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Ausgabe Februar 2012
Neues Denken für eine neue Welt. Spiritualität für Actionhelden mit Verstand. Von Kirsten Loesch


„Wenn etwas kompliziert ist, ist es nicht spirituell“, erklärte mein Meditationslehrer Sant Rajinder Singh einmal in einem Vortrag. Wie Recht er hat, merke ich immer dann, wenn mein Leben mal wieder kompliziert wird, weil ich so viel über alles und jeden nachdenke. Zum Beispiel über 2012, das Jahr der prophezeiten Veränderungen und über die Zukunft des Menschen auf diesem schönen Planeten: Wie sollen sich Finanz-, Umwelt- und Sozialkrise zusammen mit Katastrophen, Kriegen und allerlei anderen Weltungerechtigkeiten ins Positive wenden? „Die Welt ist kompliziert“, betonte Barack Obama in seinen Antrittsreden als US-Präsident immer wieder. Keiner scheint die Lösung für alle Probleme zu kennen und für mein kleines Gehirn sind sie allemal zu groß, denke ich, wenn mein Leben mal wieder kompliziert wird. Um ein neues Miteinander aller Wesen auf dieser Erde zu finden, müsste man die Welt eben als Ganzes begreifen können. Damit sind selbst die Physiker überfragt, die noch immer die Weltformel suchen, die alles Naturgeschehen erklärt. Aber die Physiker haben eine Vermutung: Die Weltformel müsste einfach sein, weil alle bisherigen welterklärenden Formeln mit Gültigkeit durch ihre Einfachheit bestechend schön im mathematischen Sinne sind. Bedeutet das, die Weltformel – und im symbolischen Sinne mit ihr vielleicht die Lösung der Weltprobleme - wäre gar nicht so kompliziert, sondern irgendwie einfach und spirituell?

Was es bedeutet, die Welt zu retten
Ich bin ein spiritueller Mensch, weil ich meiner Intuition glaube und daran, dass sie eine Verbindung zu etwas Höherem hat, weil ich nach Sinn und Bedeutung in meinem Leben suche. Ich bin auch ein komplizierter Mensch, weil ich rational bin. Ich möchte mit meinem Verstand begreifen, was mein Herz manchmal nicht erklären kann. Ich kann nicht anders, weil ich als moderner Mensch im 21. Jahrhundert ein Leben lang meinen Verstand trainiert habe. Gleichzeitig bin ich ein Homo Sapiens und als solcher schon über 100.000 Jahre alt. Die Ur-Komponenten des Lebens – Angst und Liebe – sind so tief in mir verwurzelt, dass mein Verstand mit ihnen und mit meiner Spiritualität ringt. Dieser Kampf in mir ist so fatal, weil er die anderen etwas angeht. Der Mensch ist das Problem der Welt. Die Welt zu retten bedeutet, den Kampf des Menschen mit sich selbst zu beenden.

Die rationale Spiritualität des 21. Jahrhunderts
Eine(r) für alle. Alle für eine(n). Das Weltretter-Actionhelden-Phänomen steckt in jedem Menschen, wie mir die von Angelina Jolie (Lara Croft) oder Keanu Reeves (Matrix) verkörperten Kinocharaktere vermitteln. In mir ist etwas, das mehr kann als ich. Das spüre ich irgendwie, weil ich ein spiritueller Mensch bin. Ich muss es aber auch begreifen können, weil ich ein komplizierter Mensch bin, der viel nachdenkt. Erst dann kann ich überwinden, was mir an ur-eigener Angst im Weg steht. Dabei bleibt mir nichts anderes übrig, als das Rad ein Stück weit neu zu erfinden. Es wurde ja alles schon gesagt und schöne, alte Weisheiten gibt es wie Sand am Meer. Nur verstehen und umsetzen muss ich sie als Mensch des 21. Jahrhunderts auf meine Weise – mit spiritueller Rationalität beziehungsweise rationaler Spiritualität. Das bedeutet, je mehr ich nachdenke, desto einfacher und spiritueller wird es wieder.
Alles ist eins – mal wissenschaftlich
Eine dieser schönen alten Weisheiten ist ja, dass alles eins ist. Das kann ich in der Meditation erleben, es kann mir intuitiv einleuchten und ich kann es toll finden. Verstehen tue ich es, wenn ich ein paar Bücher zu Biologie und Gehirnforschung lese. Meine Gene stimmen zu 99,9 Prozent mit denen anderer Menschen überein und zu 99 Prozent mit den Genen von Schimpansen. Mein Gehirn gleicht dem anderer Säugetiere - meine einzelnen Nervenzellen gleichen sogar denen von Insekten und Schnecken. In meinem Körper fließt ein innerer Ozean, der die bindegewebigen, extrazellulären Räume zwischen meinen Körperzellen füllt, Nährstoffe und Stoffwechselendprodukte mit dem Blut austauscht. Mein kleiner innerer Ozean und der riesige äußere Ozean, dem das erste Leben vor 4.000 Millionen Jahren entsprang, sind nahezu identisch in ihrer Zusammensetzung aus den biologisch bedeutsamen Salzen Natrium, Kaliumchlorid und Kalziumchlorid. Ich habe mit anderen Menschen, den Tieren und der Natur mehr gemeinsam, als mich von ihnen trennt.

Die gute Seele – mal biologisch
Im Gegensatz zu dieser verbindenden Schönheit steht scheinbar die evolutionäre Selektion nach dem Gesetz des Stärkeren. Die Natur ist ja grausam, habe ich noch in der Schule gelernt: Fressen und Gefressen werden. Wäre das schon alles, was die Natur zu bieten hätte, wäre der Mensch nicht, was er heute ist. Intelligenz ist ein Überlebensvorteil und das menschliche Gehirn wurde im Laufe der Evolution zu groß, um ausschließlich im Mutterleib heranzureifen. Ein Kind muss jahrelang gefördert und unterstützt werden, bevor es selbständig wird. Es braucht die Liebe der Eltern und der Gemeinschaft, die es beschützen. Ohne Liebe keine Intelligenz in der Evolution. Die Liebe hat sich sogar tief in die menschliche Biologie eingeschrieben. Zuneigung, Bestätigung, Akzeptanz und romantisches Werben – das alles sind Liebeserfahrungen, bei denen ein chemisches Motivationssystem in mir anspringt und körpereigene Rauschmittel ausschüttet. Die Natur belohnt den Menschen, der Liebe gibt oder empfängt: Lieben und lieben lassen ist ihr Motto. Evolution und urige Körperchemie sagen meinem Verstand, dass der Mensch ein von Grund auf gutes Wesen ist.

Das Universum lächelt
Zu schön, um wahr zu sein, könnte man meinen. Wenn schon ich selbst besser bin, als ich es von mir erwartet hätte, was hält das Universum erst für Überraschungen parat? Das ist der Knackpunkt, wo Spiritualität und Wissenschaft bisher auseinander liefen. Die einen glauben eben an eine bewusste, positive Kraft, die im Verborgenen wirkt, die anderen tun dies (zumindest offiziell) nicht. Mit der Quantenphysik ist es für ein rein materielles Weltbild komplizierter geworden. Beispielsweise gibt ein Calcium-Atom, das zerfällt, dabei Energie in Form von Photonen ab. Obwohl diese kleinsten Licht-Teilchen räumlich voneinander getrennt sind, wissen sie, auf welche Weise sich die anderen Photonen desselben Calcium-Atoms um sich selbst drehen. Sie richten sich danach und tun das Gleiche. Wie kann ein winziges Licht-Teilchen überhaupt irgendetwas wissen? Braucht es nicht ein Bewusstsein dafür? Bewusstsein ist vielleicht gar kein menschliches Privileg, sondern im ganzen Universum in verschiedenen Ausprägungen enthalten, in all den darin enthaltenen Dingen und Phänomenen? Die Photonen erzählen sogar, welche Art von Bewusstsein im Universum herrschen könnte: Sie achten aufeinander und gehen aufeinander ein. Es scheint, als würde mir das Universum durch seine kleinsten Bestandteile freundlich zulächeln und mich willkommen heißen an einem Ort, der von Grund auf gut ist.

Von alter Weisheit zu neuem Herzensbewusstsein
Der Mensch ist gut. Das Universum ist gut. So könnte man eine weitere alte Weisheit interpretieren: Wie oben so unten – mal philosophisch. Die Zeit, als alte Weisheiten formuliert wurden, ist lange vergangen. Damals waren die Wissenschaften noch nicht soweit wie heute, oder es gab Wissenschaft als solches noch gar nicht. Und die Weisen hatten keine Möglichkeit, ihre Weisheiten anders als intuitiv und bildlich zu vermitteln. Im 21. Jahrhundert können die Wissenschaften mit ihrer Rationalität genau die Spiritualität erneuern, die sie spätestens seit René Descartes „Ich denke, also bin ich“ im 17. Jahrhundert unter sich begraben haben. Solch eine modern rationale Spiritualität kann womöglich die Herzen öffnen, die ohne Unterstützung durch den Verstand nicht vertrauen können. Eine neue Ära der geöffneten Herzen könnte dann anbrechen, in der die Probleme und Ungerechtigkeiten der Welt mit einem neuen Herzensbewusstsein betrachtet werden. Eine(r) für alle. Alle für eine(n). Action. So einfach könnte es sein.


Die Autorin Kirsten Loesch hat sich als Laie in die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen eingearbeitet, um Antworten zu nden. Nach dem Studium der Philosophie, Germanistik und Medienwissenschaft arbeitete zunächst als Journalistin, dann als Publicity Managerin in der Filmbranche. Sie gab alle Sicherheiten und Ansprüche auf, um sich neu zu ernden.

Lesetipp: Kirsten Loesch „Das Lächeln des Universums“, 256 Seiten, 16.95 €, Verlag J. Kamphausen, ISBN: 978-3-89901-375-7


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