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Ausgabe November 2012
Den Tod nutzen. Ein Buchauszug aus "Die Essenz der Lehre Buddhas" Dalai Lama


So wichtig das Streben nach Bodhicitta (die selbstlose Entschlossenheit, das Ziel der Erleuchtung zum Wohle aller Wesen) im Laufe unseres Lebens ist, ganz am Ende wird es noch wichtiger, denn der Bewusstseinszustand, mit dem wir dieses Leben verlassen, prägt entscheidend unsere nächste Inkarnation. Beim Sterben kommt es also ganz besonders auf die Intention an, niemals von unserem selbstlosen Erleuchtungsgeist zu lassen. Wenn wir mit dem Sterbeprozess bereits vertraut sind, können wir die Chance, die sich uns in diesem Augenblick bietet, besonders gut nutzen.
Beim Sterben kommen die gröberen Aspekte des Bewusstseins zum Erliegen oder lösen sich auf, sodass die subtileren Schichten freigelegt werden. Man durchläuft hier etliche Stadien des Sterbebewusstseins bis hin zu dem, was wir klares Licht nennen, ein Bewusstseinszustand, den Fortgeschrittene für das Vorankommen auf dem Weg zur Buddhaschaft nutzen können. Wenn wir uns jedoch nicht auf das Sterben eingestimmt haben, werden wir diese subtilste Ebene des Bewusstseins eher erschreckend finden und keinen Nutzen daraus ziehen können. Wir können uns aber rechtzeitig damit vertraut machen, wenn wir bei unserer täglichen Meditation den Auflösungsprozess des Todes visualisieren. Dann überwältigt uns die Erfahrung nicht mehr, wenn es so weit ist. Wir werden dem Tod bewusst und zuversichtlich begegnen und auf diese Art den besten Nutzen aus ihm ziehen.
Eine gute Vorbereitung auf das Lebensende ist auch Verschenken unseres Eigentums. Wir schwächen damit unser Haften an den Dingen, denn das Festhalten an Besitz ist gerade beim Sterben besonders abträglich für die Gemütsruhe, die wir uns bei dieser unvergleichlichen Erfahrung wünschen. Außerdem vermehrt Freigiebigkeit unser gutes Karma. Sehen wir zu, dass wir auch die hemmenden Kräfte unserer schlechten Taten entschärfen und alle unsere Gelöbnisse und Verpflichtungen bekräftigen, damit sie keinen Abbruch leiden.
Wir beten darum, dass wir uns in allen Stadien des Sterbens und darüber hinaus niemals vom selbstlosen Erleuchtungsgeist entfernen.
Das Kernanliegen der Lehren des Buddha liegt darin, unsrem Festhalten am Ich-Gefühl und an selbstsüchtigen Gedanken entgegenzuwirken. Wenn wir unseren Geist in Rechtschaffenheit schulen und gegenüber dem Hang unserer Selbstsucht wachsam bleiben, sind wir nicht auf die Bewunderung anderer aus. Wir wissen schließlich selbst am besten, wie es um die Echtheit unserer nach außen erkennbaren Eigenschaften bestellt ist. Mutig und froh nutzen wir diese Chance, uns einem so wunderen Ideal wie Bodhicitta anzunähern. Diese Freude soll bleiben, während wir Bodhicitta auf alle Bereiche unseres Lebens ausdehnen. Die Begeisterung, in der wir selbstlos nach voller Erleuchtung streben, um anderen helfen zu können, soll immer präsent sein, ob wir essen, eine Straße entlanggehen oder mit Freunden sprechen. Wenn diese Haltung aus a11 unserem körperlichen, sprachlichen und geistigen Handeln spricht, dürfen wir uns als geschult betrachten.
Und jetzt machen Sie Ihre Praxis so gut, wie Sie nur eben können!


Aus: Dalai Lama, Die Essenz der Lehre Buddhas, mit freundlicher Erlaubnis des Verlages

Buchtipp: Dalai Lama, Die Essenz der Lehre Buddhas, Zeitlose Weisheit für moderne Menschen, 174 S. Geb., mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-7787-8235-4, Lotos, München 2012


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