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Ausgabe Mai 2012
Zusammen aufwachen; Dr. Wilfried Reuter

Warum Menschen sich auf Beziehungen einlassen.

Schon sehr früh im Leben haben wir die Erfahrung gemacht: Die Befriedigung unserer Bedürfnisse kommt von außen. Wenn wir als Baby Hunger hatten, wurden wir von der Mutter gestillt. Wenn uns kalt war, hat sie uns mit ihrem Körper gewärmt, wir bekamen ein warmes Bettchen und Kleidung. Dieses Modell haben wir auf unser ganzes Leben übertragen und in der modernen Konsumgesellschaft auf die Spitze getrieben: Wir haben Durst, also kaufen wir uns ein Getränk. Uns ist langweilig, also schalten wir den Fernseher ein. Wir wollen große Emotionen erleben, also gehen wir ins Kino.
Nähe und Geborgenheit suchen wir bei einem anderen Menschen aus dem tief greifenden Gefühl des Mangels. Wir haben ein Bedürfnis nach liebevoller Bestätigung, Verbindung und Sicherheit. Wir sehnen uns nach Geborgenheit, Erfüllung, einem Leben frei von Angst. Wir streben einen Zustand an, in dem es uns an nichts mehr mangelt und in dem wir keine Angst mehr haben müssen.

Die Kraft der Verliebtheit
Ohne Zweifel, wenn du verliebt bist, wird eine große Kraft freigesetzt. Wird die Liebe erwidert, schäumst du geradezu über vor Inspiration und Freude und würdest am liebsten die ganze Welt umarmen. Begegnen dir Herausforderungen, krempelst du die Ärmel hoch und alles geht dir leicht von der Hand. Auf sehr direkte und positive Weise spürst du dich dabei selbst: Ich fühle, also bin ich. In diesen Momenten sind Gefühle der Unvollkommenheit, Begrenztheit und Angst oft wie weggeblasen. Wenn der Rausch der Verliebtheit abklingt, kommst du zurück auf den Boden.
Eben noch bist du davon ausgegangen, der geliebte Mensch sei die Ursache dafür, dass du dich auf einmal so kraftvoll, lebendig und bewusst spüren konntest. »Du machst mich glücklich!« – so sprechen Verliebte zueinander. Doch sobald du den anderen als normalen Menschen mit Stärken und Schwächen wahrnimmst, fragst du dich vielleicht, ob ein anderer Partner deine Bedürfnisse nicht besser stillen könnte.
Es ist wichtig zu verstehen: Kein Mensch kann die Bedürfnisse eines anderen dauerhaft und vollkommen erfüllen. Wenn wir das von einer Beziehung erwarten, verlangen wir etwas Unmögliches und überfordern den geliebten Menschen. So entsteht Frust und daraus werden gegenseitige Angriffe geboren. Wahrscheinlich wirst du versuchen, den Partner oder die Partnerin zu verändern. Dabei kann eine Menge Druck entstehen, zum Beispiel durch die unterschwellige Botschaft, der Partner, die Partnerin sei unzureichend. Oder du trennst dich, weil du glaubst, dieser Mensch sei wohl doch nicht der Richtige, und du machst dich auf die Suche nach einem anderen. Mit dem das Spiel dann von vorne beginnt.

Mit anderen Worten: Wenn du glaubst, eine Beziehung werde dich glücklich machen, legst du die Grundlage für Schwierigkeiten.

Glücklich können wir nach der Lehre des Buddha nur werden, indem wir uns entwickeln, an den Herausforderungen des Lebens wachsen und erkennen: Die Stillung unserer Sehnsucht über die Sinne im Außen ist nicht möglich. In Wirklichkeit liegt die Kraft der Liebe nicht im anderen – sondern in dir selbst. Durch die Begegnung mit dem Partner wurde sie kurzfristig aktiviert und deutlich spürbar. Er oder sie war der Türöffner, aber nicht die Ursache deines energiegeladenen Höhenflugs voller Zuversicht. Wenn du glaubst, dass solche Momente an einen anderen Menschen gebunden sind – einen Partner oder eine Partnerin mit einem bestimmten Alter, Aussehen und Fähigkeiten –, dann verpasst du eine große Chance! Die Tür zu deinen inneren Ressourcen wird sich wieder schließen, das Gefühl von Nähe und Einheit wird immer wieder verloren gehen.

Bewusst werden durch Beziehungen
Löse dich also von der Vorstellung, dass der geliebte Mensch für dein Glück verantwortlich sei. Betrachte deine Beziehung stattdessen als eine Chance, deine inneren Ressourcen zu entdecken. Darin liegt ihr wahrer Wert: Sie ist eine hervorragende Gelegenheit, Liebe zu verschenken, bewusster zu werden und begrenzende Vorstellungen von sich und anderen aufzulösen.

Eine lebendige Beziehung zu führen bedeutet, sich zu öffnen.

Neben sehr positiven Energien werden in der Nähe zum anderen Menschen unweigerlich auch alte Verletzungen wieder aufbrechen. Schwächen und Ängste lassen sich nicht länger verdrängen, sondern treten an die Oberfläche. Gerade in diesen schmerzhaften Prozessen liegt eine große Chance. Du kannst dir deiner Gefühle und deiner emotionalen Muster bewusst werden, bekommst also Zugang zu dem, was dich bewegt und steuert.
Betrachte deine Beziehungen als Gelegenheit, diese Muster nicht als Mangel zu begreifen, sondern mit all dem bewusst und liebevoll umzugehen und dich zu entwickeln. Nimm sie als Übungsfeld, dich auch gegenüber anderen Menschen nicht zu verhärten, nicht aggressiv zu werden oder wegzulaufen, wenn sie sich anders verhalten, als du es möchtest.

Die Beziehung als Chance, Bewusstheit und Liebe zu entwickeln
Nimm die Beziehung als Chance zu lieben, anstatt zu kämpfen. Glücklich kannst du nur werden, indem du die Bedürftigkeit hinter dir lässt. Und das kannst du tun, indem du deren Ursache verstehst – das Gefühl der Trennung. Indem dir klar wird, dass du in Wirklichkeit nicht vom Rest der Welt getrennt bist, und du die Liebe in dir entfaltest. »Das Einzige, was bedeutsam ist, ist die Liebesfähigkeit des Herzens so zu entwickeln, dass es nichts anderes mehr empfinden kann«, hat meine Lehrerin Ayya Khema gesagt.

Die Beziehung zu dir selbst
Es gibt einen Menschen, mit dem du ganz sicher dein ganzes Leben lang zusammen bist. Dein Verhältnis zu ihm prägt alle deine anderen Beziehungen. Dieser Mensch bist du selbst. Indem du die Beziehung zu dir selbst pflegst, gibst du Beziehungen zu anderen eine Chance. Im Umgang mit dir kannst du Bewusstheit, Liebe und Vertrauen hervorbringen - die wichtigsten Voraussetzungen gelungener Beziehungen. Andere Menschen wirst du dank der Auseinandersetzung mit deinen eigenen Gefühlen und Gedanken besser verstehen, so dass du in schwierigen Situationen auf heilsame Weise reagieren kannst. Dir selbst viel Aufmerksamkeit zu schenken ist also keineswegs egozentrisch. Im Gegenteil: Es kommt allen Menschen zugWeg der Achtsamkeitute, mit denen du zu tun hast.

Weg der Achtsamkeit
Achtsamkeit umfasst sowohl die Wahrnehmung deiner Innenwelt als auch der Außenwelt. Sie grenzt nichts aus und bewertet nichts. Es ist allerdings nicht möglich, alles gleichzeitig achtsam wahrzunehmen, sondern du nimmst zu verschiedenen Zeiten verschiedene Dinge in den Fokus deiner Aufmerksamkeit. Bei der sogenannten "Panorama28 Bewusstheit" (Chögyam Trungpa) schaust du wie mit einem Weitwinkelobjektiv auf die Welt, begegnest also der gesamten Umgebung achtsam, kannst dafür aber Feinheiten nicht so intensiv wahrnehmen. Achtsamkeit eröffnet dir verschiedene Zugänge zu dir selbst. Du kannst sie auf deinen Körper, deine Emotionen, deine Gedanken, deine Absichten und auch auf dein Bewusstsein selbst richten. Mit fortschreitender Praxis wirst du bemerken, wie eng all dies zusammenhängt. Gedanken rufen zum Beispiel Emotionen hervor, und jede Emotion hängt eng mit körperlichen Gefühlen zusammen. Dies alles nimmst du mit deinem Bewusstsein wahr. Ein guter Einstieg in die Achtsamkeitspraxis ist immer wieder das bewusste Vergegenwärtigen deiner Erlebnisse. Eine Übung kann dich dabei unterstützen: Beim "Tagesrückblick " lässt du abends im Bett den Tag noch einmal Revue passieren und machst dir bewusst, wie du dich in verschiedenen Situationen verhalten hast und welche Auswirkungen dieses Verhalten auf dich und andere hatte. Zunächst werde dir dabei deiner inneren Atmosphäre bewusst. Was fühlst du? Vielleicht nimmst du Anspannung wahr. Frage dich nun, was davor geschehen ist. Nehmen wir an, du hast mit deinem Partner zu Abend gegessen. Wie hat sich das angefühlt? Angespannt. Du hältst dies einfach nur fest. Bewege dich auf diese Weise rückwärts durch die Abschnitte des Tages. Es geht ausdrücklich nicht darum, zu deuten oder zu bewerten. Mach dir einfach überblickartig bewusst, wie die aufeinander folgenden Situationen sich angefühlt haben und wie sie zusammenhingen. Du kannst dir dabei vorstellen, wie du mit einem Fahrstuhl aufwärts oder abwärts fährst und Einblick in die verschiedenen Etagen - die Situationen des Tages - erhältst, ohne irgendwo anzuhalten oder auszusteigen. Die Frage lautet einfach immer nur: Und was war davor? Wenn es dir lieber ist, kannst du auch mit dem Morgen beginnen und den Tag vorwärts durchgehen.

(Auszug aus W. Reuter, Zusammen aufwachen, mit freundlicher Erlaubnis des Verlages)








Der Autor Dr. Wilfried Reuter praktiziert seit über 30 Jahren regelmäßig Meditation. Er ist der spirituelle Leiter von Lotos-Vihara. Sein spirituelles Wissen fließt auch in seine Arbeit als Frauenarzt in Berlin-Kreuzberg ein. Zugleich bereichern seine beruflichen Erfahrungen die Tätigkeit als buddhistischer Lehrer.

Veranstaltungshinweis: „Zusammen aufwachen – buddhistische Weisheiten für Beziehungen“, Vorträge und Workshops von LehrerInnen aus verschiedenen buddhistischen Traditionen, Wochenendseminar, 1.06. bis 3.06.2012 im Meditationszentrum Lotos-Vihara,
Infos unter: www.lotos-vihara.de,
Anmeldung: info@lotos-vihara.de
Buchtipp:Wilfried Reuter, Zusammen aufwachen - Buddhistische Weisheit für glückliche Beziehungen,
Edition steinrich (erscheint Anfang Juni 2012)


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