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Ausgabe Februar 2012
Offener Blick nach innen Mitgefühl hilft, Konditionierungen zu erkennen. Von Wilfried Reuter


Unser Ziel ist, unsere Schwierigkeiten zu verstehen und aufzulösen. Das ist nur möglich, wenn wir die Ursachen dieser Schwierigkeiten erkennen. Das wiederum können wir nur, indem wir in uns hineinschauen, ohne unsere Fehler und unangenehmen Gefühle auszublenden oder zu verurteilen. Mitgefühl ermöglicht uns diesen offenen Blick nach innen.

Am Anfang wird uns der Blick in unsere Abgründe nicht leichtfallen. Wir weichen ihnen häufig aus und fügen uns zugleich selbst neuen Schmerz zu. Wie oft gehen wir hart mit uns ins Gericht und empfinden nur wenig Selbstwertgefühl! Wir denken: »Mit mir stimmt etwas nicht.« Vielleicht geht es dir auch so: Du hast von bestimmten Meditationserlebnissen gehört, den meditativen Vertiefungen, aber du hast sie noch nie erlebt, obwohl du schon lange meditierst. Und du denkst: »Das ist meine Schuld, die anderen können das alle.« Oder du siehst Menschen, die anscheinend voller Güte und Mitgefühl durchs Leben gehen, und hast fälschlicherweise den Eindruck, dass du dazu nie in der Lage sein wirst. Die anderen, denkst du, haben eben mehr Talent. Und schon wieder fällst du in ein tiefes Loch.
Wenn du als Kind wenig Fürsorge erlebt hast, können sich solche Muster tief eingebrannt haben. Dieses Gefühl »Mit mir stimmt etwas nicht« oder »Ich bin nicht gut genug« kann dich dein ganzes Leben lang begleiten und besetzt halten, ohne dass es dir bewusst ist. Dann wirst du vielleicht enorm viel Kraft in deinen Job investieren, Karriere machen und Geld verdienen. Oder du versuchst ständig, es anderen recht zu machen, ein »liebes Mädchen« oder ein »lieber Junge« zu sein. Wo du auch bist, du fragst dich unbewusst: »Was sind hier die erwünschten Verhaltensweisen?« Und du versuchst, dich ihnen anzupassen.
Vielleicht opferst du dich auf für andere, übst einen helfenden Beruf aus. Du arbeitest Tag und Nacht und schreibst deine Überstunden nicht auf. Andere Menschen mögen dich und schätzen dich. Aber wirst du satt? Wenn du genau hinschaust, wirst du feststellen: Du strengst dich ungeheuer an, aber der Hunger nach Anerkennung ist auf diesem Weg nie zu stillen.

Vielleicht hast du aber auch einen anderen Weg gewählt: Du verbirgst dich hinter einer Maske der Coolness, die du mit Stärke verwechselst. Du gehst scheinbar souverän durchs Leben. Nichts kann dir etwas anhaben, auch deine Missgeschicke nicht - da stehst du drüber. Aber hinter der Coolness stecken Unsicherheit und die Angst, andere könnten hinter die Maske schauen. Vielleicht darfst du auch selbst nicht dahinter schauen? Wenn du den Weg der Coolness gehst, fühlst du dich möglicherweise zu kühlen, abweisenden Menschen hingezogen, die nicht erlauben, dass du sie berührst. Und wieder hast du das vertraute Gefühl: »Ich bin nicht wert, dass man mich berührt.«
Viele Menschen erinnern sich an Momente ihres Lebens, die zu bestätigen scheinen, dass sie weniger wert sind als andere. Immer wieder erzählen wir uns innerlich Geschichten von Situationen, in denen wir Fehler gemacht und anderen Menschen Schwierigkeiten bereitet haben. Es sind Geschichten von egoistischen Taten und verpatzten Gelegenheiten, von missglückten Trennungen und vergessenen Geburtstagen.
Ich selbst habe zum Beispiel seit vielen Jahren die Stimme meiner Tochter im Ohr. Die Geschichte ist lange her; meine Tochter ist längst erwachsen und arbeitet als Ärztin in einer Klinik. Damals, als sie klein war, war ich ein junger Arzt. Ich verbrachte sehr viel Zeit in der Klinik und meiner Praxis - und viel zu wenig Zeit zu Hause bei meiner Familie. Und irgendwann einmal sagte meine Tochter traurig: »Bei Papa muss man krank sein oder schwanger - sonst hat er keine Zeit.« Dieser Satz hat sich mir tief eingebrannt. Damit verbunden ist das Gefühl; »Ich bin ein schlechter Vater.«
Wir erinnern uns also, wie wir Dukkha geschaffen haben, und daraus ist ein inneres Muster entstanden, das uns immer wieder sagt: »Ich bin kein liebenswerter Mensch. Ich bin es nicht wert, dass ich Freude empfinde.«

Reduziere dich nicht auf deine Fehlerund deine Schwächen!

Stattdessen beschimpfen wir uns und entwickeln Schuldgefühle. Solche Muster laufen Tag für Tag in uns ab, ohne dass sie uns be-wusst sind. Diese Muster kann man auch Konditionierung nennen, von lateinisch conditio, das bedeutet Bedingung. Mit anderen Worten: In der Vergangenheit sind Bedingungen geschaffen worden für unser Bild von uns selbst. Wir reduzieren uns auf unsere Fehler und Schwächen.
Mitgefühl entkräftet diese destruktiven Muster. Es schafft den Raum, sie bewusst zu erleben, und erzeugt die innere Wärme, die wir dafür benötigen. So können wir die innere Stimme durchschauen, die uns sagt: »Du bist ein schlechter Mensch.« Und endlich glauben wir ihr nicht mehr.
Als mein Vater starb, habe ich das sehr deutlich erfahren können. Ich befand mich gerade in einem Meditationsretreat. Ich wusste, dass es meinem Vater nicht gut ging, aber ich wusste nicht, dass er in diesen Tagen sterben würde. Und dann erhielt ich die Nachricht. Es war genau so gekommen, wie mein Vater und die Familie es nicht gewollt hatten. Wir hatten festgelegt: Keine Wiederbelebung, er soll so friedlich wie möglich sterben. Als Arzt weiß ich, welch gewaltsamer Akt der Versuch einer Wiederbelegung sein kann. Und was taten sie im Krankenhaus? Sie zerrten den 87-jährigen Menschen aus dem Bett und reanimierten ihn. Und ich war nicht da.
Dann kamen die Vorwürfe an mich selbst: »Wärst du dagewesen, wäre es nicht geschehen.« Und die innere Stimme, die mir sagte: »Du bist ein schlechter Sohn.« Solche Stimmen sind nicht unsere Freunde. Mitgefühl mit uns selbst lässt uns in solchen Momenten durchschauen, was abläuft. Es stimmt zwar, wenn ich dabei gewesen wäre, dann hätten sie meinen Vater vermutlich nicht zu reanimieren versucht. Aber die innere Stimme, die mich beschimpfte, stammte aus einer anderen Quelle. Solche Stimmen entstehen aus alten Mustern, und es ist nicht hilfreich, ihnen zu glauben.
Mitgefühl hilft dir zu erkennen, wo Konditionierungen deinen Blick verengen und dich blockieren. Du siehst: Was du für die Wahrheit gehalten hast, ist nur eine Vorstellung im Geist. Du musst ihr nicht glauben. Endlich kannst du dir selbst liebevoll begegnen, dir nahe sein.

Aus: W. Reuter, Weck den Buddha in dir, mit freundlicher Erlaubnis des Verlags


Buchtipp:
Wilfried Reuter, Weck den Buddha in Dir, Wege zu innerer Stärke, 204 S., mit CD (geführte Meditationen), edition steinrich
Der Autor Dr. Wilfried Reuter praktiziert seit über 30 Jahren regelmäßig Meditation. Dr. Wilfried Reuter ist der spirituelle Leiter von Lotos-Vihara. Sein spirituelles Wissen fließt auch in seine Arbeit als Frauenarzt in Berlin-Kreuzberg ein. Zugleich bereichern seine beruflichen Erfahrungen die Tätigkeit als buddhistischer Lehrer.


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