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Ausgabe Februar 2012
Ohne Wurzeln keine Flügel Andreas Krüger im Gespräch mit Haidrun Schäfer


Haidrun Schäfer: Jeder Mensch hat individuelle Potenziale, aber es gibt auch immer eine Zeitqualität, die die ganze Menschheit betrifft. Was sind Ihrer Meinung nach die allgemeinen Herausforderungen unserer Zeit?

Andreas Krüger: Nach meiner fast 60-jährigen Lebenserfahrung und 30-jährender Lehrer- und Therapeutentätigkeit kann ich dazu nur Folgendes sagen: „Du sollst werden, als das, was du gemeint bist.“ Wir sollen als Individuum, aber auch als Menschheit werden, was wir als Idee gemeint waren.
Ich glaube, wir sind als Menschen zweierlei: Wir sind etwas, weil wir es sind und wir sind etwas, weil wir es werden sollen.
Diese Welt als Ganzes ist ein Ausdruck des Punktes, an dem wir gerade stehen. Und im Augenblick fährt diese Welt knallhart gegen die Wand – und das hat nicht mit Verschwörungstheorien zu tun. Unsere fünf Windkrafträder sind zwar nett, aber global gesehen völlig irrelevant. Diese Welt wird aus meiner Sicht immer dreckiger, immer brutaler und immer lustfeindlicher. Alles, was sich an unseren Wurzeln orientiert – ob bonoboisch, nach Wilhelm Reich oder materialisch wie das Buch „Die Suche nach dem verlorenen Paradies“ beschreibt – wird heute ausgeblendet. Dieses Buch stellt das Leben eines Indianerstamms in Mittelamerika dar und was mich völlig beeindruckte, war, dass dieser Stamm drei Worte nicht kannte: Ehe, Krieg und Arbeit. Da erkenne ich mich wieder, denn wenn Menschen zu mir sagen „Mensch Krüger, du arbeitest zu viel“, dann kann ich nur sagen: „Meine Arbeit macht mir Spaß und Freude. Sie laugt mich nicht aus, sondern nährt mich. Arbeit als Joch kenne ich nicht. Im Gegenteil: Arbeit als Jungbrunnen trifft es eher.“ Mir macht Arbeit Spaß. Das Wort „Krieg“ gibt es in meinem Wortschatz genauso wie die Ehe, denn ich bin auch nur ein Kind dieser Gesellschaft.


Könnte man daraus schließen, dass es einen Zusammenhang zwischen Ehe, Krieg und Arbeit gibt?

Wenn ich davon ausgehe, dass es eine Zeit gab, wo der Mensch relativ im Einklang mit diesem Planeten lebte, dann muss dieser Einklang mit dem Fehlen dieser drei Worte zu tun haben. Und deswegen muss das Dilemma, in dem wir jetzt leben, scheinbar auch mit diesen drei Worten zu tun haben. Natürlich können wir nicht einfach wieder Indianer oder Bonobos werden. Wir müssen aber als ersten Schritt erkennen, wo wir herkommen. Und dazu müssen wir einfach Ja sagen. Wenn wir das nicht tun, ist das eine Verleugnung unserer Wurzeln und damit eine Verleugnung unseres Potenzials – denn unser Potenzial liegt darin, unsere Welt und unsere Schöpfung zu pflegen, zu lieben und zu erhalten. Was wir im Moment nicht tun, sondern im Gegenteil: Wir fahren diese Schöpfung gegen die Wand. Jeder kann sich ausrechnen, dass dieser Wachstumswahn eine Sackgasse ist.


Wir müssten also als ersten Schritt unsere Wurzeln anerkennen, um unser menschliches Potenzial überhaupt leben zu können?

„Nur wer Wurzeln hat, dem wachsen Flügel“, frei nach Hellinger. („Ohne Wurzeln keine Flügel. Die systemische Therapie von Bert Hellinger.“ von Bertold Ulsamer - Anmerkung der Redaktion.) Und ich glaube, dass wir tatsächlich dazu bestimmt sind, Engelsflügel zu entwickeln. Nicht im christlich-jüdischen Sinne, sondern wir sind dazu bestimmt, geflügelte Bonobos zu werden – also ganz Wurzeln und ganz Flügel.
Rudolf Steiner weist darauf hin, dass der Mensch im Jahre 2012 in der Lage sein wird – wenn er sein Potenzial nicht mehr verleugnet –, mit der Kraft der Wurzeln einen Schritt in eine neue Hierarchie von einem freien Menschtum zu gehen, das sich ehrend seiner Wurzeln besinnt, aber mutig auf neue Rollen schaut. Der neue Mensch ist nach Rudolf Steiner ein Mensch, der eine noch gar nicht vorstellbare Freiheit besitzt. Es ist ein medialer Mensch – ein magischer, mystischer und schamanischer Mensch.
Darum geht es: Einerseits um das Ja zu dem, was wir sind und die kritische Hinterfragung zu all dem, was uns von diesen Wurzeln abschneidet, aber auch um das mutige Schauen und Schulen in Richtung dessen, was wir werden sollen.
Ich glaube, dass Wurzeln und Flügel zusammen kommen müssen und deswegen bin ich auch im Biermannschen Sinne besinnungslos vor Hoffnung und würde im Lutherschen Sinne noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen. Aber ich glaube auch, dass wir diese beiden Aspekte didaktisch, heilerisch und politisch umsetzen müssen, sonst klappt es hier nicht. Aber wir können es jetzt schaffen!

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst
webside: www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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