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Ausgabe März 2012
KGS Traumkolumne von Klausbernd Vollmar - Begierden & Dämonen


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Der Traum ist die Bühne der Dämonen. Sie wurden bereits im Griechenland des Altertums als warnende Stimmen des Schicksals und als inspirierende Kraft angesehen. Diese Stimmen hören wir im Traum. Sie warnen vor Wiederholungen, die uns zum Schicksal werden können.
Ein Mann träumte wiederkehrend, dass er den Zug verpasst, da er zum Bahnhof eilend verführerische Frauen trifft.
Der Dämon als Traumregisseur sagt unmissverständlich: „Durch die Begierde kommst du nicht an dein Ziel. Machst du so weiter, wird dir deine Begierde zum traurigen Schicksal.“ Unsere Wiederholungen werden uns zum Schicksal, wenn wir sie nicht erkennen und aufzugeben versuchen. Der Dämon möchte uns inspirieren, den Wiederholungszwang aufzulösen. Er spricht jedoch stets doppelzüngig: Als Meister der Sprache des Begehrens warnt er zugleich vor ihm. Da er verstanden werden möchte, wiederholt er seine Botschaft immer wieder. Es kommt zum wiederkehrenden Traum, der vom Träumer verstanden werden will. Wird das Problem wiederkehrender Verhaltensweisen bewusst oder gelöst, wird dieser Traum verschwinden, der Dämon schweigt oder wendet sich anderen Problemen zu. Er kann aber auch auf ein neues Feld ausweichen. Der Dämon als Sprachrohr der Begierde lässt sich nicht so leicht den Mund verbieten. Statt sich von Frauen von seinen Zielen ablenken zu lassen, mag ihn der Dämon nun mit sexuellen Fantasien ablenken, ihn zu pornografischen Klassikern greifen lassen, was er als Beschäftigung mit Bildungsgut rationalisier. Hindert dies ihn nicht, seine Ziele zu erreichen, dann ist glücklich verschoben worden. Der Dämon hat seinen Platz für den Ausdruck des Begehrens bekommen. Wir wissen als aufgeklärte Menschen, dass der Dämon der Begierde seinen Platz braucht. Also geht es bei diesem und ähnlichen Träumen darum, dem Dämon die Bühne zu geben, auf der sich ohne uns zu behindern ausdrücken kann. So sahen es auch die griechischen Philosophen, der Dämon wird vom Plagegeist zum Inspirator. Das ist praktisch angewandte Sublimation, die der Motor für jede Kultur ist.

Klausbernd Vollmar (web: www.kbvollmar.de) leitet regelmäßig Traumgruppen in Berlin.


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