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Ausgabe Dezember 2012
Spiritualität, Religion und Freiheit. Von Christian Salvesen

Ein aktuelles Statement des Dalai Lama regt Christian Salvesen zur Reflexion an

Der Dalai Lama ließ am 5. November 2012 an seine Freunde auf Facebook mitteilen:

„Die großen Religionen dieser Welt setzen sich für Mitgefühl, Liebe, Toleranz, Geduld und Vergebung ein und vermitteln so durchaus innere Werte. Die Wirklichkeit der heutigen Welt hat jedoch dazu geführt, dass es nicht mehr angemessen ist, Ethik auf Religion zu gründen. Deshalb bin ich immer mehr überzeugt, dass wir einen neuen geistigen Zugang zu Spiritualität und Ethik finden müssen, jenseits und unabhängig von jeder Religion.“

Diese Botschaft hat einigen Wirbel und Fragen ausgelöst. Will der Dalai Lama sagen, dass sich unsere Welt trotz aller guten Absichten der Religionen in den vergangenen Jahrtausenden nicht verbessert hat? Tatsache ist ja: Die meisten Kriege und Konflikte beruhen auf unterschiedlichen religiösen Auffassungen. Das betrifft auch verschiedene Gruppen innerhalb einer Religion, wie die erbitterten Kämpfe zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Katholiken und Protestanten und sogar zwischen verschiedenen Sekten im Tibetischen Buddhismus belegen. Der Dalai Lama fragt womöglich nach einer gewaltfreien Ethik und Hinwendung zum mystischen Kern, die aus dem Herzen des Menschen kommt – jenseits aller Konditionierungen und Traditionen.
Oder geht es ihm um die stärkere Einbeziehung der Wissenschaft, speziell der Neurologie? Seit Jahrzehnten lassen sich tibetische Mönche in seinem Auftrag während ihrer Meditationen von Gehirnforschern testen. Die Ergebnisse sprechen ganz klar dafür, dass die Praxis der Meditation in vielen Bereichen des Lebens segensreich wirkt. Als Buddhist möchte der Dalai Lama vielleicht auch zeigen, dass der Glaube an einen Gott nicht nötig ist, um als verantwortungsbewusster Mensch zu handeln. Und das betrifft auch ihn selbst. Er wird in Tibet nach wie vor wie ein Gott verehrt. In den vergangenen Jahren haben sich über 60 meist junge Tibeter aus Protest gegen die Chinesische Besatzung selbst verbrannt. Meist ist der Dalai Lama das Idol für die „Märtyrer“.
Schauen wir, was die Fundamentalisten der verschiedenen Religionen an Unheil anrichten, dürfte ein „unerschütterlicher Glaube“ wohl sogar eher hinderlich sein auf dem Weg zu einer intelligenten und friedlichen Weltgemeinschaft.

Was bedeutet überhaupt „Spiritualität“?
Das vom Dalai Lama gegebene Stichwort lautet: „Spiritualität und Ethik jenseits der Religionen.“ Ich frage da zunächst nach: Was ist Spiritualität? Was hat sie mit Ethik zu tun? Wie könnte sie als eine möglichst „freie“ Spiritualität im alltäglichen Leben umgesetzt werden?
Wer gerade diese Zeilen liest, weiß höchstwahrscheinlich, dass er oder sie zu einem kleinen Kreis von „spirituellen“ Menschen gehört, die von etwa 90 Prozent der deutschen Gesamtgesellschaft als esoterische Spinner verurteilt werden. Doch was wäre, wenn zum tiefsten Verständnis von Spiritualität gehörte, dass es „spirituell“ überhaupt keinen Unterschied macht, ob jemand die meiste Zeit des Tages besoffen im Park liegt oder im vorbildlichen Zazen „sitzt“? Das wäre sicher eine Befreiung von unzähligen religiösen Regeln und Traditionen. Doch zugleich hätte der Begriff „spirituell“ keine Bedeutung mehr, keinen Wert, keine ethische Relevanz.
Viele haben als spirituelle Sucher bereits einen langen Weg hinter sich. Als mir Bhagwan 1980 in Poona die Mala umhängte, war ich überzeugt, Jesus in die Augen zu schauen. Mein Guru, mein Meister, mein Geliebter! Ich fühlte mich frei und glücklich, wie beflügelt, hatte - wie es schien - mehr Mut als jemals zuvor. Das Hochgefühl hielt einige Jahre und flaute dann ab. Nach Oshos Tod bzw. „Mahasamadhi“ war mein nächster Guru greifbarer. Mit Barry Long konnte ich normal sprechen, auch wenn ich ihn noch als „erleuchteten Meister“ verehrte. Seit 1991 habe ich als Redakteur und Journalist für „spirituelle“ Magazine weit über 50 „spirituelle“ Lehrer interviewt, viele davon Satsanglehrer. Meine Ehrfurcht vor dem „Erwachtsein“ wich zunehmend einer nüchternen Einschätzung, dass es sich hier um Menschen mit Schwächen und Fehlern handelt. Sie sind im Grunde wie ich und jeder andere, allenfalls haben sie oft einen besonderen Drang oder eine Begabung, andere „spirituell“ anzuleiten.

Eine Annäherung
Ich setze hier einige Begriffe in Anführungszeichen, weil mir ihre Bedeutung schwammig erscheint. Im Laufe der „spirituellen“ Suche, der Suche nach einer befreienden, tiefen Selbsterkenntnis, hat sich für mich einiges gewandelt im Verständnis von Spiritualität, Erleuchtung, erwachter Lehrer – und ich denke, das liegt in der Natur der Sache und geht wohl jedem so. Anfangs kann da Wissensdurst und Skepsis zugleich sein, dann Begeisterung und Verehrung, und schließlich kommt die Einsicht, dass keine noch so starke Erleuchtungserfahrung anhält. Dann verschwindet womöglich die Grenze zwischen spirituell und gewöhnlich, heilig und profan. Doch jemand, der gerade seinen spirituellen Lehrer verehrt und sich in Hingabe übt, kann und will davon nichts wissen – so wenig wie ein Verliebter hören möchte, dass er nur Opfer von bestimmten Hormonen ist.
Natürlich hat der Begriff der Spiritualität Sinn, jeder kann etwas damit anfangen. Wer sich ausschließlich für Geld und Karriere interessiert, ist wohl (noch) kein spiritueller Sucher. Auch im Namen einer Religion oder eines Gottes Bomben zu zünden erscheint mir nicht gerade spirituell. Mit Spiritualität verbinde ich Begriffe oder Werte wie Achtsamkeit, sich seiner selbst und der Umwelt bewusst zu werden, die scheinbare Trennung zwischen Ich und Welt durchschauen und überwinden zu wollen. Und das bedeutet zugleich, sich aller einschränkenden Überzeugungen, seien sie weltlich oder religiös-geistig, zunehmend bewusst zu werden.
Schließlich erfüllt sich die spirituelle Suche in der Erkenntnis, dass es nichts zu erreichen gibt, dass dieser und jeder Moment in sich vollkommen und zugleich ein Mysterium ist.
Und ich gebe dem Dalai Lama recht, dass die Religionen heute nicht mehr die Basis oder der Maßstab sein können für die dringend nötige Einsicht in die Einheit aller Wesen und Dinge.



Der Autor Christian Salvesen ist Redakteur der Zeitschrift „Visionen“ und lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er ist Autor der Bücher: “Liebe: Das Herz aller Weltreligionen” und “Advaita. Vom Glück mit sich und der Welt eins zu sein” (beide O.W. Barth Verlag) und “Die Formel der Unsterblichkeit. Ein Schamanenkrimi” (Koha-Verlag). Weitere Infos zur Arbeit des Autors auf www.christian-salvesen.de

Buchtipp: Christian Salvesen, Liebe – das Herz aller Weltreligionen. 324 S., O.W. Barth, Frankfurt, 2009, € 19.95


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