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Ausgabe Februar 2012
Herausforderung Liebe - Warum wir in unseren Beziehungen Schwierigkeiten brauchen. Von Jochen Meyer


Dass Probleme Herausforderungen sind und Beziehungskrisen als Chance zum Wachstum genutzt werden können, haben Sie sicher schon hundert Mal gehört. Ist Ihnen aber auch vertraut, dass wir Schwierigkeiten in Beziehungen geradezu benötigen? Wir brauchen sie, damit unsere Beziehungen lebendig bleiben und wir uns weiterentwickeln. Ansonsten würden wir in einer „Partnerschafts-Komfortzone“ vor uns hinvegetieren, abstumpfen und seelisch und geistig erstarren. Nur wenn wir uns herausfordern lassen, nur wenn wir anstrengende Aufgaben anpacken, können wir erfahren, dass wir unsere Probleme lösen, das Zusammensein meistern und unsere Beziehung aus eigener Kraft gestalten können. Nur dann erleben wir, dass Liebe gelingt. Allerdings brauchen wir dafür Herausforderungen, die wir meistern können; Aufgaben, die uns fordern, aber nicht überfordern.

Im Prinzip könnten die Themen genügen, die uns das Leben serviert: Eine feste Beziehung aufbauen, sich immer näher kennenlernen, Kinder großziehen, Lebensumbrüche durchstehen, älter werden usw. In der Regel aber halten wir uns selbst durch „beziehungsinterne“ Herausforderungen bei der Stange: Partnerschaftskrisen, Zweifel am Sinn der Beziehung, scheinbar unauflösbare Konflikte, sich wiederholende Muster, die für Frustrationen sorgen und das Gefühl von Stagnation erzeugen. Wollen wir solche Schwierigkeiten auflösen, dann sind wir aufgefordert, über uns hinauszuwachsen und einen besseren Umgang miteinander zu entwickeln. Hierfür braucht es nicht die Absicht, alles Schwierige so schnell wie möglich zu beseitigen, sondern die Bereitschaft, es sich erst einmal genauer anzusehen.
Aus neurobiologischer Perspektive ist es relativ einfach: Jede Beziehung ist eine Einladung, zu wachsen und stärker zu werden; und jede Schwierigkeit in einer Beziehung kann uns eine neue Erfahrung von Wachstum und Stärkung ermöglichen. Voraussetzung dafür ist nur, dass wir uns offen begegnen und emotional berühren lassen. Unsere Gehirne organisieren sich durch Beziehungserfahrungen. Gut entwickeln sie sich allerdings nur in einer Atmosphäre des Vertrauens. Wer an seinem Partner herumnörgelt, Druck ausübt oder seinen Aggressionen freien Lauf lässt, nutzt vor allem seine älteren Hirnareale – Stammhirn und limbisches System – und stärkt die hier geschalteten Bahnungen. (Bei seinem Partner aktiviert er sie übrigens auch). Wer hingegen in einer schwierigen Situation seinen Partner auf positive Weise emotional berührt; wer ihm einfühlsam begegnet und interessiert nachfragt; wer Ruhe ausstrahlt und das Vertrauen des Partners stärkt, nutzt seinen präfrontalen Kortex – die Großhirnrinde – und sorgt bei sich und seinem Partner für neuronale Aktivität genau derjenigen Gehirnareale, die uns mehr Freiheit und mehr Gelingen ermöglichen. Er stärkt sein Potenzial, harmonische Beziehungen zu führen und die Atmosphäre der Begegnung bewusst zu gestalten.

Durch unser Verhalten in Beziehungen erschaffen wir uns praktisch selbst.

Gute Beziehungserfahrungen stärken unsere höherentwickelten neuronalen Netzwerke, diese wiederum befähigen uns zu noch besseren Beziehungserfahrungen. Es liegt also an uns, wie wir uns verhalten, wofür wir uns begeistern und wie wir unsere Gehirne nutzen – und verändern! Es ist ein Unterschied für die Entwicklung unserer Gehirnpotentiale, ob wir uns an depressiver Selbstanklage ergötzen, an Streit und Machtausübung berauschen oder ob wir uns offen und aufrichtig begegnen und dann über eine gemeinsam gefundene Lösung freuen. Neurobiologen bestätigen, was die spirituellen Weisheitslehren seit jeher verkünden: Die Liebe beziehungsweise das Leben will, dass wir wachsen und stärker werden! Wir haben das Potenzial, uns in Beziehungen gut zu entwickeln. Wir haben die Chance, etwas aus uns zu machen. Und wir haben das Potenzial zu entdecken, wie Liebe gelingt. Ohne Schwierigkeiten und den richtigen Umgang damit würden wir unsere menschlichen Potenziale allerdings niemals entfalten.

Die Sehnsucht, in der Verbindung mit einem anderen Menschen über sich hinauszuwachsen, ist vermutlich der stärkste Impuls für die Liebe. Wir kommen zusammen, um voneinander zu lernen, aneinander zu wachsen und miteinander stärker zu werden. Wir verlieben uns, weil wir herausgefordert werden wollen. Weil uns die Gegenwart eines geliebten Partners im Herzen berührt, innerlich aufbricht und Dinge aus uns hervorholt, von denen wir vorher nichts geahnt haben. Wenn wir also Herausforderungen brauchen, könnten wir dann nicht positiver auf sie reagieren? Könnten wir nicht mehr Neugier für die schwierigen Seiten unserer Beziehungen entwickeln und uns voller Freude an die Arbeit machen? Welche Aufgaben könnten wir uns stellen, damit wir als Paar lebendig bleiben? Welche Herausforderungen könnten wir uns suchen, damit unsere Liebe noch stärker wird? Wenn Sie schwierige Situationen meistern und Ihre Beziehung stärken wollen, laden Sie einander dazu ein, neue Erfahrungen zu machen.

Die wohl größte Herausforderung der Liebe besteht darin, mit seinem Partner verbunden zu sein und ihn wachsen zu lassen.

Dem Partner genügend Raum für seine Entfaltung zu geben, ist am schwierigsten, wo es ans Eingemachte geht, wo wir mit unseren Ängsten konfrontiert werden. Wir alle haben Angst davor, von unseren Partnern ausgenutzt, emotional in die Enge getrieben, hintergangen, verlassen oder verletzt zu werden. Ich zum Beispiel habe immer Angst, verlassen zu werden, wenn es zu einem heftigen Konflikt mit meiner Partnerin kommt. Nun habe ich zum Glück eine unterstützende Partnerin an meiner Seite, die sich in solchen Situationen nicht empört von mir abwendet, sondern den Konflikt fair mit mir austrägt und mir dadurch ermöglicht, etwas Neues zu erfahren: Nämlich, dass ich schwierige Situationen gemeinsam mit meiner Partnerin durchstehen und der Liebe vertrauen kann. So entwickele ich entgegen meiner ursprünglichen Prägung wachsendes Vertrauen in meine eigenen Beziehungsfähigkeiten, in die meiner Partnerin und in unser gemeinsames Vermögen, schwierige Situationen zu meistern. Und das ist gut für uns beide, weil wir so unsere Verbindung stärken und vertiefen.


Wenn wir im geschützten Raum einer Partnerschaft über uns hinauswachsen, entsteht das Ge-fühl, dass Liebe gelingt. Wenn wir das Wohlwollen, die Loyalität und die Unterstützung des Partners spüren, dann werden wir mutiger und autonomer. Wenn wir einander inspirieren und begeistern, fühlen wir uns lebendiger. Liebe gelingt, wenn wir uns für unsere Beziehung be-geistern, weil wir dank der Schwierigkeiten in unserer Beziehung noch stärker werden. Wann immer ich dazu neige, wieder ins alte Opferverhalten zurückzufallen, versuche ich daran zu denken, dass ich mein Gehirn auch anders nutzen und mich für einen anderen Umgang mit meinen Schwierigkeiten entscheiden kann. Meinen Sie nicht auch, dass die Zeit reif ist für einen neuen Weg, reif für ein neues Miteinander?


Wenn Sie einen neues Miteinander entwickeln wollen, hier ein paar Anregungen:

- Vertiefen Sie die Beziehung zu sich selbst; werden Sie sich über Ihre inneren Vorgänge klar
- Tauschen Sie sich mit Ihrem Partner über Ihre Sehnsüchte und Ihre unerfüllten Bedürfnis-se aus
- Spüren Sie ungenutzte Potentiale bei sich und Ihrem Partner auf
- Sprechen Sie darüber, wohin Sie sich entwickeln wollen
- Nutzen Sie die höherentwickelten Bereiche Ihres Gehirns, kultivieren Sie Achtsamkeit, Akzeptanz, Wertschätzung, Mitgefühl, Verständnis und vorausschauendes Denken
- Entdecken Sie gemeinsame Vorlieben, Aktivitäten oder Rituale, für die Sie sich begeis-tern können
- Ermutigen Sie einander, Neues auszuprobieren
- Gönnen Sie sich ab und zu etwas Verrücktes, überschreiten Sie Ihre Grenzen
- Bleiben Sie am Ball und geben Sie niemals auf!

Literatur zum Weiterlesen: Rick Hansons & Richard Mendius: Das Gehirn eines Buddha. Die angewandte Neurowissenschaft von Glück, Liebe und Weisheit. Arbor Verlag Freiburg im Breisgau, 2010


Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und -Therapeut und arbeitet als Paarberater und Single-Coach in Berlin.

Buchtipp: Rick Hansons & Richard Mendius: Das Gehirn eines Buddha. Die angewandte Neurowissenschaft von Glück, Liebe und Weisheit. Arbor Verlag, Freiburg im Breisgau, 2010

www.jochen-meyer-coaching.de


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