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Ausgabe Oktober 2012
Bei den Schamanen der Tengeri. Von Gabriel Schötschel


Schon früh erklingen die rhythmischen Klänge der Glocken und Schellen, das Schlagen der Trommeln und der rhythmische Gesang der Schamanen. Die Feuer brennen, die Erdhörnchen huschen über den Platz und holen sich geopferte Knabbereien vom Vortag. Ein Adler fliegt über den Platz und die Menschen heben ehrfurchtsvoll ihre Hände an die Stirn zum Gruße. Unsere Ahnen sind gekommen.
Bair bekommt seine 7. Einweihung des weißen Heilers der Schandru-Schamanen. Viele Menschen sind gekommen, die sich Heilung und Lösung vieler Probleme erhoffen. Sie warten, bis ein Schamane in Trance gerät und sich der gerufene (u.a.) Ahnengeist manifestiert, vom Schamanen Besitz ergreift und durch ihn spricht, wütet, zurechtweist, heilt und Voraussagungen macht. Viele Geister werden gerufen und der große weiße Heiler. Bis in die tiefe Nacht. Die geweihten Himmels-Kinder laufen singend um die geschmückten Birken des heiligen Ritualhaines. Ein rotes Band geht vom Altar Bairs aus dem Zelt alle Birken umspannend den Ahnenbaum hinauf und zum weißen Kamel, dem heiligen Tier des weißen Heilers.
Einer ist von einer schweren Krankheit befallen und der Ahne sagt, dass ein krank machender Geist herausgeholt werden muss. Das nächste Ritual. Eine Figur wird aus festem Teig geknetet und eine Schnur geht vom Kranken zu der Figur. Im Karton davor befinden sich Gaben, um den Geist zu locken. Leckereien und bunte glitzernde Stoffstreifen, Milchtee, Schnaps und Milch. Der Rhythmus der Trommel und der Gesänge streicht durch die Zeit. Dann immer wilder und intensiver geht die Trommel, die Stimme gehorcht nicht mehr dem Schamanen, die Sprache ändert sich und sein Körper schüttelt sich. Fauchend und aufbäumend kommt der Ahnengeist. Der Kontakt zum Krankengeist ist da. Der Geist schreit auf, der Ahne sagt, was falsch gemacht wurde und was zu tun ist. Die Puppe verändert ihr Antlitz und der Geist ist in ihr. Schnell Schnur durchschneiden, schnell Figur und Karton zum Feuer bringen. Opferung der Getränke und Feuer anmachen.
Inzwischen heilt und reinigt der Schamanenahne mit dem Heilstock voller magischer Zeichen. In einem anderen Feuer liegen dunkle Steine und überm Feuer kocht der heilige Arshantee. Gebete der Reinigung werden gesprochen, von Körpersäften und Fleisch, Zellen, Aurakörper und Geist sowie Reinigung des Karmas. Der Geist wird in den Kessel geblasen. Auf einem Teller sind Zwiebelschalen, rohes Fleisch, Zucker und Salz: die Unreinheiten, die man gegessen hat. Hier werden alle Reste der Krankheit reingeleitet. Der Kranke zieht sich aus und die glühenden Steine werden aus dem Feuer geholt und mit Birkenzweigen wird der Arshantee auf die Steine gespritzt. Heiß zischt der aromatische Dampf des Arshan und umhüllt den Kranken. Mit heißem Arshan bespritzt und geschlagen steigt er erleichtert 3 Mal übers Räuchergefäß. Glücklich überreicht der Geheilte die Dankesgaben an den Schamanen Bair und seinen Ahnen.
Ein Anderer kommt. Er ist wie innerlich gelähmt, er kann sich nicht mehr konzentrieren, für nichts entscheiden. Es fühlt sich alles schwer an und er kann nicht richtig schlafen, ist müde. Er ist von einem Ortsgeist befallen.
Eine Familie klagt. Das Baby schreit und schreit und kann nicht einschlafen, die Nächte sind der reinste Horror. Nur am Tage kann es wieder schlafen. Diagnose: Eine ruhelose Seele zieht durchs Haus. Und los geht es zur Familie. Es wird befragt und dann gehen die Gebetsgesänge los und die Trommel beginnt zu klingen. Die Seele wird herbeigerufen. Flüche und Bannsprüche aus der Vergangenheit werden gelöst. Im Gespräch mit der Seele wird ihr ihre Situation erklärt und sie wird zum Geistführer geleitet. Bis tief in die Nacht gehen die Rituale und Reinigungen. Welch Glück, wie zufrieden das Kind schläft und die glücklichen Eltern erschöpft und froh sich in den Armen liegen. Nun ist auch die Großmutter nicht mehr zwischen dem Großvater und seiner Lebenspartnerin. Auch dieses Verhältnis entspannt sich.
Ein anderer kommt und möchte den Schamanensegen und Beistand der Ahnengeister für seine Firma.
Ich habe gerade meine 3. Einweihung bekommen, Unglaublich, wie viel ich wieder erlebt habe. Das aufregende und anstrengende Leben der Schamanen mitzuleben ist schwer und schön zugleich.


Der Autor Gabriel Schötschel ist 48 Jahre jung, arbeitet als Masseur und Heilpädagoge in Berlin. Seit 3 Jahren reist er immer wieder zu den Tengerischamanen und lebt dort das Leben eines Schamanen. Beim Alpenverein arbeitet er als Ausbilder und Tourenleiter.

weitere Infos auf www.sajanreisen.de


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