aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Oktober 2012
Die dunkle Seite der Verbundenheit. Von Ursula Richard


In allen Kulturen gibt es vielfältige Rituale und Konventionen, Verbindung und Verbundenheit herzustellen und auszudrücken. Sich zu verbinden und verbunden zu fühlen ist menschheitsgeschichtlich immer eine überaus starke Kraft gewesen. Es sichert den Zusammenhalt in der Familie, der Sippe, dem Klan, der Nation, und der Einzelne versichert sich seiner Zugehörigkeit. Verbundenheit zum eigenen Klan hat aber fast immer bedeutet, Menschen eines anderen Klans als Fremde, als Andere zu sehen, was je nach gesellschaftlichen Gepflogenheiten besondere Gastfreundschaft oder tiefe Feindschaft nach sich ziehen kann. Das ist bis heute so geblieben. Nationalismus und religiöser Fundamentalismus sind der vielleicht deutlichste Ausdruck dieses Kippbildes, das uns einmal Verbundenheit und einmal Ausgrenzung zeigt. Beides kennen vermutlich die meisten von uns auch aus eigenem Erleben.

Seit wir als Kleinkinder aus der Einheit herausgefallen sind und uns langsam dämmerte, welch hohen Preis das triumphierende »Ich will« im Grunde hat, kennen wir die tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit, das wunderbare Glücksgefühl, wenn wir sie erleben, und erfahren doch auch immer wieder Nicht-dazu-Gehören, Ausgegrenztsein und setzen, in diesem Wissen, andere manchmal recht gern diesen Gefühlen aus.

Ein offenes Geheimnis ist, dass unsere tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit und Dazugehörigkeit vielfach ausbeutbar ist. Ihrer haben sich die großen Diktaturen des letzten Jahrhunderts ebenso bedient wie moderne Werbestrategen und (falsche) Gurus. Nur allzu deutlich ist mittlerweile geworden, was Menschen zu tun bereit sind, um Verbundenheit zu spüren und sich als Teil eines Ganzen oder Volkskörpers zu empfinden. Um ihre Verbundenheit aufrechterhalten und leben zu können, sind sie im Extrem bereit zu denunzieren, zu bespitzeln, zu töten; in spirituellen Gruppen bei uns heutzutage vielleicht eher, dem Lehrer recht blind zu folgen, die eigene Meinung, das eigene Urteilsvermögen vor der Tür zu lassen, auf andere herabzusehen, bei skandalösem Verhalten des Lehrers wegzuschauen und so weiter.

Im Rausch der Verbundenheit
Die Macht der Verbundenheit habe ich Mitte der siebziger Jahre sehr eindrücklich bei einer Demonstration anlässlich des Sturzes und der Ermordung des chilenischen Präsidenten Allende erlebt. Damals studierte ich in Marburg und wir Studenten zogen eines Abends in einem Fackelmarsch durch die Straßen, riefen unsere Parolen und fühlten uns in unserem Zorn vereint und ungemein stark. Ich erlebte mich als Teil dieser Masse und es fühlte sich wunderbar an, doch immer wieder kamen mir auch die bekannten Bilder von Fackelaufmärschen nur wenige Jahrzehnte zuvor in den Sinn; die Parolen waren ganz andere, doch die Empfindungen der Demonstrierenden werden vermutlich ganz ähnliche gewesen sein wie bei den Nazis: Sie waren berauscht von Gefühlen der Verbundenheit, sie fühlten sich aufgehoben in einem großen Ganzen. Seitdem wusste ich sehr genau, und nicht mehr nur aus den Geschichtsbüchern, wie machtvoll und berauschend sich Verbundenheit anfühlt, wie verführbar diese Sehnsucht ist und wie glücklich man sich schätzen kann, wenn die Bedingungen so sind, dass sie nicht in einem destruktiven Rahmen ausagiert werden muss. Und ich wusste, dass das bloße Gefühl der Verbundenheit letztlich nichts bedeutet; es adelt nicht den, der es empfindet, es bestätigt nicht die »Richtigkeit« von irgendetwas, noch geht damit eine irgendwie geartete moralische Qualität einher.

Wir sind Organe eines Körpers
Auch in spirituellen Traditionen wurde und wird manchmal das Bild von Körper, Körperteilen und Zellen benutzt, um das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen zu bestimmen und unser aller Verbundenheit auszudrücken – eine durchaus zweischneidige Metapher. Deren Ambivalenz beschreibt der buddhistische Lehrer und Autor Stephen Batchelor so:
»Ein organistisches Verständnis des Lebens lässt sich vollkommen mit gewalttätigen, autokratischen, hierarchischen und undemokratischen Gesellschaftsmodellen vereinbaren. Darauf haben sich faschistische Staaten berufen, um den natürlichen Drang der Starken und Gesunden, Schwache und Machtlose zu überfallen, zu rechtfertigen. Die chinesischen Kommunisten verglichen Kriminelle mit einem erkrankten Finger, den man amputieren muss, bevor er den Rest des Körpers vergiftet, um so die Todesstrafe zu rechtfertigen. In jedem dieser Beispiele dient die Metapher dazu, die Unterdrückung eines Teils der Gesellschaft durch einen anderen zu rechtfertigen. Eine politische oder religiöse Elite kann ihre Privilegien sichern, indem sie die anderen davon überzeugt, dass sie von Natur aus dazu bestimmt sind, eine untergeordnete und unterwürfige Rolle zu spielen …

Die bloße Erkenntnis der organistischen gegenseitigen Verbundenheit der Gesellschaft reicht nicht aus, um Mitgefühl für andere zu wecken.
Und ebenso wenig impliziert der indische Glaube, alle Menschen seien als Mitglieder eines Körpers eins, dass alle Anspruch auf die gleichen Rechte und Freiheiten haben.
Denn auch wenn das Gehirn und ein Zeh miteinander verbundene Teile des gleichen Ganzen sind, gewährt ihnen das nicht die gleiche Bedeutung. Der Organismus kann ohne einen Zeh weiter funktionieren, aber nicht ohne ein Gehirn. Ein Teil ist entbehrlich, während der andere es nicht ist.«


Das Auge, das sich mit dem Fuß identifiziert
Doch gilt die Erkenntnis unserer wechselseitigen Verbundenheit im Buddhismus nicht als das Tor zum Mitgefühl? Ja, und ich glaube, dass sie uns dieses Tor auch tatsächlich öffnet, wenn wir sehen, dass Verbundenheit, im Buddhismus würde man von abhängigem Entstehen oder auch Leerheit sprechen, auf einer tiefen Ebene über die Kippfigur Verbundenheit/Ausgrenzung hinausgeht. Meister Eckhardt hat dies so ausgedrückt: »Wenn der Fuß sprechen könnte, würde er sagen, dass das Auge, obgleich es sich im Kopf befindet, so sehr sein eigen ist, als befände es sich im Fuß, und das Auge würde seinerseits das gleiche sagen.« Jeder Teil identifiziert sich instinktiv mit den anderen Teilen des gleichen Ganzen. »Wenn jemand auf den Fuß eines anderen tritt«, sagt Meister Eckhardt, »ist es die Zunge, die sagt: ›Sie sind mir auf den Fuß getreten.‹«

Wir brauchen ein weites Herz
Das Gefühl der Verbundenheit führt uns immer auch über uns selbst hinaus. Die Sehnsucht, die sich darin ausdrückt, weist in die Richtung einer Selbsttranszendierung und schafft zugleich die Motivation, diesem Weg, auch wenn er durch unbefestigtes Gelände führen mag, zu folgen. Und natürlich kann es ganz schnell auch wieder eng werden, wenn wir diese Sehnsucht begrenzen und Verbundenheit nur erleben und aus ihr heraus agieren, wenn wir an unsere Familie, unseren Partner, unseren Fußballverein, unser Land, und so weiter denken. Wenn Verbundenheit mehr ausschließt als einschließt und wir uns in der Heimeligkeit eines Wir einrichten, das »die anderen« draußen lässt und ausgrenzt.
Aber wir müssen ja nicht dabei stehen bleiben; dem Gefühl der Verbundenheit wohnt eine Grenzenlosigkeit inne, die uns ängstigen, aber auch unser Herz weit machen kann. Und ein weites Herz brauchen wir, um in unserer globalisierten Welt, in der unsere wechselseitigen Abhängigkeiten so offenkundig geworden sind, Antworten zu finden, die nicht in Angst und Enge, sondern in Liebe und Mitgefühl gründen.
Zwar mögen wir in unserem Denken und Handeln noch vielfach Verbundenheit leugnen, doch letztlich ist auch unser Leugnen Ausdruck von Verbundenheit, denn wir können ihr gar nicht entkommen. Und das ist auch gut so.

In erweiterter Form erschien dieser Beitrag in der Zeitschrift Connection 8/2012. Für die KGS Berlin gekürzt und überarbeitet.


Die Autorin Ursula Richard, Jg. 55, Verlegerin der „edition steinrich“, eines Verlages für Buddhismus und gelebte Spiritualität, langjährige Zen-Übende, Mitbegründerin des Akazienzendo, Autorin von „Die drei Pfeiler des Glücks - Achtsamkeit, Freude, Dankbarkeit“ (Knaur, 2010); „Stille in der Stadt, Cityguide für kurze Auszeiten und überraschende Begegnungen“ (Kösel, 2011). www.ursula-richard.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.