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Ausgabe Juni 2012
Der Weg des Herzens; Ram Dass

Ram Dass gilt heute als einer der meist geachteten spirituellen Lehrer in den USA. Als Ram Dass in Indien seinem Meister begegnete, spürte er, wie Wellen voller Liebe zu ihm ausstrahlten und ihn überspülten „wie die sanfte Brandung eines tropischen Strand

Stell dir vor, dass dich jemand mehr liebt, als jemand je zuvor. Man liebt dich stärker noch als deine Mutter dich als Kind geliebt hat, mehr als dein Vater dich je liebte, dein Kind oder dein dich liebender Partner – jeder. Diese Liebe will nichts von dir, ist nicht auf persönliche Befriedigung aus und will nichts mehr, als dass du völlig erfüllt bist. Du wirst nur für das geliebt, was du bist, deshalb, weil es dich gibt. Du musst dir diese Liebe nicht verdienen. Deine Fehler, dein Mangel an Selbstwertgefühl oder Schönheit oder dein gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Erfolg – nichts davon spielt eine Rolle. Niemand kann dir diese Liebe nehmen, sie wird immer da sein. Stelle dir vor, in dieser Liebe zu sein wäre wie ein entspannendes, immerwährendes und warmes Bad, das dich umgibt und trägt und das jeden Gedanken und jedes Gefühl durchdringt. Es fühlt sich an, als würdest du dich in dieser Liebe auflösen. Tatsächlich ist diese Liebe ein Teil von dir, sie fließt immerwährend durch dich hindurch. Sie ist wie die subatomare Struktur des Universums, die dunkle Materie, die alles miteinander verbindet. Wenn du dich auf diesen Flow einstellen kannst, fühlst du ihn in deinem Herzen – nicht in deinem physischen Herz oder in deinem emotionalen Herz, sondern in deinem spirituellen Herz, dem Ort in deiner Brust, auf den du deutest, wenn du „Ich bin“ sagst.
Das ist dein tieferes Herz, dein intuitives Herz. An diesem Ort treffen dein höherer Geist, reine Bewusstheit, die feineren Gefühle und deine Seelenidentität zusammen und verbinden dich mit dem Universum. Hier gibt es diese Liebe, und hier sind Gegenwart und Liebe.
Es gibt diese bedingungslose Liebe wirklich. Sie ist ein Teil deines inneren Seins. Sie ist weniger ein tätiges Gefühl denn ein Daseinszustand. Sie sagt nicht „Ich liebe dich“ wegen dieser oder jener Ursache. Es ist eine Liebe ganz ohne Anlass, Liebe ohne einen Gegenstand. Du sitzt einfach nur in dieser Liebe, der Stuhl selbst ist in dieser Liebe, und sie durchdringt alles. Dein beurteilender Geist löst sich in diesem Herz-Geist auf. Dein denkender Geist wird von dieser Liebe gelöscht.
Wenn du dich an den Ort in mir begibst, der Liebe ist, und wenn du dich in den Ort in dir begibst, der Liebe ist, dann sind wir verbunden in der Liebe. Dann sind du und ich wahrhaft in der Liebe, im Seinszustand der Liebe. Das ist die Pforte, die Schwelle zum Eins-Sein. Diesen Raum habe ich betreten, als ich auf meinen Guru traf.
Vor vielen Jahren saß ich in Indien im Hof eines kleinen Tempels in den Ausläufern des Himalayas. Dreißig oder vierzig von uns umgaben meinen Guru, Maharaj-ji. Dieser alte Mann, in eine einfache Decke gehüllt, saß auf einem Holzbett. Für einen kurzen, ungewöhnlichen Augenblick lang wurde es still. Die Stille war meditativ, wie ein weites Feld an einem windstillen Tag oder ein tiefer, klarer, unbewegter See. Ich spürte, wie Wellen voller Liebe zu mir ausstrahlten, die mich überspülten wie die sanfte Brandung eines tropischen Strandes, in die ich eintauchte, die mich sanft schaukelten, meine Seele liebkosten. Sie waren unermesslich offen und nahmen mich völlig an.
Ich fühlte mich völlig überwältigt, brach fast in Tränen aus, so dankbar und so voll Freude, dass ich kaum glauben konnte, dass das gerade geschah. Ich öffnete meine Augen und sah um mich. Ich spürte, dass alle anderen dasselbe erlebten. Ich sah zu meinem Guru hin. Er saß einfach nur da, blickte um sich, tat nichts. Nur sein Sein strahlte gleichermaßen auf alle, wie die Sonne. Die Strahlen waren nicht auf jemanden im Besonderen gerichtet. Für ihn war es nichts Besonderes, nur sein eigenes Wesen.
Diese Liebe gleicht den Strahlen der Sonne, eine Naturkraft, die Vervollständigung dessen, was ist, eine Glückseligkeit, die jeden Partikel des Seins durchdringt. In Sanskrit heißt das sat-cit-ananda, „Wahrheit-Bewusstsein-Glückseligkeit“, das Glück der Bewusstwerdung des Daseins. Das Schwingungsfeld der Ananda-Liebe durchdringt alles, alles in dieser Schwingung liebt auch. Es handelt sich um einen Bewusstseinszustand jenseits des Verstandes. Maharaj-jis Liebe brachte uns von einer Schwingungsebene zur nächsten, von der Ebene des Egos zu jener der Seele. Als Maharaj-ji mich durch diese Liebe zu meiner Seele führte, starb der Verstand. Vielleicht ist diese bedingungslose Liebe deshalb so schwer in Worte zu fassen. Die besten Beschreibungen stammen aus den Federn mystischer Dichter. Fast all unsere Worte beziehen sich auf die Perspektive der bedingenden Liebe, auf die zwischenmenschliche Perspektive, die sich an diesem bedingungslosen Ort jedoch einfach auflöst. War Maharaj-ji in meiner Nähe, badete ich in dieser Liebe.
Einer der anderen westlichen Besucher Maharaj-jis, Larry Brilliant, meinte: Wie soll ich nur erklären, wer Maharaj-ji war und wie er das machte, was er machte? Ich habe keine Erklärung. Vielleicht war es seine Liebe für Gott. Ich kann nicht erklären, wer er war. Vielleicht verstehe ich allmählich, warum er alle lieben konnte. Es war eben seine Aufgabe, er war ein Heiliger. Heilige sollten ja alle lieben.
Aber es verblüffte mich nicht einmal, dass er jeden liebte – sondern dass ich, wenn ich vor ihm saß, selbst alle liebte. Das fand ich am schwersten zu glauben, wie er den Geist der Menschen um sich so transformieren konnte, dass wir uns alle nicht nur von unseren besten Seite zeigten, sondern dass er etwas in uns zu Tage brachte, dass zuvor nicht in uns war, von dem wir nichts ahnten. Ich glaube nicht, dass einer von uns jemals im ganzen Leben wieder so gut oder rein oder liebevoll war als zu dem Zeitpunkt, an dem wir vor ihm saßen.
Willkommen also auf dem Pfad des Herzens! Ob du es glaubst oder nicht, für dich kann es wahr werden: bedingungslos geliebt zu werden und selbst zu dieser Liebe zu werden. Der Pfad dieser Liebe führt nirgendwo hin. Er bringt dich nur stärker ins Hier, in den gegenwärtigen Augenblick, in die Wirklichkeit dessen, was du bereits bist. Der Pfad bringt dich aus dem Verstand und mitten in dein Herz.

Auszug aus dem Buch von Ram Dass, „Be love now“, mit freundlicher Erlaubnis des Verlags


Lesetipp: Ram Dass, Be Love Now - Der Weg des Herzens,
Verlag J.Kamphausen, € 19,95


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