aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe September 2012
Renaissance der Menschheit. Aus dem Buch von Charles Eisenstein

Der Amerikaner Charles Eisenstein ist ein interessanter Denker aus dem Umfeld der Occupy-Bewegung. Er hat für sein neues Buch, Die Renaissance der Menschheit, zehn Jahre zu essenziellen Lebensbereichen wie Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft, Bildung, R

Zwei Dinge zeichnen den Menschen vor jeder anderen Spezies aus: die Kraft und die Möglichkeiten, seine Umwelt zu manipulieren, und die Fähigkeit, Wissen zu akkumulieren und über Generationen hinweg weiterzugeben. Die erste dieser Gaben nennen wir Technologie; die zweite nennen wir Kultur. Sie sind für unser Menschsein von zentraler Bedeutung. Gewachsen über Tausende von Jahren, haben Kultur und Technologie uns Menschen in ein abgetrenntes Reich geführt.
Mehr als jedes Tier leben wir umgeben von unseren eigenen Artefakten. Darunter gibt es Arbeiten von vortrefflicher Schönheit, Komplexität und Kraft, menschliche Kreationen, die zur Zeit unserer Vorfahren nicht hätten existieren können – ja, nicht einmal denkbar gewesen wären. Selten nur halten wir inne, um die Kühnheit unserer Errungenschaften zu würdigen: Einfache Objekte, wie etwa eine CD, ein Mobiltelefon oder ein Flugzeug, wären noch vor wenigen Jahrhunderten als fantastisch erschienen. Wir haben ein Reich der Magie und der Wunder erschaffen. Auf der anderen Seite jedoch ist es recht leicht, Technologie und Kultur nicht als Geschenk zu sehen, sondern als Fluch. Nach Jahrtausenden der Entwicklung ist die Fähigkeit, die Umwelt zu gestalten, eine Kraft geworden, welche die Umwelt zerstört, während die Fähigkeit, Wissen weiterzugeben, auch dazu führt, dass Hass, Unrecht und Gewalt an die Nachkommen weitergegeben werden. Heute, da Zerstörung und Gewalt ein fiebriges Crescendo erreichen, können nur noch wenige leugnen, dass sich die Welt in einem Zustand der Krise befindet. Die Geister scheiden sich vielmehr daran, wie genau diese beschaffen sei: Einige sagen, sie sei vordringlich ökologisch, andere sprechen eher von einer moralischen Krise, einer sozialen, ökonomischen, politischen Krise, einer Gesundheitskrise und sogar einer spirituellen Krise. Es herrscht allerdings Einigkeit darüber, dass es sich um eine Krise menschlichen Ursprungs handelt.
Die Folge ist Verzweiflung: Bringt unser Menschsein die gegenwärtige Zerstörung der Welt automatisch mit sich? Sind Genozid und Ökozid der unausweichliche Preis für die Herrlichkeit von Zivilisation? Müssen die Errungenschaften von Kunst, Literatur, Wissenschaft und Technologie auf den Trümmern der Natur und dem Elend ihrer Bewohner fußen? Können wir den Mikrochip ohne Ölteppiche, Tagebau und Giftmülldeponien bekommen? Muss im Schatten jeder Kathedrale eine Frau auf dem Scheiterhaufen brennen? Mit anderen Worten, kann das Geschenk der Technologie und der Kultur auf irgendeine Weise vom Fluch getrennt werden? Die zerschmetterten utopischen Träume der letzten Jahrhunderte lassen wenig Hoffnung. Trotz der Wunder, die wir erschaffen haben, teilen die Menschen über das ideologische Spektrum hinweg – von christlichen Fundamentalisten bis hin zu ökologischen Aktivisten – die Vorahnung, dass sich die Welt in ernster, wachsender Gefahr befindet. Kurzfristige, umgrenzte Verbesserungen können diese offensichtliche Fehlentwicklung nicht verbergen, welche die gesamte Gesellschaft wie auch unser persönliches Leben selbst durchdringt.
Auch wenn wir uns bei jedem auftretenden Problem und vorhersehbaren Risiko zu helfen wissen, so verbleibt doch eine grundlegende Unruhe. Ich beziehe mich einfach auf dieses Gefühl: „Irgendetwas stimmt hier nicht.“ Irgendetwas ist so fundamental falsch, dass Jahrhunderte unserer besten Absichten und klügsten Bemühungen, eine bessere Welt zu schaffen, gescheitert sind oder gar einen gegenteiligen Effekt hatten. Sobald diese Einsicht bewusst wird, reagieren wir mit Verzweiflung, Zynismus, Benommenheit und Distanzierung. Doch wie vollständig die Verzweiflung, wie bitter der Zynismus auch sein mag, es winkt die Chance auf eine Welt, die schöner ist, und auf ein Leben, das großartiger ist, als wir es heute kennen. Auch wenn wir es rational fassen wollen, es ist nicht rational. Wir werden uns dieser Erkenntnis in kurzen Momenten bewusst, in Lücken, welche die Hast und der Druck des modernen Lebens aufreißen. Diese Momente kommen zu uns, wenn wir allein in der Natur sind, in Gegenwart eines Neugeborenen, während der körperlichen Liebe, beim Spielen mit Kindern, bei der Pflege eines sterbenden Menschen, beim Musizieren um der Musik willen oder bei der Erschaffung des Schönen um des Schönen willen. In solchen Augenblicken zeigt uns die simple und einfache Freude die Sinnlosigkeit des überwältigenden, lebensverzehrenden Programms von Lenkung und Kontrolle. Wir spüren intuitiv, dass etwas Ähnliches auch kollektiv möglich ist. Einige haben es vielleicht schon erfahren bei kooperativen Tätigkeiten, die natürlich und ohne Anstrengung geschehen. Sie fungieren quasi als Instrument eines höheren Zwecks, der größer ist als wir selbst und der uns paradoxerweise individuell zu mehr macht und nicht zu weniger, selbst wenn wir uns der Sache ganz und gar hingeben. Das ist, was Musiker meinen, wenn sie sagen: „Die Musik spielte die Band.“

Eine andere Form des Seins ist möglich,
und das direkt vor unseren Augen, näher als nah;
so viel ist offensichtlich sicher.


Dennoch entschlüpft es auch wieder so schnell, dass wir kaum glauben, es könnte die Grundlage für das Leben bilden. Daher schreiben wir es einem Leben nach dem Tode zu und nennen es Himmel, oder wir schreiben es einer ungewissen Zukunft zu und nennen es Utopia (wenn die Nanotechnologie all unsere Probleme lösen wird ... wenn wir alle lernen, freundlich zueinander zu sein ... wenn ich irgendwann einmal nicht so viel um die Ohren habe ...).Wie auch immer, wir trennen es ab von dieser Welt und diesem Leben; dadurch streiten wir im Hier und Jetzt ab, dass es praktikabel und realisierbar ist. Doch das Wissen, dass das Leben mehr ist als „nur das“, kann nicht unterdrückt werden, jedenfalls nicht für immer. Ob nun für mich oder die Welt, ich teile mit Träumern, Utopisten und jungen Leuten die ungebührliche Intuition, dass das Leben und die Welt ein großartiges Potenzial besitzen, dass sie mehr sein könnten als das, was wir daraus gemacht haben.
Unsere augenblickliche Selbst-Welt-Unterscheidung – und ihre konsequente Zergliederung der gesamten Welt in eigenständige Einheiten – hat ihre Brauchbarkeit als dominantes Paradigma eingebüßt. Unsere Individuation – als Individuen und als eine von der Natur abgetrennte Spezies - ist abgeschlossen; tatsächlich ist sie mehr als abgeschlossen. Was mit der Landwirtschaft und schon zuvor mit dem Herantasten des Frühmenschen an die Technologie von Stein und Feuer begann, hat seine äußerste Grenze erreicht. Sie hat uns weit getragen, diese Separation; sie hat die Erschaffung von Wundern entfacht. In dem Umfang, in dem die Separation eine Illusion ist und wir auch Teil der Natur sind, hat die Illusion wiederum eine neue Gewalt der Natur entfesselt, die den Planeten transformiert. Doch wenn unsere menschlichen Attribute, der Gebrauch von Hand, und Verstand, ebenfalls natürlich sind, was ist dann mit „Harmonie, Schönheit und Authentizität“ geschehen, deren Fehlen in der Welt der Technologie jeder spüren kann? Können wir jemals jenen menschlichen Zustand erreichen, dessen Möglichkeit wir in Momenten seelischer Verbindung spüren?

Auszug aus: Charles Eisenstein, Die Renaissance der Menschheit, mit freundlicher Erlaubnis des Verlags.


Buchtipp:
Charles Eisenstein,
Die Renaissance der Menschheit - Über die große Krise unserer Zivilisation und die Geburt eines neuen Zeitalters,
784 Seiten, 22,95 €,
Scorpio Verlag


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.