aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juli 2012
Advaita - West meets East. Interview mit OM C. Parkin

Gerard Kever im Gespräch mit dem Weisheitslehrer OM C. Parkin

Als einer der ersten führte OM C. Parkin die uralte indische „Advaita-Lehre“ in den deutschsprachigen Raum ein. „Advaita“ ist die Lehre von der Nicht-Dualität, die besagt, das alles e i n Bewusstsein ist, der deutschsprachige Raum aber ist extrem auf den Verstand hin ausgerichtet, der sich ausschließlich in der Dualität bewegt und Nicht-Dualität gar nicht erfassen kann. Als Advaita-Lehrer folgt er der Übertragungslinie des indischen Weisen Ramana Maharshi, die sich über Poonjaji, der OM seinen spirituellen Namen gab, und Gangaji, in deren Satsang er seine wahre Natur erkannte, auf OM übertrug. Zugleich ist er jedoch als Therapeut und langjähriger Enneagrammlehrer außerordentlich gut vertraut mit der Funktionsweise des westlichen Verstandes.

G.K.:Du spielst für die Verbreitung der Advaita-Lehre im deutschsprachigen Raum eine entscheidende Rolle. Durch deine Darshans verbreitet sich diese „Nicht-Lehre“, wie Advaita oft genannt wird, weil sie nicht gelernt, sondern nur erfahren werden kann, in bislang unbekanntem Ausmaß bei uns in Deutschland. Bedeutet das nicht auch, dass du mit deiner Arbeit das westliche Gesicht von Advaita mitprägst? Welche Wandlung vollzieht die Lehre der Nicht-Dualität in der Begegnung mit dem Westen?
OM: In der Lehre selbst vollzieht sich überhaupt keine Wandlung. Der Geschmack dieser Lehre wird natürlich im Westen ein anderer sein, und die Lehre, die in OM ihr Sprachrohr wählt, wird ganz selbstverständlich die Erfahrungen und das Wissen nutzen, das durch diesen Körper-Verstand-Mechanismus gesammelt worden ist. Ich bin ja gar nicht auf die Lehre von Advaita gestoßen, ich bin durch die Erfahrung eines massiven Schocks direkt hineingestoßen worden. Und bevor ich dann begann, Darshan zu geben, habe ich mich bereits für Psychologie interessiert und habe auch in begrenztem Maße, das muss ich vom heutigen Standpunkt aus sagen, Selbsterforschung betrieben. Und diese kleine Selbsterforschung, wie ich sie nenne – durch esoterisches, psychologisches Wissen ermöglicht – kann sehr wohl Darshan und Advaita dienlich sein.

Ist deshalb nicht ein westlicher Lehrer effektiver für die spirituellen Sucher aus dem Westen, als es ein östlicher Guru sein kann?
OM: Es wäre sicherlich zu einfach, die Frage pauschal zu beantworten. Was sicher ist, ist, dass ein Mensch, der im westlichen Kollektiv groß geworden ist, die Versuchungen des westlichen Geistes wesentlich besser kennt, als ein Mensch, der im östlichen Umfeld groß geworden ist. Und der westliche Geist unterscheidet sich außerordentlich vom östlichen.

Kannst du dir vorstellen, dass unsere Kultur aufgrund der großen Gegensätzlichkeit und des großen inneren Leidens besonders empfänglich ist für Advaita?
OM: Da würde ich keinen Unterschied machen zwischen West und Ost. Der Wunsch zu Hause zu sein, ist der Wunsch einer jeden Seele. Das Leiden mag in Osten und Westen zwar unterschiedliche Formen angenommen haben, aber der Wunsch ist in der Tiefe überall derselbe.

Deutschland gilt ja als dasjenige Land mit der stärksten Fixierung im Denken. Ist es für die Mehrzahl der spirituellen Sucher nicht geradezu notwendig, Indien mit seiner besonderen Atmosphäre zu erfahren? Oder sollte man den Missverständnissen einer spirituellen Romantik im exotischen Flair östlicher Breitengrade besser aus dem Wege gehen?
OM: Die Lösung der Fixierung ist genau da, wo die Fixierung selbst ist. Genau da, wo diese unerträglichen Zweifel einerseits und diese unerträgliche Überheblichkeit des rationalen Denkens auf der anderen Seite sind, genau dort ist auch die Lösung. Und diese Lösung wird durch die Selbsterforschung in Wachsamkeit erreicht. Wenn jemand bereit ist, wirklich in den Kern dieser Denkmaschine vorzustoßen, dann taucht darunter lange verdrängter Schmerz auf. Dieser Schmerz muss dem Rationalisten wieder zugänglich werden. Und wenn jemand dann noch bereit ist, zum Kern dieses Schmerzes vorzudringen, dann taucht in diesem Schmerz eine noch tiefer liegende Verzweiflung auf. Und im Kern dieser Verzweiflung wiederum ist die Stille selbst erfahrbar. Die Stille ist genau dort erfahrbar, im Zentrum dieser denkenden Unrast, im Zentrum dieser scheinbar nicht enden wollenden Denkmaschine.
Es gibt viele spirituell Suchende, die nach Indien flüchten, um dieser unerträglichen Nähe des massiven denkenden Geistes im Westen zu entkommen. Indien hält die Früchte der Glückseligkeit für dich bereit, aber es hält genauso die Versuchung der, wie du es genannt hast, spirituellen Romantik für dich bereit. Es ist letztlich alles eine Frage der Ernsthaftigkeit, der Wahrhaftigkeit des Reisenden. Selbstverständlich ist Indien ebenfalls ein Land, das voll ist mit falschen Heiligenbildern, mit Scheinheiligen, eingehüllt in Schwaden von Weihrauch, Räucherstäbchen und so weiter.
Aber natürlich ist es keine Frage, dass Indien als das Mutterland, das Ursprungsland der Religionen eine ganz besondere Qualität hat. Es ist das Mutterland jeglicher spirituellen Entwicklung, besonders das Mutterland von Advaita. Die Entfremdung, überhaupt diese Abspaltung von Spiritualität aus dem gesellschaftlichen Leben, ist in Indien lange nicht so stark wie im materialistischen Westen, besonders in Deutschland. In dieses Mutterland einzukehren hat einen unschätzbaren Wert.

u gehst Anfang nächsten Jahres nach Indien, um ein Retreat abzuhalten. Ist das nicht eine ideale Gelegenheit, Darshan zu erfahren?
OM: Wenn sich die Tugenden westlicher und östlicher Selbsterforschung begegnen, so hält das für den Suchenden ein großes Geschenk bereit. Und ich habe in der Zeit, seitdem ich im Westen lehre, mehr und mehr auch die westlichen Tugenden zu schätzen gelernt und wenn sie im Dienste von Darshan eingesetzt werden, dann erfüllen sie ihren wirklichen Zweck, der kein Selbstzweck ist.
Das, was die moderne Psychologie hervorgebracht hat, eine Klärung dieses geistigen Dickichts, in dieser Klärung kann die Transparenz entstehen, die letztlich jedes geistige Konzept einfach auflöst.
Ich nannte vorhin Indien das Mutterland jeglicher Spiritualität, das bedeutet auch, dass in Indien die natürlich Nähe des Selbst viel präsenter ist und damit auch das natürliche Glück, der natürliche Frieden. Für mich war Indien immer eine Reise durch die Glückseligkeit, nicht als Sucht, sondern als Bereicherung der Selbsterforschung. Das ist die Einladung dieses Retreats, das ich Anfang nächsten Jahres geben werde.





Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.