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Ausgabe Juni 2012
Stille in einer hektischen Welt; Martin Boroson über sein Buch

One Moment Meditation
Wie viele alltägliche Momente gehen „verloren“, etwa an der Kasse im Supermarkt, im Stau auf der Autobahn oder in langweiligen Meetings? Wenn wir solche Momente dazu nutzen könnten, um ruhiger, ausgeglichener und zufriedener zu werde

Es war eines Morgens, bei meiner üblichen dreißig minütigen Meditation: Ich war fest entschlossen, ganz still zu sitzen, den Blick nach unten gerichtet, und zwar die ganzen dreißig Minuten lang. Doch an diesem speziellen Morgen fand ich einfach keine Ruhe, meine Gedanken rasten nur so dahin, während die Zeit im Schneckentempo zu vergehen schien. Ich glaubte schon, ich hätte vergessen, den Wecker zu stellen, und würde nun stundenlang so dasitzen müssen. Jedenfalls fühlte es sich so an. Zu gern hätte ich auf die Uhr geschaut. Doch ich war fest entschlossen, still zu sitzen, und wollte dem Drang einfach nicht nachgeben. Und dann gab ich doch auf.
Ich sah zur Uhr und stellte fest, ich hatte keineswegs vergessen, den Wecker zu stellen. Eine Minute hätte ich noch ausharren müssen. Das hieß, ich hatte neunundzwanzig Minuten darauf verschwendet, zu überlegen, ob nicht schon dreißig Minuten vergangen waren! Enttäuscht dachte ich: „Jetzt, wo nur noch eine Minute übrig ist, kann ich eigentlich gleich aufhören für heute.“ Und dann traf es mich wie der Blitz: „Was ist verkehrt an einer einminütigen Meditation? Was habe ich in dreißig Minuten zu erleben gehofft, was ich nicht auch in einer Minute erleben könnte?“ Ich beschloss, noch einmal zu beginnen, von Anfang an. Ich würde nun einfach so lange meditieren, wie noch Zeit übrig war: eine Minute lang … dafür aber mit vollem Einsatz.
Von diesem Augenblick an veränderte sich mein Verhältnis zur Zeit. Ich begann, weniger über langfristige Ziele nachzudenken und mehr über gegenwärtige Möglichkeiten. Und dabei wurde mir klar, wie viel man in sehr kurzer Zeit erreichen kann. Ich fing an, auf eine ganz neue Weise zu meditieren: nicht einfach nur jeden Morgen dreißig Minuten auf meinem Meditationskissen sitzend, sondern für kurze Augenblicke über den ganzen Tag verteilt, ganz egal wo – in der Bahn, am Schreibtisch, im Fitnessstudio. Und langsam begriff ich: Je schneller ich in den Zustand der inneren Ruhe hinübergleiten konnte und je weniger Stützen ich dafür brauchte, desto besser. Kurz gesagt: Ich begann, immer dann zu meditieren, wenn ich einen Moment Zeit hatte.
Die meiste Zeit über sind wir uns des enormen Potenzials eines einzigen Moments überhaupt nicht bewusst. Dann stellen wir uns unter einem Moment lediglich einen sehr kurzen und völlig unerheblichen Zeitraum vor – ein paar Sekunden, die weiter keine Rolle spielen. Doch das Wort „Moment“ stammt aus dem Lateinischen, wo es beispielsweise so etwas bedeutet wie „ausschlaggebender Impuls“. Mit anderen Worten: Ein Moment kann etwas wirklich Umwälzendes sein. Er kann dein Leben völlig auf den Kopf stellen. Ein Moment kann wortwörtlich „den Ausschlag geben“.
Stellen wir uns nur einmal vor, was in einem Moment alles geschehen kann: ein Damm kann brechen, die Erde beben, ein trockenes Waldstück in Flammen aufgehen. In einem einzigen Moment überfährt ein betrunkener Autofahrer ein Stoppzeichen und kracht in deinen Wagen. In einem einzigen Moment stürzen die Börsenkurse ab. In einem einzigen Moment kann, was du für selbstverständlich hältst, unwiederbringlich verschwinden.
Doch ein einziger Moment kann auch Heilung bringen, Inspiration, Freude. In einem einzigen Moment blitzt eine fantastische neue Idee in deinen Gedanken auf. In einem einzigen Moment löst jemand für dich ein Problem oder du erhältst einen Anruf von einem lange verschollenen Freund. In einem einzigen Moment fällt nach Jahrzehnten der Teilung eine Mauer. In einem einzigen Moment setzt vielleicht die Genesung ein von einer langwierigen Krankheit, und niemand vermag zu erklären, wieso.

Dramatische Veränderungen brauchen nicht viel Zeit – ein einziger Moment reicht völlig.

Ich habe schon viele Menschen und Unternehmen durch große Veränderungsprozesse begleitet. Und obwohl derartige Prozesse durchaus ihre Zeit brauchen, lässt sich doch eines ganz klar sagen: Wenn der Durchbruch kommt, dann ganz plötzlich, in einem einzigen Moment. Dabei kann niemand vorhersehen, wann das geschieht oder welche Formen es annimmt. Die beste Voraussetzung für einen Durchbruch ist allerdings, dass alle Beteiligten äußerst präsent sind im gegenwärtigen Augenblick und offen für alle Eventualitäten. Mit anderen Worten: Sie sind offen für die radikale Möglichkeit, dass, ganz gleich, wie ihre Pläne, Gewohnheiten oder Erwartungen auch aussehen mögen, dieser eine Moment das Potenzial für einen grundlegenden Wandel in sich birgt.
Ich habe die Technik der One Minute Meditation in Vorträgen und Workshops unterrichtet, im Radio, in Führungsseminaren und bei betrieblichen Weiterbildungen, und dabei erlebt, wie die Menschen in vielerlei Hinsicht von ihr profitieren. Wenn du noch nie zuvor meditiert hast, erlernst du mit dieser Technik eine direkte Methode, die sich ganz leicht in deinen üblichen Alltag einbauen lässt. Wenn du schon öfter meditiert hast, aber immer wieder „gescheitert“ bist, bietet dir diese Technik eine Möglichkeit, es noch einmal zu versuchen – eine Möglichkeit, die sich nicht auf den langfristigen Erfolg konzentriert, sondern auf kurzfristige Gelegenheiten. Und wenn du der Meinung bist, du seist „zu beschäftigt zum Meditieren“, wird dieser Ansatz dich um eine Ausrede ärmer machen – denn einen Moment hat jeder Mensch übrig.
Ist es denn wirklich möglich, in einem einzigen Moment zu meditieren? Viele Menschen betrachten Meditation als eine Art Ausdauertest: Je länger man, von Frieden erfüllt, still sitzen könne, desto spiritueller sei man. Viele Menschen glauben, Meditation müsse man in einem schönen, heiteren Retreat praktizieren – weit weg vom täglichen Leben. Diese Ansichten rühren zweifellos daher, dass unser spirituelles Erbe zum größten Teil von Mönchen, Nonnen, Einsiedlern und Propheten weitergegeben wurde – also von Menschen, die dem gewöhnlichen Leben entsagt haben, um jahrein jahraus in stiller Kontemplation zu verharren.
Doch die Zeiten ändern sich … und so verhält es sich auch mit unserem Verständnis von Meditation. Wissenschaftliche Forschungen bestätigen, dass der Nutzen von Meditation nicht nur auf abstrakten, spirituellen Ebenen zu finden ist, sondern auch auf ganz konkreten, praktischen Ebenen. Laboruntersuchungen und psychologische Studien haben ergeben: Meditation hebt unsere Stimmung, mindert Ängste, lindert Depressionen, senkt den Blutdruck, stärkt das Immunsystem und fördert Optimismus und Widerstandskraft.
Immer mehr Menschen sind heute der Ansicht, die Vorteile der Meditation sollten uns genau dann zugänglich sein, wenn wir sie brauchen, und die Meditationspraxis sollte überall möglich sein – ob wir nun gerade im Stau stehen, geschäftlich tätig sind oder Windeln wechseln. Außerdem verspüren viele Menschen heute das Bedürfnis, meditative Aspekte oder Prinzipien auch in ihre Beziehungen, in die Kindererziehung und in ihre Arbeit einzubringen; deutlich wird überdies, wie sinnvoll meditative Ansätzen in der Politik, bei wirtschaftlichen Beschlüssen und öffentlichen Debatten wären. Und je schneller wir zu innerer Ruhe finden und je weniger Stütze wir dazu benötigen, desto besser. Eines möchte ich allerdings noch klarstellen: Es geht mir nicht darum, andere Formen der Meditation oder des Gebets oder all die Wege zur Selbstfindung, zu denen es heute so viele hervorragende Ratgeber gibt, zu verdrängen. Ich will nur eines deutlich machen: Welchen Weg du auch gehst, welche Hilfe du auch suchst, wenn du nicht lernst, den Moment zu meistern, dann sind deine Chancen auf Erfolg recht überschaubar. Wenn du ihn aber zu meistern lernst, tja, dann kann dich nichts mehr aufhalten.

Auszug aus: Martin Boroson, One Minute Meditation - mit freundlicher Erlaubnis des Verlags

Der Autor Martin Boroson steht für eine neue Generation von Meditationslehrern. Der gebürtige New Yorker hat Philosophie und Wirtschaft studiert und sich viele Jahre mit Transpersonaler Psychologie und Zen beschäftigt. Er arbeitet heute in den USA als Organisationsberater und Seminarleiter. Auch sein erstes Buch ‚Becoming Me‘ (für Kinder) ist in den USA seit Jahren sehr erfolgreich.

Buchtipp:
Martin Boroson, One Moment Meditation - Stille in einer hektischen Welt,
J.Kamphausen, 232 Seiten,17,95 €


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