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Ausgabe September 2012
Miteinander statt gegeneinander. Konflikte partnerschaftlich lösen durch emotionale Präsenz - Von Jochen Meyer


Es gibt wohl kaum eine schwierigere Situation in einer Liebesbeziehung, als wenn zwei Partner einander emotional verletzen und in ihrer jeweiligen Verletztheit nicht mehr zu einem guten Umgang zurückfinden. Wie beginnen wir in einer solchen Situation ein heilsames Gespräch? Wie sollen wir offen auf einander zugehen, wenn wir selbst getroffen sind und nur noch um uns schlagen wollen?
Ein Paar kommt zu mir in die Beratung: „Wir geraten immer wieder über denselben Konflikt miteinander in Streit. Mein Freund trifft sich noch immer mit seiner Ex-Partnerin, und wenn ich ihn frage, was da zwischen den beiden läuft, hält er mir Vorträge und gibt mir das Gefühl, beziehungsunfähig zu sein.“ Er hält dagegen: „Ich habe nichts mit meiner Ex. Wir treffen uns gelegentlich zu einem Kaffee, aber das glaubst du mir ja nicht. Es nervt mich total, wenn du mich deswegen immer wieder anmachst. Das kann ich überhaupt nicht ab; ich lasse mir doch nicht vorschreiben, mit wem ich mich treffe.“ Beide signalisieren mir: „Wenn sich mein Partner nicht ändert, ist es mit unserer Beziehung vorbei“, und obwohl sie ansonsten gut miteinander auskommen und viel Liebe füreinander empfinden, spüre ich, dass dieses Thema genügend Sprengstoff birgt, um die Beziehung zum Scheitern zu bringen.


Emotional präsent werden für den eigenen Schmerz
Zunächst einmal erkläre ich beiden, dass solche Konflikte zwischen Liebenden vorkommen, ja sogar nötig sind. Wenn wir uns wirklich aufeinander einlassen, ist es unvermeidbar, dass wir gelegentlich emotional an unsere Grenzen stoßen. Niemand anders als unser Partner ist besser imstande, uns mit unseren wunden Punkten zu konfrontieren. Natürlich fühlt sich das anfangs bedrohlich an und eine Seite in uns will diese unangenehmen Gefühle auf keinen Fall fühlen. Aber die Kunst besteht darin, jetzt nicht in den Krieg zu ziehen und den uns emotional verletzenden Partner als Bösewicht zu bekämpfen. Ich lade meine beiden Klienten zu einer anderen Sichtweise ein: „Wie wäre es, wenn ihr euren Partner als spirituellen Lehrer betrachtet, der euch beim Wachsen helfen will – und nicht als Gegner, der euch Übles will?“ Beide ahnen, dass sie so einen neuen Zugang zu dem Drama bekommen, das sie in ihrer Beziehung inszenieren. Jetzt wenden wir uns der Kunst des friedvollen Miteinanders zu, deren Geheimnis heißt: „Werde emotional präsent für deinen eigenen Schmerz!“ Nur, wenn wir uns unseren eigenen seelischen Schmerzen zuwenden, werden wir auch fähig sein, der emotionalen Not unseres Partners offen zu begegnen. Dafür müssen wir uns jedoch zuerst unsere eigene Not eingestehen, die unerträglich scheinenden Gefühle zulassen und uns mit unseren Schattenseiten annehmen lernen. Erst dann können wir emotional offen miteinander umgehen und einander wirkliche Partner sein.


Erlauben Sie sich, unzulänglich zu sein!
Beide packen diese Aufgabe mit großem Eifer an. Für beide beginnt ein schmerzhafter Prozess der Auseinandersetzung mit sich selbst. In den Gesprächen mit mir entdecken sie, welche wunden Punkte durch das Verhalten des Partners jeweils bei ihnen getroffen werden. Sie erkennt, dass der Umgang ihres Partners mit seiner Ex-Freundin lediglich ein Auslöser für ihre eifersüchtigen Gefühle ist. Er wiederum erkennt einen seiner wunden Punkte darin, dass er nur schwer die Vorwürfe einer Frau ertragen kann. Als beide einsehen, dass sie ihre eigenen Themen in diesem Konflikt haben, gebe ich ihnen zu verstehen, dass es an ihnen liegt, ihre Reaktionen und ihr Verhalten zu ändern und dass sie die Wahl haben, souveräner zu agieren oder verletzt zu reagieren wie bisher. Sie verzichten mehr und mehr auf feindselige oder andere distanzierende Äußerungen. Die Stimmung zwischen ihnen wird nachhaltig besser. In zwischen die Paarberatungen gelegten Einzelsitzungen richten wir den Fokus darauf, wie beide ihr inneres Gleichgewicht wiederherstellen und halten können. Beide kümmern sich jetzt verstärkt um ihre eigenen Verletzungen. Sich selbst damit annehmen, unzulänglich zu sein, klein, hilflos, von wirren Emotionen getrieben und kein kompetenter, souveräner Partner, wie es der erwachsene Selbstanspruch fordert, ist für beide sehr heilsam.
Meditative Übungen wie das achtsame Beobachten der eigenen Gedanken und Gefühle schärfen die Selbstwahrnehmung und ermöglichen ihnen eine distanziertere Sicht auf ihre emotionalen Reaktionen.
Das Arbeiten mit Botschaften wie „Ich bin mehr als meine Verletzungen, mehr als mein Erleben, Fühlen, Denken!“ unterstützt den Prozess auf der kognitiven Ebene. Beide werden präsenter für ihre eigene Not, müssen nicht mehr so viel davon am Partner abreagieren. Die Spannungen nehmen spürbar ab.


Die heilsamen Folgen des Präsent-Seins
Dann taucht der Wunsch auf, gemeinam über Emotionen zu reden: „Wir sprechen in der Beratung immer offener über unsere Gefühle, aber wenn wir das zuhause versuchen, kommen wir nicht weiter!“ Ich schlage vor, wechselseitig vorzugehen. Die Aufgabe für den einen Partner lautet: „Erzähle so genau wie möglich von dem, was in dir vorgeht, von deinem Erleben, deiner Sicht, deiner Wahrheit.“ Und die Aufgabe für den anderen heißt: „Sei einfach nur da – höre aufmerksam zu und sei mit deiner ganzen emotionalen Präsenz anwesend! Keine Kommentare, keine Urteile, keine Lösungsvorschläge.“ In der nächsten Sitzung kommen beide mit leuchtenden Augen zu mir: „Es ist unglaublich, was wir erleben – ich fühle mich das erste Mal wirklich von meinem Freund gesehen, weil er so betroffen geschwiegen hat, und nicht weil er wieder etwas Kluges gesagt hat, wie sonst“, beginnt sie. Und er bestätigt: „Ich erkenne jetzt, dass ich durch meine Vorträge immer versucht habe, mir ihren Schmerz vom Leib zu halten, einfach weil ich nicht damit umgehen konnte. Jetzt muss ich nicht mehr dagegen ankämpfen, wenn meine Freundin emotional reagiert, ich bleibe jetzt einfach bei ihr und schaue sie liebevoll an. Und wissen Sie was?“ sagt er zu mir, „sie kommt viel schneller wieder runter!“ Sie nickt zustimmend und ergänzt: „Wir verlieren keine Energie mehr mit nervenaufreibenden Diskussionen, wir lassen einander sein und versuchen nicht, einander zu ändern. Seitdem wir uns offen austauschen, ist unsere Beziehung viel entspannter!“
Wenn wir in einer Liebesbeziehung auf diese Weise mit unseren Emotionen umgehen, entdecken wir, dass Gefühle in der Regel nur gefühlt werden wollen, um ihre bedrohlich wirkende Ladung zu verlieren. Oft bedarf es keiner besonderen „Lösungen“, um schwierige Emotionen zu entschärfen. Die Lösung besteht darin, den Emotionen Raum zu geben, in dem sie sich zeigen können, und zwar solange, bis sie ihre Ladung verlieren. Gerade bei Emotionen, die wir unterdrückt oder uns jahrelang nicht eingestanden haben, kann das jedoch länger dauern. Vor allem am Anfang, wenn etwas vehement und plötzlich aufbricht, fallen wir schnell wieder in die alten, destruktiven Muster zurück. In einer solchen Phase ist professionelle Begleitung hilfreich; genauso dann, wenn wir uns längere Zeit überfordert fühlen oder wie das hier vorgestellte Paar an bestimmten Konflikten hängen bleiben. „Heute verstehen wir unsere verletzlichen Seiten besser und reagieren nicht mehr so heftig“, erzählt meine Klientin. Und ihr Partner fügt hinzu: „Wir wissen genau, welche Knöpfe wir beim anderen drücken müssen, um ihn hochgehen zu lassen. Aber was wirklich besonders ist: Wir können jetzt darüber reden und uns aus dem emotionalen Stress heraushelfen.“ Für beide war es ein ziemliches Stück Arbeit, so mit ihren emotionalen Reaktionen umgehen zu lernen.
Ich selbst erlebe, dass das Annehmen und Entschärfen von schwierigen Emotionen so etwas zu sein scheint wie ein jahrelanger Reinigungsprozess, der in immer neuen Phasen durchlaufen wird und immer feinere Schichten von Erleben freisetzt. Und es ist einfach toll, wenn man als Paar aus einem kräftezehrenden Gegeneinander zu einem stärkenden Miteinander findet. Wenn man lernt, einander liebevoll dabei zu begleiten, seine alten Wunden zu heilen. Wenn wir aufhören, im Kriegszustand mit unseren eigenen unerwünschten Emotionen zu leben, wird auch das friedliche Miteinander in unseren Beziehungen größer. Ich denke, so wird es überhaupt erst möglich.


Autoreninfo:
Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.


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