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Ausgabe Oktober 2012
Die Wirklichkeit des Regenbogen. Andreas Krüger im Gespräch mit Haidrun Schäfer über Vernetzung und Entnetzung in der Heilpraxis.


Haidrun Schäfer: Die Vernetzung und Globalisierung unserer Welt rückt zunehmend ins Bewusstsein der Menschen. Inwieweit spiegeln die neuen Heil- und Testformate diese Entwicklung wider?
Das Bewusstsein der Vernetzung, das Bewusstsein der Verknüpfung, das Bewusstsein des Verbundenseins hat zwei Seiten einer Medaille: So sind wir auf der einen Seite alle miteinander vernetzt, wie Rupert Shaldrake das mit den morphogenetischen Feldern beschrieben und erforscht hat. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um und was macht es mit uns und wie weit verändert es unsere Wirklichkeit?
Vor 25 Jahren hatte ich einen Traum, in dem Ramana Marharshi zu Bert Hellinger sagte: „Sag ihm“ – damit war ich gemeint – „Freiheit ist, wenn alles genommen ist, im innen wie im außen und was zu einem gehört und wenn alles gelassen ist im innen wie im außen, was nicht zu einem gehört. Dann herrscht Heilung und Heilung ist Freiheit und Freiheit ist Heilung. Dann ist alles möglich, aber ich kann auch alles in fröhlicher Gelassenheit lassen.“ Dieser Satz bedeutet, dass die neuen Heilverfahren – ob die kommunizierenden Felder nach Rupert Shaldrake oder Familiensysteme nach Bert Hellinger – davon ausgehen, dass wir nicht in unserem Kranksein und nicht in unserem Kummer oder unserer Wirklichkeit individuell abgegrenzte Wesen sind, sondern dass ein Großteil unseres Krankseins und unserer Kümmernisse damit zu tun haben, dass wir sie aus den uns umgebenden Feldern übernommen haben. Dazu gehört die Übernahme einer Krebskrankheit aus der Familie oder dass wir dem Beziehungsunglück der geschlagenen Frau in unserer Familie folgen bis hin zur Miasmatik in der Homöopathie, dass sich in uns die systemischen Kräfte unserer Ahnen konzentrieren und uns auf eine ganz bestimmte Art und Weise krank werden lassen. Dieses Wissen, das in den letzten 20 Jahren in Therapien Einzug erhalten hat, ermächtigt den Therapeuten heute, in vielen Fällen erfolgreich zu arbeiten im Gegensatz zu früheren Zeiten, als er ausschließlich das Individuum behandelte und die Krankheit ausschließlich als ein Thema des Individuums sah und damit vielleicht öfter gescheitert ist. Wenn ich heute jemanden behandle, frage ich ihn, ob es dieses Thema in seinem Familienfeld, seinem sozialen Feld, seinem Arbeitsfeld oder seinem Liebesfeld auch oft gibt.
Ich habe es insofern einfach, weil ich meine Patienten sowieso vorteste und die Systeme ganz klar sagen, was sie brauchen. Fazit: Wir wissen heute, dass ein Großteil der Krankheiten nicht individuell produziert, sondern übernommen sind – aus Liebe, Treue oder auch aus Glück. Ich erlebe, dass ich viel meines Glückes dadurch übernommen habe, dass sich meine Mutter dieses Glück auch erlaubte und ich aus der Verbundenheit die Erlaubnis bekam, mir mein Glück zu nehmen. So wie manche Menschen sich ihr Glück nie in ihrem Leben nehmen, weil sie immer noch den Unglücklichen ihrer Felder treu sind.
Hier hat uns Bert Hellinger – und auch andere Therapeuten – wunderbare Handwerkszeuge gegeben, um uns abzugrenzen und zu sagen: „Das lasse ich bei dir. Das gebe ich zurück. Davon bin ich jetzt frei.“ Wir müssen heute nicht mehr den Toten in den Tod, den Unglücklichen in ihr Unglück und den Kranken in ihre Krankheit folgen, nur weil wir mit ihnen verbunden sind. Das Wissen um Vernetzung hat Therapie radikal verändert. Die Homöopathen haben das schon immer erahnt in ihrer miasmatischen Therapie, die besagt, dass es sicher viele Krankheiten gibt, die wir uns in unserem Leben selbst gemacht haben, aber es gibt ererbte Krankheiten, die anders behandelt werden müssen als die selbstgemachten. Die erste Antwort ist also: Das Wissen um Vernetzung hat Therapie fundamental verändert!


Was ist die zweite Seite der Medaille?
Dass auch der Therapeut in die Vernetzung mit eingebunden ist. Dieser Fokus ist in den letzten Jahren verstärkt aufgerufen worden. Wir haben herausgefunden, dass viele Therapeuten deshalb krank werden, weil hier auch – in diesen Fällen unfreiwillige – Vernetzung stattgefunden hat und damit keine bewusste Entnetzung. Freiheit ist, wenn ich mich vernetzen kann, wenn ich mich aus dem Bewusstsein der Ungetrenntheit ganz zum Teil des unendlichen Feldes mache und wenn ich dann aber auch aus diesem Feld wieder komplett rausgehen kann. Das ist der Zustand von Freiheit: Zu entscheiden, ob ich mich ganz zum Teil eines Feldes mache oder ob ich mich wieder entnetze. Es gibt sogar spezielle homöopathische Mittel für Therapeuten, die nicht aus dieser Vernetzung herauskommen.



Dann müsste doch jeder individuelle Akt des Heilens auch Auswirkungen auf andere haben?
Ja. Viele geistige Lehrer haben mir in meinen Träumen gesagt, dass alles, was wir tun und alles was wir schöpfen, in eine größere kollektive Schöpfung eingeht. Manchmal empfange ich von Vywamus Durchsagen und einmal sagte er mir, ich solle das alles nicht so persönlich nehmen – mir ging es gerade nicht so gut –, sondern meine Arbeit so wahrnehmen, dass ich – übertrieben gesagt – Zärtlichkeit für die mittlere Galaxis zünde und ich soll doch mal begreifen, dass ich die nicht für MICH zünde, sondern als Weltrettungsaktion. Das ist vielleicht ein bisschen egomanisch, aber ich finde es im Nachhinein nicht blöd, denn alles, was wir an Liebe, Zärtlichkeit und Entwicklung leisten, hat einen Einfluss auf einer höheren Ebene. Da bin ich fest von überzeugt.
Wir haben an der SHS einen Spruch, den wir bei manchen Seminaren sprechen: „Wir haben uns an diesem Nachmittag wieder jeder Einzelne, aber auch ein Stückchen die Welt heiler gemacht.“ Das stimmt. Vywamus hat es in einem Satz zusammengefasst, in dem es um die Moral ging: „Alles, was wir tun und was der Lebendigkeit und dem Wachstum an sich dient, ist moralisch. Alles, was wir tun könnten und was der Lebendigkeit und dem Wachstum von uns, aber auch dem großen Ganzen dient und was nicht getan wird, ist unmoralisch.“ Damit meint er, dass alles, was wir tun, geprüft werden sollte, ob es nicht wirklich, selbst wenn es für uns erst einmal schwierig anfühlt, einem Heilwerden eines Größeren wirklich dient. Und ob wir, wenn wir es nicht tun, nur weil wir Angst haben, in unserer kleinbürgerlichen Existenz Probleme zu kriegen, nicht auf einer größeren Ebene viel mehr Schaden und Defizit anrichten als in unserer kleinen Welt. Diese Einstellung ermutigt jeden Einzelnen, viel radikaler in seinem Tun zu sein, als wenn er nur auf sich schaut.
Ich gebe dieses Jahr meinen Schülern in ihren Zeugnismappen die folgenden zwei Sätze mit. Der erste ist von Albert Camus: „Der einzige Umgang mit einer unfreien Welt ist, so frei zu werden, dass allein deine Existenz schon zum Akt der Rebellion wird.“ ICH muss in dieser Gesellschaft so frei werden, dass nur meine Existenz ein Akt der Rebellion ist – was für ein Satz! ICH muss die Rebellion sein. Ich muss in mir so frei werden, dass ich ein Akt der Rebellion bin. Und meine Lieblingspoetin Gioconda Belli hat ihr Leben lang gegen die Unterdrückung gekämpft und auch dieser Satz ist genial, „dass niemand faul, ängstlich und träge die Erde bewohne, damit unsere Liebe gewaltig wie Erdbeben und Sturmfluten werde, wie Zyklone und Hurrikane und alles, was uns beengt, verfliege im nichts, während neue Männer und neue Frauen geboren werden, aufrecht und leuchtend wie Vulkane.“

Der Autor Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanische Heilkunst.

weitere Infos: www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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