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Ausgabe Juli 2012
KGS Traumkolumne von Klausbernd Vollmar - Östlich westliche Heilweisen


Meine Deutung Ihrer Träume ist der ältesten westlichen Heiltradition verpflichtet. Sie geht auf Asklepios, im klassischen Griechenland der Gott der Heilkunst, zurück, der nicht nur Tote erwecken, sondern auch alle Krankheiten mit der Traumdeutung heilen konnte. Sein Kult war über zweitausend Jahre lang weit verbreitet und besaß einen seiner wichtigsten Tempel in Epidauros, wohin der Kranke pilgerte, um nach den obligatorischen Reinigungsritualen sich im Abaton, dem Schlafsaal, auf jene Kline zu legen, die unserem heutigen Wort Klinik seinen Namen gab. Die Erwartungshaltung und geschickte Inszenierung verhalfen den Kranken zu einem Traum. Dieser wurde, in Erwartung einer Spende, von einem Priester gedeutet und der Kranke gesundete. So berichten Stelen aus Epidauros und Pergamon mit Inschriften von Geheilten.
Zu Beginn unserer Heilkunst stand also die Redekur, wie Sabina Spielrein Freuds Psychoanalyse treffend nannte. Kühn würde ich behaupten, dass diese Wichtigkeit des Worts bereits im Schöpfungsbericht des Alten Testaments anklingt, wenn es heißt: „Im Anfang war das Wort“.
Asklepios, der bei den Römern zum Äskulap wurde, tritt heute noch in den Träumen Kranker auf. Er erscheint dem Klischee entsprechend als eine meist weißgewandete ältere Gestalt, die einen Hinweis auf die Heilung der Krankheit oder ihre Ursachen gibt.
Dass der Traum heilt, hat die westliche Kultur zutiefst geprägt, von den Anfängen bis hin ins zweite Jahrhundert zu Galen, dem berühmtesten Arzt der Antike, der das Mittel der Wahl für seine Patienten träumt – so wird es von seinen Anhängern berichtet.
Eine vergleichbare Beachtung der Träume finden wir im Islam, da der Prophet seine Träume wichtig nahm. Im Islam wie im Christentum spricht der Herr zu den Seinen im Traum und die Seinen betreiben emsig Traumdeutung, um des Herrn symbolische Sprache zu verstehen. Da der Herr als hilfreich gedacht wird, ist er zugleich der große Heiler, der Kranken ihr Heilmittel verabreicht, eben den Traum. So ist verständlich, dass die Traumdeutung am Anfang unserer Heilkunst steht.

Klausbernd Vollmar (web: www.kbvollmar.de) leitet regelmäßig Traumgruppen in Berlin.


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