aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Dezember 2012
Stille erleben. Von Ursula Richard


Die nebenstehenden Worte des Sufiheiligen und -dichters Rumi erwecken vielleicht Vorstellungen und Bilder in uns, wie wir in der Natur oder in einem sakralen, ruhigen Raum schweigen, und damit ist ja immer auch ein innerliches Schweigen gemeint, um der Stille zu lauschen und uns empfänglich für die Geheimnisse der Welt zu machen. Uns kommt dabei sicher kein belebter Ort wie der Berliner Hauptbahnhof oder eines der belebten Einkaufszentren in den Sinn. Mit solchen Orten mögen wir vieles verbinden, aber sicherlich nicht Stille.
Stille als Gegensatz zum „Lärm der Welt“ ist für viele von uns zu einem knappen Gut und damit zu etwas sehr Kostbarem geworden. Wir sind, sofern wir nicht zurückgezogen auf dem Land oder in abgeschiedenen monastischen Gemeinschaften leben, oftmals einem Geräuschpegel ausgesetzt, den wir nur noch als Lärm empfinden und den wir nicht frei gewählt haben. Musik läuft als Hintergrundberieselung in Restaurants, Geschäften, Cafés. Autogeräusche, Hupen, Polizeisirenen, Menschen, die laut in der Öffentlichkeit telefonieren usw. sind fortwährende Geräuschkulissen. Wir sehnen uns nach Stille und glauben oft, sie sei aus unseren Städten vertrieben worden. Die Vertreibung der Stille ist der Titel eines Buches, das schon in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts beklagte, wie uns das Leben „unter der akustischen Glocke“ um unsere Sinne bringt.
Doch sehen wir die Stille nur als Antipoden zum „Lärm der Welt“ und meinen, Letzterem entfliehen zu müssen, um Ersteres erleben zu können, schaffen wir damit in gewissem Sinne erst den Gegensatz, unter dessen Spannungsverhältnis wir dann leiden.
In fast allen spirituellen Traditionen ist die Stille von herausragender Bedeutung. In der Meditation oder auch im Gebet soll der Geist zur Ruhe kommen, still werden.
Wir werden zu Lauschenden, die in die Stille hineinhorchen. Toni Packer, die aus dem Zen kommend, ihre Arbeit schließlich als offenes, meditatives Fragen oder Erforschen jenseits traditioneller Konzepte verstand, sprach oft davon, die eigenen Fragen in der Stille lebendig zu halten. Diese Stille steht nicht im Gegensatz zum „Lärm der Welt“, sondern geht über diesen hinaus und schließt ihn ein. Stille ist das, was alles gewissermaßen umhüllt, aber auch erst ermöglicht.
Der große amerikanische Künstler und Komponist John Cage entdeckte in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts experimentell, dass das Schweigen, die Stille, silence, nichts Akustisches ist. Er ging dazu in einen schalltoten Raum an der Harvard University, doch auch dort gab es keine Stille im Sinne einer Abwesenheit von Geräuschen. Er hörte weiterhin etwas, und zwar einen hohen und einen tiefen Ton, und er erfuhr, dass der hohe von seinem Nervensystem stammte und der tiefe von seinem zirkulierenden Blut. Diese Erfahrung war für ihn eine Art Initialzündung; er erkannte, dass Stille „eine Bewusstseinsveränderung, eine Wandlung“ ist, und diesem Prozess widmete er fortan seine Musik. Eines seiner bekanntesten Stücke heißt 4‘33. Dabei setzt sich der Pianist ans Klavier, hebt den Deckel – und schließt ihn nach 4 Minuten und 33 Sekunden wieder, ohne einen einzigen Ton gespielt zu haben. Die Zuhörenden erwarten zunächst Musikklänge, denn sie besuchen ja ein Konzert, doch was sie hören, sind Husten, Räuspern, Scharren usw., aber sie lauschen diesen Geräuschen mit einer Aufmerksamkeit, wie man sie gemeinhin den Alltagsgeräuschen nicht entgegenbringt. Cage hebt den Unterschied bzw. die Hierarchie zwischen Musikklängen und ganz gewöhnlichen Geräuschen auf. Alles ist gleich wichtig.
Seit dem letzten Sommer haben wir in einer Berliner Tai-Chi-Schule ein Zendo. Wenn wir dort abends bei geöffnetem Fenster sitzen, dringen die Stimmen der draußen in den Restaurants sitzenden Gäste hoch zu uns in den fünften Stock. Man hört die diversen Straßenmusikanten, die von Musik unterlegten Anfeuerungen aus einer Yogaschule, Musikfetzen aus einer Tanzschule, das Klirren von Glas, wenn wieder einmal kistenweise Flaschen in den Glascontainer gekippt werden. Ich habe schwer Frieden mit dieser Geräuschkulisse schließen können und am hilfreichsten hat sich für mich die Vorstellung erwiesen, mit dem Glockenklang zu Beginn der Meditation werde gewissermaßen der Klavierdeckel gehoben und nach 30 Minuten mit dem Glockenklang, der das Ende der Sitzrunde anzeigt, werde er wieder geschlossen – und dazwischen werde jetzt das Stück 30‘ aufgeführt. Das hat mir am ehesten eine vorurteilslose Offenheit für alles, was sich hörbar machen will, ermöglicht. Und ich habe gemerkt, dass so auch der emotional-gedankliche Lärm, der ansonsten die Geräusche noch verstärkt und sie endgültig zu Krach werden lässt, mehr und mehr wegfällt.
Und dies lässt sich meines Erachtens auch auf das alltägliche Leben inmitten von mehr oder minder ausgeprägten Geräuschkulissen übertragen. Natürlich ist es wunderbar, wenn wir uns in der Stadt Oasen der Stille schaffen, sei es unsere Wohnung, ein Meditationszentrum, eine Kirche, ein Raum der Stille, ein ruhiger Park, ein Friedhof usw. Solche ruhigen Orte sind wichtig, weil sie es uns einfach leichter machen, wieder zu uns zu kommen, zur Ruhe und zur Besinnung zu kommen. Sie lassen uns eine Stille erleben, die uns nährt und inspiriert, und dies kann uns dann auch die Kraft geben, jene Stille zu erfahren, die hinter dem Gegensatz still – laut liegt.
Begrenzen wir unsere Vorstellung aber darauf, die Stille brauche ruhige Orte, um sich erfahrbar zu machen, verfallen wir leicht in eine Art Indoor-Spiritualität: Wir haben Orte für die Stille oder Meditation und ansonsten unser alltägliches Leben, in dem wir uns ärgern und hilflos fühlen, dass die Nachbarin den Fernseher so laut eingestellt hat und wir genau mitkriegen, was sie sich stundenlang anschaut, oder wir ständig die zahl- und wortreichen Telefonate unserer Kollegin im Büro mitanhören müssen. Um in geräuschintensivem Umfeld, wie es in Berlin so oft anzutreffen ist, nicht permanent von Fluchtreflexen erfasst zu werden, ist es wichtig, immer wieder auf die Stille jenseits der Geräusche zu horchen und sie auch zwischen und in den Geräuschen und Klängen selbst zu hören. Oder – denn dies betrifft ja nicht nur den äußeren Lärm, sondern auch unseren gedanklich-emotionalen Aufruhr, der uns so oft begegnet, wenn es wie in meditativen Settings äußerlich still ist – die Stille auch darin zu finden. Lärm und Stille werden dann nicht als Gegensätze erfahren, sondern die Stille macht sich im inneren wie im äußeren Lärm hörbar.
Leicht überarbeitete Fassung eines Artikels, der zeitgleich in der Zeitschrift Tibet und Buddhismus erscheint.

Die Autorin Ursula Richard ist Verlegerin der edition steinrich, Übersetzerin, Autorin und Mitbegründerin des akazienzendo in der Schule für Tai Chi Chuan Berlin.

Buchtipp
Ursula Richard, Stille in der Stadt - Ein City-Guide für kurze Auszeiten und überraschende Begegnungen, Kösel Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-466-37002-3


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.