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Ausgabe Juli 2012
Mitgefühl; von Helmut Kuntz

Die wichtigste Übung im Leben

Die Begegnung des Westens mit dem Osten
Die Begegnung des Westens mit dem Osten
Krishnamurti, der große indische Weise, stellt den Menschen in die „Vollkommene Freiheit“, verbunden mit der Verantwortung, sich dieser Freiheit gewachsen zu erweisen. Für ihn existiert kein einzig gültiger Weg zur Erleuchtung, Befreiung oder Wahrheit. Auch Buddha lehrte: „Lasse keinen Stein, ohne ihn umzudrehen“. Als Menschen müssen wir uns lebenslang beherzt fragen: „Welches ist mein persönlicher Weg?“ Kein Zweifel: Die Entdeckung der geistigen und spirituellen Hochkulturen des Ostens, des Buddhismus oder des Hinduismus mitsamt ihren Strömungen kann uns im Westen über alle Maßen geistig bereichern. Mögen wir materiell – trotz neuer Armut – noch so reich sein, spirituell darben wir, sind wir regelrecht am Verhungern. Es fehlt uns in der materialistischen Welt am Gut des Mitgefühls, dem Geisteszustand, der in allen östlichen Welt- und Menschenbildern einen lebensbestimmenden Wert darstellt. Es dient der Freiheit des Geistes im Westen, wenn wir uns im Lichte des Mitgefühls den geistigen Kulturen des Ostens annähern, um herauszufinden, wie Mitgefühl unsere Welt zum Besseren zu wenden vermag.

Höchste Zeit für Mitgefühl
Es gibt beim aktuellen Zustand der Welt tausend gute Gründe, sich selbst den Mitmenschen und der Schöpfung gegenüber in mehr Mitgefühl zu üben. Sollten 999 dieser guten Gründe Sie persönlich nicht berühren, bleibt ein letztes überzeugendes Motiv, diese Tugend zu entwickeln: Ein höheres Maß an Mitgefühl bringt ein höheres Maß an Glück in Ihr Leben. Ein höheres Maß an Glück in Ihrem Leben steigert das Glück der Welt, also das „Bruttosozialglück“, die einzige sozial verträgliche Währung für uns Menschen. Zwar ist Glück in der Eventgesellschaft ein abgenutztes Wort. Doch jeder Mensch hat gemäß seines Vertrags mit dem Leben ein Geburtsrecht auf Glück im Sinne von Lebensteilhabe und innerem Frieden. Der innere Friede ist vielen Menschen im Westen jedoch längst abgekauft worden. Wir kennen eher bohrende Selbstzweifel bis hin zu Selbsthass. Selbstliebe, Selbstakzeptanz, das Anerkennen des „edlen inneren Kerns“ oder des „schönen, goldenen Menschen“ in uns ist für viele Menschen unserer Kultur eine ungeheure Herausforderung. Viele Menschen leiden darunter, dass sie sich selbst nicht leiden mögen. Dem an Mitgefühl reichen, östlich geprägten Menschen sind derartige Zweifel am eigenen menschlichen Wert fremd. Er kennt nicht einmal ein Wort dafür.

Die Richtung des Mitgefühls
Bevor wir den Blick des mitfühlenden Geistes auf die Mitgeschöpflichkeit richten, plädiere ich aus guten mitfühlenden Gründen erst einmal dafür, uns selbst ausreichend Mitgefühl entgegen zu bringen. Für unsere westliche Lebensrealität, die so unendlich vielen Frauen, Männern und Kindern unendliche Zweifel an sich selbst und ihrem eigenen Wert als Menschen einimpft, braucht es die ermutigende Hervorhebung, uns selbst zu lieben und uns in barmherzigem Mitgefühl für die eigene Person zu üben. Nur wenn wir uns selbst annehmen können, vermögen wir auch anderen wahrhaftes Mitgefühl zuströmen zu lassen. Das entspricht im Übrigen dem urchristlichen Gebot: „Liebe dich selbst wie deinen Nächsten“, das seit Jahrtausenden mit Füßen getreten wird.

Mitgefühl als Herzensqualität oder Geisteszustand
Mitgefühl lässt sich nicht als Kategorie verstehen. Es ist dem Verstand kaum greifbar, wohl aber dem Herzen fühlbar. Es ist ein umfassendes Empfinden, welches Ihr Herz, Ihren Geist, Ihr Fühlen und Denken in einen weiten Raum hinein öffnet. Mitgefühl bringt das Wertvollste im Menschen hervor, das er in sich trägt: die Liebe. Für mich ist Mitgefühl daher eine ausgeprägte Herzensqualität, die ihrem Wesen und Geist gemäß eine innere feinsinnige und liebende Haltung sich selbst, den Mitmenschen, dem Leben und der Schöpfung gegenüber zum Ausdruck bringt. Weitere treue Begleiter von Mitgefühl sind Güte, Toleranz und Achtsamkeit. Mitgefühl bringt Glück, Farbe und Poesie ins Leben und beschert uns Wohlbefinden. Gelebtes Mitgefühl zieht Ruhe und Gelassenheit im Leben nach sich, weil es aus sich heraus das Vertrauen darein erwachsen lässt, dass sich alle Dinge letztlich gut fügen werden. Insofern verschafft es Ihnen auch inneren Frieden. Nicht zuletzt reinigt uns Mitgefühl von abträglichen Gefühlen und mindert unsere Ängste, einschließlich der existenziellen Furcht vor dem Tod.

Sich üben in Mitgefühl
Mitgefühl lässt sich nicht trainieren, wohl aber üben. Denn obwohl als Anlage mit auf die Welt gebracht, entwickelt es sich nicht von alleine. Üben wir uns in Mitgefühl, werden wir ganz geboren. Dann ist das unfassbar Wunderbare am Mitgefühl auch, dass es die schönsten Veränderungen in unser Leben bringt, ohne dass wir uns dafür angestrengt mühen müssten. Haben wir ihm nämlich erst einmal einen Raum in unserem Geiste eingeräumt und ihm gestattet, zu einer selbstverständlichen inneren Haltung in unserem Leben zu werden, vollzieht sich alles Weitere wie von selbst. Das Gefühl von zunehmender Vertrautheit mit der Herzensqualität Mitgefühl sowie die Mühelosigkeit sie aufrechtzuerhalten sind nämlich auch der Tatsache zu verdanken, dass wir uns als fühlende menschliche Wesen durch Mitgefühl stetig verändern. Körper wie Geist wandeln sich um. Wir organisieren uns sogar auf der neurobiologischen Ebene um, weil sich unser Gehirn durch die Kraft des Mitgefühls in seiner feinen Architektur verändert. Wir wandeln und transformieren uns, werden zu besseren, innerlich schöneren Menschen. Seien Sie nicht verwundert, wenn Sie eines schönen Tages als ein Ergebnis Ihrer Vertrautheit mit Mitgefühl die lebendige Essenz des Satzes in sich verspüren: „Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“. Sie werden mit Mitgefühl fröhlicher durchs Leben gehen. Gleichzeitig werden Sie erheblich ernster. Ein Widerspruch ist das nicht, meint doch „ernster“ nicht, dass Ihnen Ihr Lachen vergehen würde. „Ernster“ meint, dass Sie keine Selbsterkenntnis mehr scheuen und sich jedem Problem in Ihrem Leben vorbehaltlos stellen werden, um es im Geiste des Mitgefühls zu betrachten. Mitgefühl hat derart viele Vorteile im Leben, dass wir uns bloß verwundert die Augen reiben können, wie wenig es in der Realität vorhanden ist.
Mitgefühl bringt sogar eine besondere Farbe und ein Aroma in unser Leben. Die Farbe von Mitgefühl ist hell, licht, strahlend, rubinrot oder auch golden. Sein Geschmack ist pure liebende Güte. Das ist eine mächtige verändernde Kraft. Mitgefühl heißt deshalb zwar, alles zu verstehen, aber nicht für alles Verständnis zu haben und es widerspruchslos hinzunehmen. Mitfühlende Geister beziehen Position und mischen sich ein. Da Mitgefühl dabei friedfertig, lebensbejahend und lebensbewahrend über alle Grenzen geht, ist es politisch vielleicht sogar die letzte (r)evolutionäre und demokratische Kraft, welche unser Überleben als menschliche Spezies zu sichern vermag.
Mitgefühl macht uns vollends zu dem, was wir sind: zu Menschen. Und zwar zu Menschen, die eins sind mit sich und dem Universum und sich folglich seinem Puls und dem Rhythmus des Lebens anzuvertrauen in der Lage sind. Wir begeben uns auf einen goldenen oder diamantenen Weg zu uns selbst. Nicht zu unserem Ego, da Mitgefühl uns herausführt aus der Blase der Ichbezogenheit in die Verbundenheit, sondern zu unserem gegenwärtigen Sein.

Stolpersteine auf dem goldenen oder diamantenen Weg zu Mitgefühl
Üben Sie sich in Mitgefühl - und diesem Zweck dienen alle aus der Arbeit mit Tausenden Menschen erwachsenen Übungen in „Zeit für Mitgefühl“, die unsere Mentalität mit östlicher Weisheit verknüpfen - unterschätzen Sie nicht Ihre inneren Boykotteure. Aufgescheucht werden deren innere Stimmen, die Ihnen einzuflüstern versuchen: „Das wirkt doch nicht. Das ist viel zu billig“, um Sie an Ihre alt vertrauten Lebensmuster zu binden. Und so höre ich immer wieder: „Jetzt habe ich schon so viel gemacht, Therapie, meditiert, sogar im Ashram war ich, und jetzt sitze ich hier zuhause und habe immer noch nicht gelernt, mir selbst zu vergeben.“ Wer das kleine Einmaleins der Achtsamkeit und des Mitgefühls überspringt, wird an die hoch hängenden Trauben nicht heran reichen. Fangen wir mit den grundlegenden Übungen in Mitgefühl an, schreiten wir mit jedem Schritt voran, dann dürfen wir über die erfreulichsten Veränderungen in unserem Leben staunen. Garantiert! Mit Staunen und Verwundern beginnt jede Spiritualität. Mitgefühl nährt unser Leben, öffnet uns das Herz. Weshalb es schon im Märchen heißt: „Es ist ein Band von meinem Herzen, das zerspringt …“




Der Autor Helmut Kuntz, Familien-, Körper- und Suchttherapeut, arbeitet mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Prävention, Beratung und Therapie in Saarbrücken. Freiberuflich ist er in der Fort- und Weiterbildung tätig. Zahlreiche Veröffentlichungen zu den Bereichen Körperarbeit, Imaginationen und Sucht. Über sein Leben und Arbeiten „aus dem Herzen“ heraus hat er sich intuitiv immer stärker dem Thema „Mitgefühl“ angenähert. h.kuntz@drogenberatung-saar.de

Buchtipp:
Helmut Kuntz, Zeit für Mitgefühl - Die wichtigste Übung im Leben,
19,95 Euro, Theseus Verlag


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