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Ausgabe Mai 2012
Natürliche Resonanz; Olaf Jacobsen

Wie man sie selbstständig nutzen kann.

Familienaufstellungen haben sich in den letzen Jahren in die unterschiedlichsten Richtungen entwickelt. Jeder, der sich mit dieser Methode intensiv auseinanderzusetzen beginnt, Ausbildungen absolviert und letztendlich eigene Aufstellungsseminare als Aufstellungsleiter anbietet, kombiniert diese dann mit anderen effektiven Methoden und mit seinen persönlichen Sichtweisen und entwickelt letztendlich einen ganz eigenen Stil. Jeder Aufstellungsleiter ist anders und gibt seinen Seminaren eine individuelle Note.
Was aber bei allen Aufstellungsseminaren gleich bleibt, ist die Tatsache, dass die Teilnehmer immer wieder das erstaunliche Phänomen der repräsentierenden Wahrnehmung in Stellvertreterrollen erleben können. Alle arbeiten mit einer Art „wissendem Feld“ oder mit „Resonanzgefühlen“ oder einem „morphischen Feld“ oder mit „stellvertretenden Wahrnehmungen“, wie dieses Phänomen unterschiedlich benannt wird.
Diesen roten Faden habe ich mir vor neun Jahren zunutze gemacht und die Freien Systemischen Aufstellungen begründet. Ich habe mich gefragt, warum diese auf natürliche Weise auftretenden Resonanzgefühle nicht für alle Menschen zu jeder Zeit zugänglich sein sollen, auch außerhalb von Seminaren. Schließlich erlebe ich es ja im Alltag immer wieder, dass ich im Kontakt mit anderen Menschen in Resonanzgefühle rutsche. Beispielsweise bekam ich im Gespräch mit jemandem weiche Knie, ich fühlte mich schlapp, musste mich setzen. Fünf Minuten später erzählte er mir, dass er vor wenigen Wochen einen heftigen Autounfall hatte, den er bis heute noch nicht richtig verarbeiten konnte. Ich wusste sofort, dass dies meinen Schwächegefühlen entsprach, die als Resonanz zu seinem immer noch bestehenden Schock im Gespräch mit ihm auftauchten. Als wir unser Gespräch beendeten und auseinandergingen, fühlte ich mich sofort wieder besser und kraftvoller.

Wenn solche Resonanzphänomene auch im Alltag erlebbar sind, wieso sollen wir dies nicht im privaten Bereich allein, zu zweit oder im Freundeskreis als Unterstützung zum Treffen wichtiger Entscheidungen, zur Beantwortung persönlicher Fragen oder zur Lösung von Problemen erfolgreich einsetzen können?
Ich entwickelte Regeln, mit deren Hilfe man sich gut im Freundeskreis gegenseitig in Aufstellungen zur Verfügung stellen kann, ohne sich unnötig zu verletzen oder zu große Krisen zu wecken. Die Eigenverantwortung und das klare selbstverantwortliche Grenzensetzen, wenn einem irgendetwas zu viel wird, spielen dabei eine Schlüsselrolle. Inzwischen sammle ich seit neun Jahren mit dem Freien Aufstellen viele geniale Erfahrungen.
Damals war es noch eine Revolution, dass Teilnehmer ganz selbstständig und autonom mit ihrer eigenen Aufstellung umgehen dürfen. Heute ist es inzwischen eine anerkannte und etablierte Möglichkeit von vielen, das Resonanzphänomen in Stellvertretergefühlen autonom zu nutzen. In meinem Buch „Das fühlt sich richtig gut an!“ habe ich nun das erste Mal ganz ausführlich für Laien und für Fortgeschrittene zugleich beschrieben, wie man allein aufstellt oder sich gegenseitig zu zweit hilfreiche Impulse durch einfaches Zur-Verfügung-Stehen gibt oder in kleinen Gruppen im Freundeskreis Aufstellungen einsetzen kann, um für seine Problematik ein Happy End zu finden, bei dem man aus ganzem Herzen sagen kann: „Das fühlt sich richtig gut an!“
Seitdem meine Lebensgefährtin und ich uns immer wieder gegenseitig zur Verfügung stehen und zu zweit „mehrdimensional“ fühlen, hat sich unser gemeinsamer Entwicklungsprozess um ein Vielfaches beschleunigt. Wir unterstützen uns mithilfe unserer Gefühle, klären auf diese Weise Spannungen, lösen alte Trauma-Wirkungen auf, finden Happy Ends für unerlöste Geschichten und erspüren intuitiv stimmige Entscheidungen für unsere Zukunft. Unsere Beziehung und unser Leben gewinnen permanent an Qualität und neuen Dimensionen.

Wie führt man eine Aufstellung zu zweit durch?
Wenn Sie einen für Aufstellungen aufgeschlossenen Partner haben, können Sie sich bei jeder Fragestellung und Problematik gegenseitig zur Verfügung stehen. Haben Sie gerade keine Möglichkeit, gemeinsam im Wohnzimmer aufzustellen, weil sie sich z. B. an unterschiedlichen Orten aufhalten und gerade telefonieren oder weil Sie morgens noch gemeinsam im Bett liegen und keine Lust haben, extra dafür aufzustehen, dann führen Sie die Aufstellung im Geiste durch – mithilfe von inneren Bildern. Am faszinierendsten finde ich es immer, wenn meine Partnerin nicht weiß, was ich gerade mit ihrer Hilfe aufstellen möchte.
Vor ein paar Wochen stand ich bei der Suche nach einem gewerblichen Raum, den ich zur Gründung für das erste Institut für Freie Systemische Aufstellungen in Köln gesucht habe, vor einer Entscheidung. Ich hatte ein Angebot für einen gewerblichen Raum, der sich eigentlich gut angefühlt hatte. Allerdings war ich mir unsicher, ob ich zugreifen und den Mietvertrag unterschreiben sollte oder ob noch ein besseres Angebot in naher Zukunft auf mich zukommen würde. Daher benötigte ich für meine Aufstellung folgende Positionen: Einen Stellvertreter für mich selbst, einen Stellvertreter für das gegenwärtige Angebot und einen Stellvertreter für ein eventuell zukünftiges noch besseres Angebot. Da ich nicht wollte, dass meine Partnerin wusste, in was sie sich einfühlen sollte, bezeichnete ich die drei Positionen mit Nummern. Bessere Alternative = 1, gegenwärtiges Angebot = 2, Ich = 3. Ich sagte meiner Partnerin, dass sie sich drei Personen mit den Nummern 1, 2 und 3 vorstellen sollte, die sich gleichzeitig in unserem Wohnzimmer aufhalten. Wie würden sich in ihrer Fantasie diese drei Personen zueinander verhalten? Daraufhin beschrieb sie mir, dass Person Nr. 3 aus dem Fenster schauen und dort nach dem Kölner Dom suchen würde. Diese Äußerung passte für mich schon einmal wie die Faust auf´s Auge, denn ich suchte tatsächlich „eigentlich“ nach einem Raum, der sich in der Innenstadt von Köln befinden würde, in der Nähe des Kölner Doms. Allerdings befand sich das gegenwärtige Angebot nicht in der Innenstadt. Sie erzählte weiter, dass die Nr. 1 sich ganz am anderen Ende vom Raum aufhalten und in die entgegengesetzte Richtung aus einem anderen Fenster schauen würde. Nr. 2 aber würde sich zu Nr. 3 hinbegeben, von hinten liebevoll den Kopf auf die Schulter von Nr. 3 legen und mit Nr. 3 zusammen aus dem Fenster schauen. Die Nr. 3 – so sagte meine Partnerin –fühle sich dabei richtig gut. Das genügte mir schon für eine Entscheidung und ich unterschrieb den Mietvertrag. Später stellte sich heraus, dass sich mein Raum in einem Haus mit lauter liebevollen und freundlichen Mietparteien befindet, die sich untereinander alle duzen und allesamt begeistert von ihren Mietverhältnissen untereinander sind. Der Vermieter wohnt selbst mit im Haus und legt besonders Wert darauf, nur Mieter in das Haus aufzunehmen, die zu seinem offenen, liebevollen und freundlichen Haus passen. Meine Partnerin hatte unbewusst die bevorstehende Situation in ihrer Fantasie passend vorausgefühlt und mir durch ihren Bericht eine große Unterstützung für meine Entscheidung geliefert. Übrigens: Bis heute habe ich kein besseres Angebot erhalten …




Der Autor Olaf Jacobsen, Jg. 1967, Studium an der Staatlichen Hochschule für Musik und Universität Karlsruhe, Ausbildung pädagogischer und therapeutischer Fähigkeiten in der Arbeit mit Klavier- und Gesangsschülern sowie in der Arbeit als Dirigent mit Chören und Orchestern. Begründer der Freien Systemischen Aufstellungen, Seminarleiter, Psychologischer Coach, Autor zum Thema „lösungsorientierte Sichtweisen“, arbeitet seit 2009 in Köln.
Weitere Information zur Arbeit des Autors auf www.olafjacobsen.com

Buchtipp
Olaf Jacobsen, Das fühlt sich richtig gut an! - Gefühle erforschen, Klarheit gewinnen und den Alltag befreit leben; € 16,95, Verlag J. Kamphausen


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