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Ausgabe Januar 2012
Bodhicitta / Das Mitgefühl der Bodhisattvas: von Christian Salvesen

Bodhi (Erwachen) und Citta (Geist, Gefühl) ergeben zusammen den Erleuchtungsgeist bzw. das Streben nach Buddhaschaft. Der Dalai Lama sieht darin das Wesensmerkmal eines Bodhisattvas:

„Man mag über ein tiefes und gültiges Verständnis der Leerheit verfügen und vielleicht sogar die Befreiung aus dem Daseinskreislauf erlangt haben; aber solange man ohne Bodhicitta ist, ist man kein Bodhisattva. Um dieses Bodhicitta zu erzeugen, reicht es nicht aus, sich nur mitfühlend zu wünschen, dass andere fühlende Wesen glücklich und frei von Leiden sein mögen. Unbedingt erforderlich ist das tiefe Gefühl des Engagements und der Verpflichtung, dass ich selbst die Verantwortung auf mich nehmen werde, alle anderen Wesen vom Leiden zu befreien.“

Wer sich von dem Weg des Bodhisattvas angezogen fühlt, übt sich zunächst in Einfühlungsvermögen und dem Zulassen menschlicher, inniger Nähe.

Bodhicitta ist nicht dasselbe wie christliche Nächstenliebe. Ein Unterschied besteht darin, dass der Buddhismus ganz logisch vorgeht. Im ersten Schritt der „Methode von Ursache und Wirkung in sieben Punkten“ wird Gleichmütigkeit praktiziert. Wir lernen, die Schwankungen unserer Gefühle, Abneigung und Zuneigung zu beobachten. Mitgefühl beruht nicht auf persönlicher Zuneigung, sondern auf der Einsicht in das, was alle Lebewesen verbindet und gemein haben. In den folgenden Schritten wird „ein so starkes Gefühl von Nähe und Verbundenheit“ erzeugt, „dass wir es nicht ertragen können, dass andere Wesen leiden.“ Wir legen das Gelübde des Bodhisattvas ab, selbst Verantwortung für die Befreiung aller leidenden Wesen zu tragen.

Doch was gibt uns eigentlich die Legitimation dafür? Ist damit nicht eine gewisse Anmaßung verbunden? Wer bin ich denn, dass ich glaube, andere erlösen zu können! Ganz recht, um andere zur Befreiung führen zu können, muss ich selbst Befreiung erlangt haben. Das ist der siebte Punkt, Bodhicitta. „Es umfasst sowohl das Bestreben, das Wohlergehen anderer herbeizuführen, als auch das Bestreben, zu diesem Zweck die Buddhaschaft zu erlangen.“

Im Christentum können sich bei der Nächstenliebe (Agape) leicht ganz unterschiedliche Absichten und Aufgaben mischen: Armen und Kranken helfen, für soziale Gerechtigkeit eintreten, die „frohe Botschaft“ verkünden, Menschen zur Umkehr und zum Glauben bewegen. Beim Bodhicitta des Mahayana sind Intention und Aufgabe klar auf das Erwachen ausgerichtet. Die Methoden kommen aus einem kulturellen Umfeld, wo Meditation und Yoga seit Jahrhunderten praktiziert wurden und sich die Aufmerksamkeit fast schon wie natürlich von der Welt weg nach innen richtete. Die Visualisierung ist ein typisches Beispiel. In den westlichen Religionen spielen Visionen und Offenbarungen eine Rolle, doch nirgendwo findet sich in den alten Texten eine Anleitung wie die, jedes Wesen als die eigene geliebte Mutter zu visualisieren, um Mitgefühl zu entwickeln. Wer Moses, Jesus oder Mohammed lauschte, wollte Taten sehen und konkret wissen: Wem soll ich in welcher Situation helfen, wem nicht? Keine Frage, die Gleichnisse Jesu zu verstehen erfordert Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen. Doch die Bodhicitta-Methoden – dazu gehört auch das schon angesprochene Tonglen – richten sich ganz gezielt an die Bewusstseinskräfte.

Nicht der naive Aktivismus – Helfen um jeden Preis – ist gefragt, sondern Reflektion und tiefes Verstehen. Um zu verstehen, dass alle Wesen unsere Mutter sein können, ja sind, kann die Vorstellung helfen, dass wir unendlich oft wiedergeboren wurden und jedes Lebewesen in einem früheren Leben tatsächlich unsere Mutter war. Das widerspricht allerdings den monotheistischen Religionen. Doch genauso gut können wir das Mütterlich-Liebevolle als den göttlichen Kern in allen Wesen anvisieren und erleben, hier und jetzt, ohne jede Vorgeschichte.

Eine weitere, ebenso von der Vorstellungskraft ausgehende Methode ist, sich mit anderen gleichzusetzen und sich darüber klar zu werden, dass, wie der Dalai Lama sagt, auch andere genau wie ich das Recht und das Potenzial haben, das grundsätzliche Streben nach Glück und Überwinden von Leid in die Tat umzusetzen. Die Einsicht in unsere menschliche Natur – sie mag zunächst auf Abstraktion, dann auf Intuition beruhen – ist jedenfalls der ausschlaggebende Faktor in der Entwicklung von Bodhicitta. Auch die Tonglen-Praxis appelliert an die Vorstellungskraft.

Wir nehmen im Geiste und im Herzen das Leid der Welt in uns auf und geben Frieden und Glück zurück.

Übungen im Geiste mögen sehr abstrakt erscheinen, doch sie können erstaunlich wirksam sein.

Der Dalai Lama möchte jedoch von der Objektfixierung – konkrete Heilerfolge – zum Subjekt führen. Tonglen und andere Bodhicitta-Methoden führen vor allem zu einer „Stärkung und Steigerung des eigenen Mutes und der Entschlusskraft, die Bodhisattva-Bestrebung zu erfüllen.“

Jesus ist ein Bodhisattva – so sagten manche Zenlehrer, die sich mit der Bibel befassten. Ich denke, der Vergleich zwischen Jesus und Buddha ist hilf- und aufschlussreich. Beide sind über alle menschlichen Grenzen gegangen, sind zu Symbolen einer Liebe geworden, die göttlich und zugleich allen möglich ist. Jesus ist den Umständen entsprechend erdiger, ja blutiger. Vielleicht ist sein Bild für uns heute auch immer noch durch das Mittelalter mit seinen grauenhaften Exekutionen (Hexenverfolgung usw.) und dem Schreckgespenst der Hölle verbunden. Es scheint, als müssten wir ihm durch alle Pein hindurch folgen, die sich Menschen nur ausdenken können.

Der Bodhisattvaweg ist insgesamt viel sanfter und abstrakter. Kein buddhistischer (oder auch hinduistischer) Heiliger wurde laut traditioneller Schriften je zu Tode gefoltert. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sich die indische Philosophie samt Buddhismus aus dem politischen Tagesgeschehen meist heraushielt. Erst in den letzten Jahrzehnten wurden buddhistische Mönche zum Symbol des Widerstands gegen staatliche und militärische Unterdrückung. So in Tibet seit dem Einmarsch der Chinesen in den 50er Jahren, in Kambodscha (Rote Khmer in den 70er Jahren) und in Burma, wo die Militärdiktatur 2008 wieder viele buddhistische Mönche verhaftete und etliche tötete.

Von einem Menschen, der die wahre, unbedingte und absolute Liebe vertritt, erwarten wir, dass er bereit ist, sein Leben für andere zu opfern. Und das nicht nur in der Vorstellung, sondern ganz handfest. So gesehen sind Jesus und die vielen Märtyrer in seinem Namen, wie auch Mansur und andere Sufis, die wahren Bodhisattvas. Doch bedenken wir: Der Körper ist nicht das wahre Pfand der Liebe. Er stirbt ohnehin. Wir schmelzen dahin, wenn sich in einem Film der Held für seine Geliebte opfert, sich vor ihr in den Kugelhagel wirft. Ja, das mag selbstlose Liebe darstellen, spontan aus dem Moment heraus, aber es geschieht alles nur in der Vorstellung – Filmfantasie.

Bodhicitta ist – Liebe ist.

Wir können uns alle möglichen Situationen ausmalen, wie ein Bodhisattva handelt. Der eigentliche Punkt ist: Wie agiere, fühle und denke ich, jetzt?! Ich bin der Bodhisattva, ob ich es will oder nicht. Ich bin es, der erlebt, der Menschen, Tieren und Pflanzen begegnet, mit ihnen im lebendigen Austausch ist. Diese Liebe geschieht ohne mein Zutun. Sie ist bereits. Ich kann sie erkennen und bewusst erleben oder ignorieren und verdrängen.





Zitate aus: Dalai Lama: Der buddhistische Weg zum Glück. Das Herz-Sutra. O. W. Barth/S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M., 2004, Textauszug aus Christian Salvesen: Liebe – das Herz aller Weltreligionen. O. W. Barth

Der Autor Christian Salvesen ist Redakteur der Zeitschrift „Visionen“ und lebt mit seiner Familie in Süddeutschland.
Er ist Autor der Bücher:
„Liebe: Das Herz aller Weltreligionen“ und „Advaita.
Vom Glück mit sich und der Welt eins zu sein“ (beide O.W. Barth Verlag)
und „Die Formel der Unsterblichkeit. Ein Schamanenkrimi“ (Koha-Verlag).


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