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Ausgabe Februar 2012
Eine goldene Regel. Wolf Schneider zu Heraus- und Hereinforderungen in 2012


2012 ist ein Jahr, das in der spirituellen Szene vor allem die Kalendergläubigen auf Trab bringt, weil der Maya-Kalender in ihren Köpfen die Fiktion einer großen Wende erzeugt hat. Dieser Milleniumshysterie in der spirituellen Szene und bei den Fans von Roland Emmerich ungeachtet gibt es große Veränderungen in der Welt. Der Aufbruch in der arabischen Welt, die fortgesetzten Energie- und Währungskrisen, das Scheitern der Großmachtpolitik der USA und die Nahrungsmittelkrisen gehören zu den stärkeren der treibenden Kräfte in diesem Jahr, viel mehr als die Autoren des Mayakalenders von einst und die Fantasien ihrer heute tätigen PR-Leute. Meine große Hoffnung gilt dieses Jahr dem, was aus der Occupy Wallstreet Bewegung noch hervorgehen könnte – eine »Occupy Money« Bewegung, die ein neues Weltwährungssystem einleitet (siehe Margrit Kennedys Buchs hierzu), das wäre doch mal etwas, das wirklich Hoffnung machen könnte.

Krisen als Augenöffner?
Die große Bewusstseinswende wird es nicht geben – darauf warten wir seit Sokrates und Buddha nun schon mehr als 2.500 Jahre lang. Keine Krise ist groß genug, um die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit heraus zu katapultieren und zur Einsicht zu bringen. Hat uns der erste Weltkrieg, mit seinem Folgekrieg, dem zweiten, nicht gereicht? Er hat den Stalinismus, die Nazis und den Maoismus hervorgebracht. Einsicht? Gab es nur vereinzelt. Dafür starben Millionen und Abermillionen durch die barbarischsten Methoden der Menschenverachtung und -vernichtung, die die Welt je gesehen hat. Nein, auf die großen Krisen als Augenöffner hoffe ich nicht mehr. Krisen machen Angst, Angst führt zur Panik, und dann rennen wir weg, blind vor Angst oder greifen den an, den wir für den Feind halten (meistens ist es der Falsche), so sind wir halt.

Challenges ohne Ende
»Herausforderungen« nennt man die Krisen von heute. In der Globalsprache klingt es noch besser: »Challenges«. Wir haben keine Probleme mehr, sondern Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, denn wir sind es doch, die wir uns unsere Wirklichkeit erschaffen! Leider sehe ich um mich herum lauter überforderte Menschen. Burnout und Depression haben krass zugenommen, und das sogar im Wirtschaftswunderland Deutschland, das in Europa eine positive Ausnahme darstellt. Was sollen da erst die Spanier, Italiener und Griechen sagen? Sich der »Herausforderung« von 20% Arbeitslosigkeit (Spanien), eines von Berlusconi ruinierten Landes (Italien) oder der griechischen Schuldenlast zu stellen? Nein, danke. Da muss ein Systemwechsel her.

Herein und heraus
Und nun zu uns, zu dem, was wir als Individuen tun können. Was das betrifft, schmeckt mir das Wort Herausforderung zu sehr nach einer einseitigen Bevorzugung der Extraversion gegenüber der Introversion.
Wie wäre es mal, zum Ausgleich, mit einer Hereinforderung? Haben wir spirituellen Menschen nicht gelernt nach innen zu gehen? Dem Aus-sich-raus-gehen sollte auch ein In-sich-hinein-gehen entsprechen. Wer nicht aus sich heraus gehen kann, der kann auch nicht in sich reingehen, habe ich in meiner Therapieausbildung einst gelernt. Als Meditierer und Theaterspieler weiß ich, dass das auch umgekehrt gilt:
Je weiter du in dich hineingehen kannst, umso mehr kannst du auch aus dir herausgehen.
Meist können wir uns halt von unserem 0815-Alltagsego in die eine wie die andere Richtung nur bis hierhin und nicht weiter dehnen. Da ist es dann gut, mal eine andere Richtung als die gewohnte auszuprobieren und uns, wie im Yoga, mal in diese, mal in jene Richtung zu auszustrecken.

Was tun?
Zurück zum Krisenjahr 2012. Was sollen wir tun? Uns nur »den Herausforderungen« zu stellen, führt zum Vernachlässigen des Inneren und schließlich zum Kollabieren. Das ist als würde man gegen alle diese schrecklichen Kriege nun eine weitere große Armee ausrüsten, um endlich dem Pazifismus zum Sieg zu verhelfen. Aber auch das Verkriechen in den Innenwelten ist keine Lösung. Nur die eigenen Gedanken und Gefühle betrachten, um sich dann am Weltmeditationstag mit all den anderen guten Menschen auf der Erde auf »eine höhere Schwingungsebene« zu begeben, die die Erde heilt – das ist gut gemeint, aber keine wirkliche Hilfe gegen strahlenden Müll, aufbegehrende Kleinstaaten mit Atomwaffen oder die Hungersnöte in Afrika. Jedenfalls nicht so auf die Schnelle.

Eine Goldene Regel
Ich halte es da lieber mit der alten goldenen Regel:
Lerne zu akzeptieren, was du nicht ändern kannst, ändere, was du ändern kannst, und lerne, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Und bei dieser so entscheidenden Fähigkeit, das eine vom anderen zu unterscheiden, möchte ich ein bisschen verweilen, denn hier werden meines Erachtens die größten Fehler gemacht.
Was können wir denn verändern? Gerade die spirituelle Szene (aber nicht nur die) ist voll von Magiegläubigen. Angefangen vom Glauben, sich einen Parkplatz herbeiwünschen zu können über das Herbeizaubern des Seelenpartners bis zum Wegmeditieren einer Kriegsgefahr sind wir davon überzeugt, dies oder das weg- oder herbeizaubern zu können. Dabei verändern wir doch mit diesem Zauber nur unsere Wahrnehmung. Wir verändern damit unseren Filter, der dann nur bestimmte Informationen »zu uns rein« lässt, und wir verändern mit ihm die Blickrichtung, in die wir schauen. Beides wirkt so mächtig, dass wir dann gerne glauben, damit gleich die Welt verändert zu haben. Es ist aber nur unsere Welt, die Welt, die wir sehen. Wir haben damit unsere Weltanschauung verändert, nicht die Welt.

Wie du dich stellst
Was wir verändern können, ist unsere Haltung zur Welt, die dann als Folge unsere Filter bestimmt und unsere Blickrichtung. Diese Haltung wurzelt in der Identität: Wer bin ich, beziehungsweise für wen halte ich mich denn heute wieder? Wir können unsere Ernährung umstellen, unsere Alltagsrhythmen, ein bisschen auch den Freundeskreis und – je nach dem – auch das, womit wir unseren Lebensunterhalt verdienen. Das ist doch schon mal eine ganze Menge!
Und nicht erst heute, einmal für den Rest des Lebens, sondern von jetzt ab jeden Tag brauchen wir die Intelligenz, das Veränderbare vom nicht Veränderbaren zu unterscheiden. Was du nicht ändern kannst, das lerne zu lieben oder wenigstens ohne Groll hinzunehmen. Es gibt ja so unermesslich viel zu Liebendes und zu Bewunderndes unter dem, worauf wir als einzelne keinen oder nur einen winzigen Einfluss haben! Die Natur, die Blumen und Vögel, das Meer und all die anderen Gewässer, die Sonnenauf- und untergänge, das Lachen spielender Kinder … Anlass und Grund zum Glücklichsein ohne Ende. Aber es gibt auch einen Wirkungskreis, in dem das, was ich denke, fühle und tue einen riesengroßen Unterschied macht, und das ist vor allem erstmal mein Bezug zu mir selbst, mit machtvollen Folgen für mein eigenes Leben – eine große Hereinforderung, in diesem großen Krisenjahr 2012.



Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift „connection“ seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«.
Kontakt: www.schreibkunst.com


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