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Ausgabe Februar 2012
„Fnords“ erkennen. Von Hans Cousto


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„Fnord “ ist ein Kunstwort, das vor allem durch die Roman-Trilogie „Illuminatus“ von Robert Anton Wilson und Robert Shea sowie die „Principia Discordia“ von Gregory Hill und Kerry Thornley bekannt wurde. Es steht sinnbildlich für Konditionierung durch gezieltes Einspielen von Information und Desinformation und die sich daraus ergebenden Manipulationsmöglichkeiten, vor allem für die Massenmedien und den Staat. Fnords werden etwa von Politikern in Umlauf gebracht und im redaktionellen Text von Zeitungen und Zeitschriften sowie in Nachrichtensendungen im Radio und Fernsehen kolportiert. Das Konzept der Fnords kann somit als Metapher für gesellschaftliche Kontrolle und Gehirnwäsche verstanden werden. „Die Fnords zu sehen“ bedeutet somit, das Ende der gesellschaftlichen Konditionierung durch Erziehung und Sozialisation, ein Schritt auf dem Weg zurück zur individuellen Autonomie.

In Deutschland wurden die heftigsten Fnords in den letzten Jahren im Zusammenhang mit dem Begehren der Telekommunikationsüberwachung in Umlauf gebracht. Allen voran ist hier Ursula von der Leyen, von 2005 bis 2009 Familienministerin, zu nennen. Sie machte umstrittene Vorstöße zur Sperrung von Webseiten mit kinderpornographischem Inhalt. Von der Leyen konnte jedoch den damaligen Bundespräsidenten nicht bezirzen. Er weigerte sich zunächst, das Gesetz zu unterzeichnen. Am 5. April 2011 schließlich beschloss die Bundesregierung, das Zugangserschwerungsgesetz aufzuheben.

Auch Wolfgang Schäuble, der als Innenminister immer wieder die Vorratsdatenspeicherung mit der notwendigen Bekämpfung des Terrorismus begründete, gilt als großer Fnordschöpfer. Schäuble konnte jedoch mit seinen Fnords das deutsche Bundesverfassungsgericht nicht überzeugen. Das Bundesverfassungsgericht erklärte die deutschen Vorschriften zur Vorratsdatenspeicherung mit Urteil vom 2. März 2010 für verfassungswidrig und nichtig.

Wie wichtig die Telekommunikationsüberwachung für die Bekämpfung von Kinderpornographie und Terrorismus in Wirklichkeit ist, offenbart die Justizstatistik des Bundesministeriums für Justiz. Die Anzahl der Überwachungsanordnungen (Maßnahmen nach § 100a Strafprozessordnung) bezüglich Telekommunikation (Festnetz, Mobilfunk, Internet) lag im Jahr 2010 bei insgesamt 20.398. Darin nicht enthalten sind Abhörmaßnahmen der Polizei zu präventiven Zwecken und die nicht von der Justiz kontrollierten Eingriffe der Nachrichtendienste in das Fernmeldegeheimnis. Den Jahresübersichten des Bundesministeriums für Justiz kann entnommen werden, aufgrund welcher einzelnen Katalogtat des § 100a Strafprozessordnung, die Überwachungen angeordnet wurden. Die meisten Abhörmaßnahmen wurden wegen Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz aufgrund von § 100a Abs. 2 Nr. 7a und Nr. 7b StPO angeordnet. Im Jahr 2010 wurden hierzu 6.880 Fälle registriert (33,73% aller Fälle). Im Zusammenhang mit der Verbreitung, dem Erwerb und dem Besitz von Kinderpornographie wurden im Jahr 2010 lediglich 19 Fälle registriert (0,093% aller Fälle). Kinderpornographie spielte bei der Telekommunikationsüberwachung in der Praxis nur eine marginale Rolle, ganz im Gegensatz zur medialen Berichterstattung bezüglich dieses Themenkomplexes.

Terrorismus (u.a. Straftaten des Friedensverrats, des Hochverrats, der Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates, der Gefährdung der äußeren Sicherheit sowie der öffentlichen Ordnung) spielt bei der Telekommunikationsüberwachung auch nur eine untergeordnete Rolle. Diese Straftaten (inklusive Versuche) sind in § 100a Abs. 2 Nr. 1a und 1d StPO aufgelistet. Zu diesen Punkten im Straftatenkatalog wurden im Jahr 2010 insgesamt 377 Überwachungsmaßnahmen angeordnet. Das sind 1,85% aller Fälle. Kinderpornographie und Terrorismus dienten vornehmlich als Vehikel zur Förderung der Akzeptanz bei der Bevölkerung im Rahmen der Versuche neue Gesetze durchzupauken - in Wahrheit ging es den Politikern jedoch um die Intensivierung der Repression gegen Drogenkonsumenten und ihren Dienstleistern, den Drogenhändlern.

Diese Drogenkontrollmaßnahmen sind jedoch als ineffizient und nutzlos zu klassifizieren, da sie ein großes Hindernis zur Einführung von neuen Strategien, um das Problem sowohl auf globaler wie auf lokaler Ebene anzugehen, darstellen. Es ist zu befürchten, dass die Verstärkung der aktuellen Politik zu einer Verschlechterung der Drogensituation beiträgt und zunehmend die Glaubwürdigkeit dieser Politik in der breiten Öffentlichkeit im allgemeinen schwindet. So erklärte beispielsweise der Ex-UN-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar im Jahre 1998: "Wir glauben, dass der weltweite Krieg gegen Drogen derzeit mehr Schaden anrichtet als der Drogenmissbrauch selbst... Die Fortsetzung unserer aktuellen Politik wird nur zu mehr Drogenmissbrauch, mehr Macht für Drogenmärkte und Kriminelle, mehr Krankheit und Leid führen." Und die Globale Kommission zur Drogenpolitik unter Federführung von Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan ließ im Juni 2011 verlauten: "Beendet die Kriminalisierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen, die Drogen gebrauchen und dabei anderen Menschen keinen Schaden zufügen."

Ja, nicht nur die Beteuerung, dass man eine Telekommunikation vornehmlich brauche, um Kinderpornographie und Terrorismus eindämmen zu können, ist ein Fnord, sondern auch die Behauptung, dass es für das Wohl der Menschen das Beste sei, den Drogenhandel mit allen Mitteln zu bekämpfen. Immerhin haben dies zwei ehemalige UNO-Generalsekretäre eingesehen und zu einer grundlegenden Änderung in der Politik aufgerufen. Ja, bei genauer Betrachtung der Gegebenheiten ist festzustellen, dass immer mehr Menschen durch die wachsenden Auswirkungen des illegalen Drogenhandels sowie der Politik, welche diesen zu kontrollieren versucht, beunruhigt sind. Es ist zu befürchten, dass die Verstärkung der aktuellen Politik zu einer Verschlechterung der Drogensituation beiträgt und zunehmend die Glaubwürdigkeit dieser Politik in der breiten Öffentlichkeit im allgemeinen schwindet. Die globale Entwicklung zeigt, dass der von den Vereinten Nationen eingeschlagene Weg zur Drogenkontrolle gescheitert ist.

Fnords erkennen ist der erste Schritt der notwendig ist, um sich aus dem Teufelskreis von Fnords und kognitiver Dissonanz befreien zu können. Zumeist - wenn nicht beabsichtigte arglistige Täuschung vorliegt - ist kognitive Dissonanz der Geburtshelfer von Fnords und Fnords sind wiederum eine maßgebliche Ursache für die Entstehung von kognitiver Dissonanz.


Der Autor Hans Cousto ist Mathematiker und Musikwissenschaftler, arbeitet seit vielen Jahren interdisziplinär im Bereich Harmonik. Er wurde bekannt durch seine Berechnungen der harmonikalen Kammertöne, die er von astronomischen Gegebenheiten her abgeleitet hat.


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