aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Oktober 2012
Anerkennung. Von Reinhard Clemens

Hinter vielen ehrgeizigen Zielen und Projekten steckt oft der tiefere Wunsch nach Anerkennung, Liebe und Wertschätzung.

Anerkennung lässt uns wachsen, macht uns stolz und stark. Anerkennung gibt uns das Gefühl geliebt zu werden. Sie macht uns zum Teil unserer Familie, einer Gruppe, der Gesellschaft. Anerkennung kommt mit innerer Reife.
Wir fühlen uns anerkannt, wenn wir mit Menschen zusammen sind, die wir lieben. Aber für dieses Gefühl verbiegen wir uns auch. Machen einen Job, der uns keinen Spaß macht. Oder um die Anerkennung höherer Autoritäten zu bekommen, neigen wir dazu zu konkurrieren oder gar Schwächere zu treten.
Und manchmal müssen wir auch um Anerkennung kämpfen.

Schenken wir anderen Menschen Anerkennung und Wertschätzung, öffnen sie uns ihr Herz.
Gegenseitige Anerkennung ist die Basis, um innerhalb einer Beziehung oder Gruppe jede einzelne Person mit ihren spezifischen Qualitäten an Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen. Anerkennung bedeutet Akzeptanz, Respekt und Wertschätzung für den anderen. Sie ist notwendig für jede Art von Zusammenleben. Wird ein Gruppenmitglied nicht anerkannt, gerät es in Gefahr, zum Außenseiter zu werden. Dies wiederum kann zum Verlust sozialer Integrität und materieller Sicherheit führen.
Der Begriff „Anerkennung“ wird häufig auch in Bezug auf erbrachte Leistungen gebraucht. Etwa die Anerkennung von Studienleistungen oder für Verdienste in einer Organisation. Im juristischen Sinne sprechen wir beispielsweise von der „Anerkennung von Asylbewerbern“ oder der „Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe“. Anerkennung kann mit neuen Rechten einhergehen, vermittelt Status und eine Rolle innerhalb der Gesellschaft.

Was sagt die Psychologie dazu?
Die Psychologie betrachtet den engen Zusammenhang von Anerkennung und der Entwicklung und Bewahrung des Selbstwertgefühls eines Menschen. Es wird davon ausgegangen, dass ein Mangel an Anerkennung und Zuwendung in der Kindheit ursächlich für viele seelische Erkrankungen im späteren Leben ist. Der Mensch entwickelt zwar mitunter beachtliche kognitive Fähigkeiten, bringt in vielen Lebensbreichen große Leistungen hervor, doch häufig mangelt es ihm an „emotionaler Kompetenz “. Das Gefühl des Nicht-geliebt-werdens treibt ihn zu immer neuen Leistungen an bis hin zum Burn-out - doch die seelische Leere wird damit nicht gefüllt.

Warum sind Anerkennung und Zuwendung in der Kindheit so wichtig?
Die Bindungstheorie der Psychologie besagt, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Sie basiert auf dem Verständnis der frühen Mutter-Kind-Beziehung und der Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters.
Bindung bezeichnet eine enge emotionale Beziehung zwischen Menschen. Das Neugeborene entwickelt eine besondere Beziehung zu seinen Eltern oder anderen Bezugspersonen. Die Bindung veranlasst das Kleinkind, im Falle tatsächlich vorhandener oder subjektiv wahrgenommener Gefahr, Schutz und Trost bei seinen Bezugspersonen zu suchen.
Bindungsmuster aus der (frühen) Kindheit prägen unsere Beziehungen im späteren Leben. Fehlte es in der Kindheit an stabilen Bindungen, die uns Lob, Zuspruch und Anerkennung gaben, so fällt es uns auch später schwer, diese zu erfahren. Was können wir tun, wenn uns die emotionale Sicherheit im Kindesalter fehlte?

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.
Auch wenn die Erfahrungen der ersten Lebensjahre so prägend für uns sind, können liebevolle, aufrichtige und stabile Beziehungen das Eis brechen und unser Herz wieder öffnen.
Das Schmelzen braucht Zeit und manchmal eine professionelle Begleitung, die uns unsere Projektionen bewusst macht und dabei von einer tiefen Wertschätzung getragen ist. Selbst-Mitgefühl und ein Verständnis der eigenen Geschichte lassen uns innerlich reifen und machen uns weniger abhängig von äußerer Anerkennung und Bestätigung.

Was wir selbst erfahren haben können wir auch anderen geben.
Fühlen wir uns anerkannt so, wie wir sind, fällt es uns leicht, anderen gegenüber tolerant zu sein. Wir können sie in ihrem So-sein akzeptieren, für uns fremde Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten gewährenlassen. So entsteht die Anerkennung einer Gleichberechtigung unterschiedlicher Individuen und Kulturen in einer globalisierten Welt.

Entschleunigung im Alltag und eine aufrechte Haltung.
Ich war einmal zu einem mehrtägigen Retreat in Bad Meinberg, einem kleinen Kuorort im Teutoburger Wald. Eine Teilnehmerin erklärte mir, dass sie hier zum ersten Mal in ihrem Leben „entschleunigen“ würde. Ich fand diese Idee reizvoll und passend dazu eine Übung aus dem „Handbuch des Krieger des Lichts“ von Paulo Coelho. Die Aufgabe lautet, einfach alles im halben Tempo zu machen, seine Schritte zu verlangsam und einen wachen Blick für die Umgebung zu haben.
Ich war schon ein paar Tage da und bin am Nachmittag immer durch den Kurpark in die Fußgängerzone „gerannt“, um dort einen Kaffee zu trinken. Den Blick stur geradeaus gerichtet, fest entschlossen mein Ziel möglichst schnell zu erreichen. Doch nun entschied ich mich für das halbe Tempo, für eine aufrechte Haltung und einen offenen Blick. Am Ende des Parks gab es linkerhand eine etwas erhöht liegende Rasenfläche, an der ich die Tage zuvor schon mehrmals vorbeigelaufen war. Was ich dort jetzt zum ersten Mal erblickte, berührte mich zutiefst. Es war ein riesengroßes, „unübersehbares“ Herzlich willkommen, das in den Rasen gemäht war.
Ich war zwar schon einige Zeit zu Gast in diesem Städtchen, doch erst jetzt war ich angekommen.
Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, inne zu halten und hinter die Fassade unsere Wünsche und Ziele zu schauen.
Hinter vielen ehrgeizigen Zielen und Projekten steckt doch oft der tiefere Wunsch nach Anerkennung, Liebe und Wertschätzung. Öffnen wir uns im Hier und Jetzt für diese essentiellen Qualitäten, so erreichen wir unsere Ziele meist schneller und auch fröhlicher, denn wir haben auf unserem Weg dorthin schon gefunden, was wir wirklich suchten.

Der Autor Reinhard Clemens ist Heilpraktiker für Homöopathie, Coaching und Körperarbeit.
Außerdem arbeitet er auch als Dozent für Heilpraxis und Naturheilkunde für „campus Naturalis“ in Berlin.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.