentlich gar nichts abläuft, nur der Zeiger auf der Uhr bewegt sich) mit einer gewissen Erregtheit, weil mir bewusst ist, dass ich das kosmische Geschehen mitgestalte, es mit erschaffe, so wie zwei strickende Hände einen langen Schal erschaffen, der dann als Vergangenheit hinten abfällt. Dann erlebe ich die ganze Welt als Innenwelt – meine Innenwelt und die aller anderen – und die Zeit als etwas, das immer ist. Als eine Art pulsierender, bebender, sehr lebendiger Gegenwärtigkeit, ähnlich einem pulsierenden Herzen, wie man es auf Ultraschallaufnahmen sieht. Eine Gegenwärtigkeit, die nie in die Zukunft übergeht, sondern in der die Zukunft unablässig geboren wird und die Vergangheit immer noch enthalten ist.

Einstein und das Koan der Zeit
Ich weiß, dass das eben Gesagte physikalisch keinen Sinn ergibt. Macht nichts – es ist eben subjektiv, so wie der Horizont. Das Subjektive äußert sich in der Kunst, der Liebe, der Dichtung, nicht in der Wissenschaft, die Intersubjektivität und Wiederholbarkeit beansprucht. Und wie passt dies beides zusammen? Auch Einstein, diesem genialem Schöpfer der physikalischen Theorie der Relativität von Zeit und Raum, war bewusst, dass sich dieses Koan nicht rational lösen lässt: »Seit die Mathematiker über die Relativitätstheorie hergefallen sind«, sagte er, »verstehe ich sie selbst nicht mehr« – und auf die Frage danach, was Zeit ist, antwortete er: »Zeit ist das, was man an der Uhr abliest«.


Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett.
Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de


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