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Ausgabe Februar 2012
Lehrer als Gastgeber. Eine Herausforderung unserer Zeit – die Schule. Von Ursula Rogg

Als Kunstlehrerin an einem Neuköllner Gymnasium mit einem 90%igen Schüleranteil nicht-deutscher Herkunft – beweist Ursula Rogg Mut, Idealismus und außerdem Schreibtalent. Ihr Frontbericht aus dem Klassenzimmer ist berührend, erschreckend, spannend und imm

Während die Bildungspolitik keinen Ausweg aus einer strukturellen Krise findet und Bildungsforscher in finnischen Klassenzimmern, nicht aber denen Berlins sitzen, während Schulen von Reformen und Prüfungsverordnungen überzogen werden, kämpfen wir mit einer Entwicklung im Klassenzimmer, die sich vor allem als ein zunehmender Verlust von Sprache und Aufmerksamkeit zeigt. Das Sprechen selbst nimmt an Lautstärke, Unreflektiertheit und Aggressivität zu, die Sprache selbst aber verarmt dabei. Viele Schüler beherrschen weder ihre Muttersprache noch das Deutsche, ihr Vokabular ist minimal und Grammatik sowie Satzbau werden durch Floskeln und Laute ersetzt. Der Zusammenhang zwischen Sprechen und Denken stimmt umso bedenklicher, als es sich hier nicht selten um Oberstufenschüler eines Gymnasiums handelt. Viele von diesen Schülern kommen aus Familien, in denen kaum ein Bewusstein für Kulturtechniken besteht; ich spreche von Dingen wie Ernährung, Bewegung und grundlegende Höflichkeitsformen. Das Konsumverhalten im materiellen wie vor allem im medialen Bereich ist jenseits aller Kontrolliertheit, was einen grundlegenden Verlust an Aufmerksamkeit zur Folge hat. Den Bewohnern Nord Neuköllns ist die Aufmerksamkeit im Umgang mit sich, dem Nächsten und der umgebenden Welt abhanden gekommen. In dieser Welt ohne Aufmerksamkeit und Fürsorge wachsen unsere Schüler, wächst unsere junge Generation heran. Schule machen in Neukölln bedeutete für mich, Aufmerksamkeit zu schulen. In jeder Stunde und mit jedem Thema habe ich mich darauf bezogen, und ob und auf welche Weise das im Kleinen gelungen ist und wie und woran ich gescheitert bin, davon handelt im Wesentlichen dieses Buch.

Ich habe eine Zehnte, in der es 20 Minuten dauert, bis ich Guten Morgen sagen kann. ... In der folgenden Doppelstunde ließ ich die Klasse wie gehabt weitertoben, zog mich aber in den kleineren Nebenraum zurück und bat die Schüler einzeln zu einem Interview vor einer Videokamera, um sie zu fragen, was sie später machen wollten, wie sie leben und sein wollten. ... Familie und Spaß haben waren für alle wichtig.

Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ich würde einfach vorne anfangen, da, wo es nicht klappte: bei der Begrüßung. Vergiss, dass du am Gymnasium bist, sagte ich mir. Es ist egal. Lass sie aufstehen. Ich lasse sie also aufstehen. Das dauert. Ich lasse sie sich wieder hinsetzen, dann wieder aufstehen. So lange stehen jetzt, bis jeder und jede frei steht. Da sind 20 Minuten um. Ich kommandiere, sie hören mich jetzt. Setzen. Wieder müssen sie aufstehen, Hände aus den Hosentaschen, frei stehen, nicht anlehnen. Hände weg vom Nachbarn, sie lachen, sie beginnen Spaß zu haben. Setzen, aufstehen. Besser so. Stehen bleiben. Jetzt: Kopf heben, geradeaus schauen. Alle: Kopf hängen lassen, blödes Gesicht machen. Noch blöder. Sie trauen sich nicht, schauen sich peinlich berührt um. Der Kopf bleibt unten, der Blick auch, Gesicht entspannen, Kopf hoch! Jetzt gähnen, sich recken – hätt’ ich’s doch sein lassen! Jetzt rempeln sie und quatschen wieder, hey du Opfer, ja du Spast, wassollndasduarsch ... Alles wieder im Eimer. Die Mädchen fragen mit schwachen Stimmen: „Dürfen wir uns wieder hinsetzten?“ Auf gar keinen Fall! Was mach ich bloß, der Platz ist so knapp! „Durchzählen auf zwei!“, klappt nicht, ich zähle für sie, eins, zwei, eins, zwei, mein Zeigefinger wie ein Ticker, „alle Zweien steigen auf ihren Stuhl!“. Einrichtung wird polternd umgeschmissen, einer stößt fast den Nachbarn vom Stuhl, die, die unten bleiben müssen, beschweren sich. Still jetzt, schnappe ich, stillgestanden oder es knallt, ohne zu wissen, was denn knallen könnte. Hauptsache, sie tun es, hoffentlich, und ja, sie tun es. Ich schwitze. Sie grinsen, aber sie tun es.

Sie kannten diesen Feldwebelton noch gar nicht an mir; ich auch nicht. Ein linker Arm zeigt formvollendet nach oben, „Derya, was gibt es?“. „Sehr geehrte Frau Rogg, wir möchten gern auch oben stehen dürfen.“ – „Alle nach rechts ab-stei-gen, jetzt durchzählen auf drei!“, verhältnismäßig gedämpfte Unmutsäußerungen ignoriere ich, „die Dreien auf die Tische, die Zweien am Boden, die Einsen auf die Stühle, Mahmut und Mert auf die Fensterbretter, Derya auf die Schrankleiter.“ Kein Stuhl fällt um, kein Schüler, es dauert unter zwei Minuten. So stehen sie, groß und klein, mehr oder weniger gerade, aber frei stehend, jeder für sich, und schauen nach vorne. Grinsend, gelangweilt oder misstrauisch. Aber wach, gespannt und schweigend. Das Klingeln zum Stundenende fährt in dieses Schweigen wie eine gut geschliffene Sense ins hohe Gras. „Nicht bewegen!“, mein Herz klopft. „Nächsten Donnerstag um acht in dieser Aufstellung! Auf Wiedersehen.“ Da löst sich das Bild, maximale Energie setzt sich frei, sie johlen, springen über die Tische, lachen. „Tschüs“, rufen sie, tschüs, und drängen auf ihren riesigen Turnschuhen und zierlichen Plastikpumps hinaus. Ein Mädchen, Safiye, vom Kopftuch bis zur Schuhspitze in Pink und Weiß, kommt zurück, sie hat ihre Tasche vergessen. Sie schnappt sich das winzige Etwas aus genietetem Kunstleder, dreht sich zu mir um, die flachen Hände gegen die geröteten Wangen gepresst. „Hat Spaß gemacht“, flüstert sie und rennt raus.
Später wird diese Truppe ein Stück in der ausverkauften Aula mit 300 Plätzen aufführen.


Buch: Ursula Rogg: Nord Neukölln – Frontbericht aus dem Klassenzimmer, Diederichs, München, 2008, 224 Seiten, 19,95 Euro


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