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Ausgabe Mai 2012
Kleine Wege, große Wege; von Wolf Schneider

Gesucht: Das Navi für den spirituellen Weg

Wenn du von Ereignissen getrieben wirst, stellst du dir nicht die Frage: Wohin des Wegs? Denn dann treiben dich die Ereignisse, nicht du sie. Du wirst hin und hergeworfen im Dämmerlicht eines gelegentlich diffus aufscheinenden Bewusstseins und hast dabei vielleicht das Gefühl, dass hier etwas geschieht, was eigentlich nicht sein sollte. Das Steuer haben andere in der Hand, meist sind das selbst Getriebene von wieder anderen – keine Spur von echter Orientierung. Erst wenn ein klarer werdendes Bewusstsein einsetzt, dass du dich auch anders verhalten könntest als jetzt – dass vor dir Weggabelungen liegen, wo du hierhin oder dorthin gehen könntest, und dass du es bist, der das entscheidet, erst dann stellt sich diese Frage: Wohin gehe ich hier eigentlich? Will ich das? Und sie stellt sich mit Dringlichkeit, denn dann ist es die entscheidende Frage überhaupt.

Was willst du hier eigentlich?
Dass wir sogar als einigermaßen selbständige, aufgeklärte, aufgeweckte, nicht mehr völlig programmgesteuerte Wesen zunächst nicht wissen, wo es lang geht, ist normal. Wer das leugnet, steckt vermutlich noch viel tiefer in Programmen, die aber unbewusst sind, und zieht es vor, besser nicht zu wissen, wo es lang geht – ein Zombie, der glaubt, wach zu sein. Also erstmal zurück auf Null und zur Frage: Was willst du hier eigentlich, auf dieser Erde, in diesem Leben, in diesem Körper? Diese Frage kann einen durchaus ein paar Wochen, Monate oder Jahre lang beschäftigen, manchmal Jahrzehnte lang. Und dann die zweite Frage: Welcher Weg führt dorthin?

Weg der Wandlung
Du bist nicht der erste, den diese Fragen beschäftigen, das ist schon mal tröstlich. Manche sind ihr Leben lang bei der ersten Frage geblieben und haben doch ein heiligeres, wacheres, bewussteres Leben geführt als die meisten von uns. Andere haben eine passabel befriedigende Antwort auf die erste Frage gefunden, blieben dieser Antwort viele Jahre lang treu und trafen dann Entscheidungen, was den Weg zu diesem Ziel anbelangt und blieben dann auch diesem Weg treu, mit bewundernswerter Konsequenz und Beharrlichkeit und großen Erfolgen, was ihre persönliche und charakterliche Entwicklung anbelangt. Und wandelten sich – und ihr Weg, ihre Weggefährten, ihr Progamm alias Navi mit ihnen.

Gesucht: Orientierung
Wir wollen ja nicht unser Leben einfach so dahingehen lassen – kommt dies, kommt das, es wird schon das Richtige sein, und was kommt, das nennen wir dann »Schicksal«. Es soll alles einen Sinn haben, sonst fühlen wir uns nutzlos und verloren, selbst dann, wenn wir keine körperlichen Entbehrungen erleiden müssen und vielleicht sogar ein sinnlich genussvolles Leben führen.
Mit dem Sinn des Lebens beschäftigen sich die Philosophien und Religionen der Welt. Also schauen wir doch mal dort hin! Aber welche davon ist für mich die richtige? Vielleicht ein Verschnitt aus allen, so eine Art Vektordiagramm, der resultierende Pfeil wird dann schon in die richtige Richtung weisen? Vermutlich käme dabei keine gute Richtung raus, die von den Weltkulturen angebotenen Wege sind doch zu verschieden. Also besser das machen, was schon meine Eltern gemacht haben? Aber unsere Zeit heute ist doch eine andere! Und wenn ich einfach das mache, was die meisten anderen auch machen? Nicht doch, das kann schlimm enden. Also: Woran soll ich mich dann orientieren?

Die Qual der Wahl
Manche derart Verunsicherte versuchen nun, das richtige Steuerungsprogramm aus ihrem Geburtshoroskop herauszulesen. Oder sie erkunden es nummerologisch. Oder nach dem Mayakalender. Oder mithilfe der Tarotkarten – aber welche nehme ich da? Oder auf Grund eines Psychotests – aber welchen denn? Besser ich mache mal einen Enneagramm-Workshop und weiß dann: Eine Drei mit einer starken Zwei als Nebenfunktion müsste mir …. Was aber, wenn sich der Enneagrammgruppenleiter geirrt hat, und ich bin gar keine Drei? Außerdem gehen die Millionen von Dreien, die es gibt, alle sehr verschiedene Wege. Also doch besser ins Geburtshoroskop schauen. Hoffentlich das richtige, und der Astrologe hat sich nicht verrechnet, und das mit der Präzession der Erdachse, das ignorier ich jetzt mal einfach, man muss doch irgendwann zur Sache kommen.

Erfahrungen sammeln
Tatsache ist, dass wir uns mal an diesem, mal an jenem Programm orientieren und mal an diesem, mal an jenem Menschen, und dass wir uns dabei eine bestimmte Identität zuweisen lassen, ein bestimmtes Selbstverständnis, und wir damit meist auch einen Entwicklungsweg empfohlen bekommen. Und dass wir uns an dieser, mal an jener heiligen oder weisen Schrift orientieren und mal diese, mal jene spirituelle Praxis pflegen.
Ob wir dafür einen Guru brauchen oder lieber alle Gurus meiden sollten, darüber ist ja schon viel diskutiert worden. Ebenso über den Weg des Alleinseins, den so viele Eremiten und Meditierer vor uns gegangen sind, und den der Gemeinschaft, der uns in Klöstern und Sanghas vorgelebt wurde und noch wird. Und ob es ein alter religiöser Weg sein soll, gediegen und gereift durch die Jahrtausende, oder ein neuer, der die Erkenntnisse der moderen Psychologie und Gehirnforschung, womöglich auch der Quantenphysik einbezieht. Auch, wie lange wir bei einem Menschen, in einer Gruppe von Weggefährten oder bei einer Methode bleiben sollten, also der Wert der Treue gegenüber dem Wert des Mutes zu einem Neubeginn, auch das ist viel diskutiert worden, und ebenso der Wert des äußeren Reichtums und der äußeren Armut gegenüber dem inneren Reichtum und der inneren Schlichtheit.
Deshalb: Probier‘s aus! Tu dabei keinem weh. Nimm nicht alles für bare Münze, was gesagt wird. Lasse dich belehren, aber nicht zu sehr, und geh dann weiter deinen eigenen Weg, deinen ureigenen, denn wo du gehst, das ist der Weg.

Der Weg löst sich auf
Der wirkliche spirtuelle Weg führt nämlich nicht zu einem Ziel, so wie eine Wanderung oder ein sportlicher Wettlauf zum Ziel führen. Ziele erreichen nur die »kleinen Wege«, wie zum Beispiel: »Ich will im Yoga besser werden«, oder »Meine Kommunikation soll gewaltfrei werden«. Diese Wege sind sehr wertvoll, man sollte sie nicht verachten und nicht vernachlässigen. Aber es gibt darüber hinaus auch noch »große Wege«. Die haben die merkwürdige Eigenschaft, dass sie, wenn man sie geht, sich selbst auflösen: Du gehst und gehst und wähnst dich auf dem Weg zu einem Ziel, und unterdessen – bei einigen geschieht das plötzlich, bei anderen allmählich – merkst du, dass du dich wie auf einem Laufband bewegst. Die Landschaft zieht vorüber, aber du bleibst immer dort, wo du bist. Das Leben zieht vorüber, nur eines ändert sich nicht: dass du hier bist, jetzt. Immer ist es jetzt. Es ist nicht mehr so, dass du gehst und dich bewegst, sondern die Welt zieht an dir vorüber, die Zeit, alles. Wenn das passiert, weißt du, dass du auf einem großen Weg angekommen bist.

Der Horizont
Auch dann ist es noch gut und nützlich, im Yoga besser zu werden und friedliche Kommunikation zu üben. Aber das geschieht dann auf einem anderen Hintergrund. Dein Weg ist auch dann immer noch ein Weg von hier nach dort, du bewegst dich, aber nun hast du gecheckt, dass der Horizont immer dort ist, wo er schon immer war, wie weit auch immer du gegangen sein magst. Er bleibt ein Kreis um dich herum, in der Ferne – und du bist hier.









Wolf Schneider,
Jg. 1952. Autor, Redakteur, Kursleiter.Studium der Naturwissenschaften und Philosophie in München.
1975-77 in Asien, dann D-land, Italien, USA, Holland.
1985 Gründung der Zeitschrift connection (www.connection.de).
Seit 2008 Theaterspiel & Kabarett.
Kontakt: schneider@connection.de,
Blog: www.schreibkunst.com


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