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Ausgabe November 2012
Die Wurzeln der Vergangenheit. Wie Verbundenheit mit unseren Ahnen uns nähren kann. Jennie Appel und Dirk Grosser



Verbundenheit erfahren wir nicht nur durch den Raum hindurch, sondern auch durch die Zeit. Wir sind nicht nur mit den Menschen, Tieren und Pflanzen verbunden, die jetzt mit uns diesen Planeten als Lebensraum teilen, sondern auch mit jenen Wesen, die vor uns die Erde bevölkert haben. Die Linie unserer Ahnen führt zu uns – eine jahrtausendealte Geschichte wird durch unser Leben mit einem neuen Kapitel weitergeführt.Was können wir lernen, wenn wir zurückblicken? Und wie kann uns das Gelernte helfen, einzuwurzeln, unseren Platz einzunehmen und voll und ganz in dieser Welt anwesend zu sein?
Frühe europäische Kulturen eint die Nähe zur Natur, die Verbundenheit mit allem, was lebt und wächst, was vergeht und wiedergeboren wird. Unsere Vorfahren waren im weitesten Sinne schamanisch geprägt, verehrten ihre Ahnen und waren spirituell in die Elemente und Wesen der Natur und die Geistwesen der Anderswelt eingebettet. Die keltischen Druiden und Barden waren eng verwoben mit den Rhythmen der Erde, orakelten aus dem Flug der Vögel, bezogen Wissen aus den tiefen Wäldern ihrer Heimat und schickten ihren Geist auf Reisen in die andere Welt. Die Seherinnen und Heilerinnen der germanischen Stämme waren Mittlerinnen zwischen den Menschen und ihren Göttinnen und Göttern, übten die Kunst des Seidr aus, eine Form der Magie, die auch schamanische Trancetechniken zur Bewusstseinsveränderung beinhaltete und sowohl Wahrsagerei als auch Kontakt zu den Verstorbenen ermöglichte. Und manche Geschichten um den germanischen Gott Odin, der ebenfalls in die Kunst des Seidr eingeweiht war, gleichen schamanischen Initiationen.
Wie indigene Völker heute betrachteten diese frühen europäischen Kulturen alle Wesen, alle Pflanzen, alle Steine als beseelt. In ihrem Weltbild gab es keine tote Materie, keine bloßen Ressourcen. Somit war ihr Leben eher auf Zusammenarbeit als auf Herrschaft und Ausbeutung angelegt.
Noch viel früher sind die Höhlenmalereien in Lascaux, Trois-Frères, Altamira, Laas Geel, Gilf el-Kebir und an vielen anderen Orten auf der Welt entstanden, die ebenfalls eine starke Verbindung zu Ahnen, Tier- und Pflanzengeistern, Göttern und Göttinnen erkennen lassen.
Natürlich können wir nicht zurück in ein Leben, das unseren Vorfahren dieser fernen Zeiten ähnelt. Dennoch können wir einiges von ihnen lernen: Verbundenheit mit der Natur, Achtung vor den Tieren (auch und gerade wenn sie als Jagdbeute dienten), Zugehörigkeit zu einer Ahnenreihe, ein Leben im Einklang mit natürlichen Rhythmen und die Weitergabe von Wissen über all diese Dinge anhand von Geschichten, Mythen und Märchen.
Doch der Stammbaum des Menschen reicht noch weiter zurück, denn auch unsere Vorfahren lebten nicht immer in Europa. Irgendwann kamen sie aus den Steppen Afrikas hierher. Klimaveränderungen hatten sie veranlasst ihren Weg gen Norden zu nehmen, sich hier auf neue Bedingungen einzulassen und sich anzupassen, um das Überleben ihrer Familie und ihres Stammes zu sichern. Wir alle stammen von mutigen Wanderern ab, die sich aufmachten, neue Lebensräume zu erkunden. Und irgendwo in den weiten Ebenen Afrikas gab es einmal eine Stammmutter, unser aller Mutter, unsere Urahnin, deren Kinder als erste von den Bäumen stiegen und auf die sich letztlich alle Menschen zurückführen lassen. Der Börsenmakler an der Wall Street und der Aborigine im australischen Outback, der französische Gemüsebauer und der Aruak-Indianer im Amazonasgebiet, der Inuit am Polarkreis und der Baumwollproduzent im Senegal, die deutsche Rechtsanwältin und die Astrophysikerin in Tokio – wir sind alle miteinander verwandt, viel unmittelbarer und direkter als uns spirituelle Wege davon erzählen.
Unsere Verwandtschaftsverhältnisse sind jedoch noch breiter gefächert, denn längst nicht alle unsere Ahnen waren Menschen, im Gegenteil: Viel mehr unserer Vorfahren finden sich im Bereich der Tiere, denn schließlich gibt es den homo sapiens erst seit etwa 200.000 Jahren, während das Leben aber schon seit mindestens 3,5 Milliarden Jahren auf der Erde existiert. Zwischen diesen beiden Daten liegt eine lange Zeitspanne und eine ungeheure Menge an Entwicklungsschritten. Wir können unseren Blick zurückschweifen lassen zu Primaten, zu den ersten Säugetieren, zu Reptilien, zu Fischen, zu den ersten mehrzelligen Verbindungen, zu Einzellern. Und man kann noch weiter zurückgehen, denn die Elemente, die unseren Körper bilden und die auch die Körper aller uns vorangegangenen Wesen bildeten, entstanden einst durch chemische Prozesse in Sternen. Wasserstoff, Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Natrium, Magnesium, Eisen und Mangan sind in riesigen Brennöfen ins Dasein getreten und durch den Kosmos gereist, bis sie schließlich irgendwann zu uns wurden.
Unsere menschlichen Ahnen sind uns trotz der Tiefe der Zeit, die wir überbrücken müssen, um Kontakt zu ihnen zu haben, sehr nah. Auch sie mussten schon Beziehungen führen, Kinder großziehen, für den Lebensunterhalt sorgen und sich von ihren Liebsten verabschieden, die fortzogen oder starben. Auch sie fragten sich nach ihrem Woher und Wohin, auch sie dachten über die Götter nach und staunten über die Wunder der Welt.
Ihre Perspektiven als Jäger und Sammler, als Ackerbauern, als Heilerinnen und Krieger, als Priesterinnen und Fischer können unsere Welterfahrung ergänzen, hinterfragen oder gänzlich auf den Kopf stellen. Vieles, was wir uns in unserer modernen Welt selbst antun, wäre ihnen fremd und unverständlich. Wenn wir die Welt durch ihre Augen zu sehen versuchen, können wir viele Dinge wieder richtig einordnen, ihnen die ihnen gemäße Wichtigkeit in unserem Leben einräumen und uns auf das Essenzielle fokussieren. Vielleicht ziehen wir dann wieder reale Gemeinschaft der virtuellen vor, verbringen mehr Zeit mit unseren Kindern anstatt vor dem Fernseher und wertschätzen die Stille des Waldes mehr als das Shoppingerlebnis. Der Kontakt mit unserer Ahnenreihe kann uns Vieles klarer sehen lassen.
Der amerikanische Schriftsteller John Dos Passos sagte:
„Das Bewusstsein der Verbundenheit mit früheren Generationen kann wie eine Rettungsleine durch die schwierige Gegenwart sein.“
Diese Rettungsleine sollten wir ergreifen und eine Verbundenheit kultivieren, die einerseits unsere Wurzeln, andererseits uns selbst als Stamm der Gegenwart und unsere Äste der Zukunft nährt.
Machen wir uns bewusst, dass wir selbst eines Tages als Ahnen für künftige Generationen betrachtet werden. Wie wird man uns beurteilen? Wie wird unser Beitrag für die Welt aussehen? Was werden die Menschen, die nach uns kommen, von uns lernen können?
Und machen wir uns ebenso bewusst, dass wir das Geschenk des Lebens, das unsere Ahnen uns durch alle Widrigkeiten hindurch übergeben haben, nur dann wahrhaft annehmen und wertschätzen, wenn wir es voll und ganz leben. Machen wir das Beste aus unserem Leben! Einen Schenkenden ehren wir, indem wir das Geschenk achtsam nutzen und es nicht einfach im Regal verstauben lassen…

Aus: Jennie Appel & Dirk Grosser, Ahnenreise mit freundlicher Erlaubnis des Arun Verlags

Die Autorin Jennie Appel (*1982) arbeitet in eigener psychologischer Beratungspraxis mit schamanischen Techniken, die sie u.a. bei Martin Brune, Alberto Villoldo und der Foundation for Shamanic Studies gelernt hat. In ihre Seminare fließen ebenfalls Elemente des Ausbildungsganges beim OBOD unter Leitung von Philip Carr-Gomm ein. Als professionelle Studiosprecherin lieh sie ihre Stimme etlichen erfolgreichen Produktionen im Hörbuch- und Meditationsbereich.

Der Autor Dirk Grosser (*1971) schreibt für verschiedene spirituelle Magazine, ist Autor und Co-Autor diverser Bücher (u.a. „Selbst ein Anfang sein“) und seit einigen Jahren im Verlagswesen tätig. Seine zweite große Leidenschaft gehört der Musik: Er hat in verschiedenen Bands gespielt, an den Soundtracks zu zwei Dokumentarfilmen mitgewirkt und gemeinsam mit der Trommelgruppe VIATORES die CD „Donnerseele“ veröffentlicht.


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