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Ausgabe Dezember 2012
Die Freiheit, die ich meine... Von Wolf Schneider


Wenn ich Menschen frage, was ihnen im Leben am wichtigsten ist, nennen sie neben „Liebe“ am häufigsten „Freiheit“. Uns differenzierungsfähigen Wesen bietet sich damit die Möglichkeit, so wie Kurt Tucholsky einst die Menschen in Hunde- und Katzenliebhaber eingeteilt hat, uns den Verehrern der Liebe oder der Freiheit anzuschließen. Das erscheint immerhin sinnvoller als eine Einteilung nach der Blutgruppe oder der Quersumme aus dem Geburtsdatum. Für Tucholsky waren die Katzenliebhaber die besseren Menschen, denn Katzen lieben die Freiheit, Hunde die Bindung, also …  hmm. Aber schließlich war Tucholsky nur ein Mann, also ein Liebhaber der Freiheit und folglich nicht wirklich bindungsfähig, so wie Hunde es sind.
Jetzt wieder ernst: Nein, so einfach ist es nicht. Wir Menschen, Männer wie Frauen, sind imstande Hunde und Katzen zu lieben und sowohl die Liebe als auch die Freiheit zu achten und diese Tugenden auch zu praktizieren. Jedenfalls ist die Freiheit etwas, das viele von uns über alles andere stellen. Im traditionellen indischen Religionsveständnis ist der Begriff der Freiheit – dort moksha genannt – sogar das höchste aller Ziele und die Belohnung dafür, dem Kreislauf des Werdens und Vergehens entkommen zu sein, als mukti (Befreiter). Aber, wie könnte es bei einem so bedeutungs- und emotionsgeladenen Begriff auch anders sein: Er wird gerne missverstanden und ebenso oft missbraucht. 

Frei wovon, frei wofür
Sehr populär unter den Freiheitskämpfern ist zum Beispiel die hauptsächliche oder sogar ausschließliche Fokussierung auf das, wovon sie frei sein wollen. Wofür sie frei sein wollen, das interessiert erst mal keinen, das kommt später. Das gilt für die meisten „liberation movements“ in der Politik und in ähnlicher Weise auch für einige liberation movements in den Künsten und im Beziehungsverhalten. Es ist ja verständlich, dass man, wenn man gefangen ist, erstmal einen Ausweg aus dem Gefängnis sucht und sich hauptsächlich mit dessen Mauern oder den persönlichen Schwächen seiner Aufseher beschäftigt. Die Tatsache aber, dass die meisten frei gelassenen Gefangenen früher ist später wieder im Knast sitzen, und die politischen liberation movements in der Regel neue Diktaturen gründen, zeigt, dass es doch Sinn macht, sich damit zu beschäftigen, wofür man die Freiheit denn nutzen möchte. 
Auch auf dem spirituellen Weg ist Freiheit ein tückischer Begriff. Unter Bindungsscheuen ist er ein Passepartout, um, wenn mal etwas nicht gleich klappt, zum nächsten Partner, Guru, Therapeuten oder der nächsten Methode zu springen. Unter ihnen wird die Fähigkeit loslassen zu können als höchste Tugend gefeiert. Sie soll dem Menschheitsübel des Anhaftens den Garaus machen. Dieser Typ von Freiheitsfan entkommt so mit schier traumwandlerischer Sicherheit der Chance, irgendwo mal eine wirklich befriedigende Tiefe zu erreichen, in etwa nach dem Motto: Das Glück ist mir hart auf den Fersen, aber ich bin schneller! Was die Gegner einer solchen Lebenshaltung nicht daran hindert, das Festhalten zur alles überragenden Tugend zu erklären, und es – je nachdem, wo es gefordert wird – in Worte wie Disziplin, Treue oder Loyalität zu kleiden.

Festhalten oder loslassen
Der Graben zwischen den Festhaltern und den Loslassern zeigt sich gerne auch zwischen den Generationen. Normalerweise sind es die Jüngeren, die darauf bestehen, „das Herz (müsse) bei jedem Lebensrufe bereit zu Abschied sein und Neubeginn“, wie Hesse das einst so schön in seinem Gedicht „Stufen“ formuliert hat. Wenn aber die Eltern Alt-68er oder alternde Frontkämpfer einer in ähnlicher Hinsicht tief umwälzenden Bewegung sind, kann es schon auch mal umgekehrt sein, so dass dann etwa die Jüngeren einen Bausparvertrag machen und sich kirchlich trauen lassen, weil sie meinen, das Alte, Bewährte müsse doch auch dementsprechend gut sein. Immerhin sind noch ungefähr 50 Millionen Deutsche Mitglied in einer der beiden großen Kirchen, nur etwa ein Drittel gehört keiner der traditionellen Religionen an, weltweit ist es sogar nur ein Siebtel. Berlin ist in der Hinsicht eine Ausnahme, die in der Welt vielleicht nur von einigen chinesischen Städten und Regionen übertroffen wird: Mehr als 60 Prozent der Berliner gehören keiner der traditionellen Religionen an. Heißt das, sie sind „freier“ als andere?

Aufbruch
Kommt drauf an. Ich meine, dass zu einem Aufbruch aus alten Gehäusen Mut gehört und dass die Mutigeren der religiösen Menschen (heute nennt man sie eher „spirituell“) unter den regelmäßigen Kirchgängern nicht so häufig zu finden sind. Entweder sie ecken innerhalb ihrer Religion an, so wie Eugen Drewermann das tat und nach wie vor tut, oder sie brechen aus ihr aus. Oder sie beginnen das Ringen mit der Religion ihrer Vorfahren gar nicht erst. Wozu auch? Heute gibt es so viele Fragen, auf die die Kirchen mit ihren antiquierten Erklärungsmodellen keine Antworten mehr wissen. Wir sind doch frei, uns zu liieren mit wem oder was wir wollen. Jedenfalls glauben wir das gerne, weil uns die meisten unserer Motive gar nicht richtig bewusst sind, und dann wählen wir neue Bindungen, in der Hoffnung, sie mögen uns glücklich machen, denn Heimat, Geborgenheit, Treue und Kontinuität brauchen wir doch. Auch wir Freien! Jeder Mensch braucht das.
Im traditionellen Buddhismus (Theravada) heißt die erste Initiation, die zum Status des Samanera (Novizen) führt pabbajja, übersetzt: Hinausgehen in die Heimatlosigkeit. Und die ersten Mönche (bhikkhus) des Buddha sollten, ganz im Sinne der Tugend des Nichtanhaftens und der damals üblichen Praktiken für spirituelle Sucher, nicht mehr als einmal unter dem selben Dach schlafen. Sie sollten sich moksha, der Freiheit verpflichten, oder als Schüler des Buddha dem dharma, aber keiner der üblichen menschlichen oder häuslichen Bindungen.

Eine Goldene Regel
Heute denke ich, dass wir in einer Welt, in der Arbeitsplätze, Standorte, Familien, Beziehungen und unser ganzes Währungssystem unsicher sind, nicht auch noch alle drei Nächte die Unterkunft wechseln sollten (von unseren Beziehungen, Freunden und unserer spirituellen Praxis mal ganz zu schweigen). Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen Freiheit und Bindung, Stetigkeit und Abenteuer, Ruhe und Bewegung, denn wenn wir auf Dauer nur die eine Seite wählen, rächt sich die andere irgendwann dafür, verdrängt worden zu sein. Und dort, wo wir doch wählen müssen, nach welchen Kriterien können wir da vorgehen? 
Es gibt eine alte Regel, die mir schon oft geholfen hat. Sie wird manchmal auch als Gebet formuliert und lautet dann ungefähr so: Gib mir die Fähigkeit, das gelassen zu ertragen, was ich nicht ändern kann; den Mut zu ändern, was ich tatsächlich ändern kann; und die Intelligenz, das eine vom anderen zu unterscheiden. Diese Regel wende ich jetzt mal auf das Thema der Freiheit und ihres Gegenpols (nach Ken Wilber ist das die Verantwortung) an:


Möge ich den Mut haben, das zu ändern, was überfällig ist, was mich beengt und was ich tatsächlich ändern kann, ohne damit mehr zu schaden als zu nützen.
Möge ich lernen zu lieben, was schon da ist und sich meinem Wunschdenken gegenüber als immun erwiesen hat; möge ich das wertschätzen und lieben ohne es bessern zu wollen. Und möge ich drittens mit der Intelligenz gesegnet sein, das eine vom anderen unterscheiden zu können.




Wolf Schneider, Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter. Studium der Naturwiss. und Philosophie (1971-75) in München. 1975-77 in Asien. Seit 1985 Hrsg. der Zeitschrift connection. Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de


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