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Ausgabe Januar 2012
Aus den Lehren des Dalai Lama: Die Natur des Mitgefühls

Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat das Mitgefühl immerwieder in das Zentrum seiner Lehren gestellt. Seine Worte dazu sind ebenso einfach wie grundlegend.

Mitgefühl zu empfinden heißt, dass man das Leid des anderen als unerträglich empfindet. Aus diesem Gefühl heraus entsteht der Wunsch, alle Wesen vom Leid zu befreien und ihnen zu helfen, Erleuchtung zu erlangen.
Wirkliches Mitgefühl ist unvoreingenommen und macht keinen Unterschied zwischen den Wesen. Wie auch wir wollen alle Wesen glücklich sein und nicht mehr leiden müssen. Wir alle haben die gleichen Wünsche und auch die gleichen Rechte.

Echtes Mitgefühl ist ungeheuer kraftvoll. Es ist unkompliziert, tief und beständig. Es wird weder von dem beeinflusst, was wir geistig auf andere projizieren, noch von den äußeren Umständen. Daher müssen wir bei anderen Menschen unterscheiden zwischen ihrem Verhalten und dem, was sie wirklich, also ihrer wahren Natur nach, sind. Wenn wir nur darauf schauen, wie eine Person sich nach außen hin verhält, wird es schwierig, uneingeschränktes und dauerhaftes Mitgefühl zu entwickeln, denn dann hängt die Qualität unseres Mitgefühls stets davon ab, wie man uns gerade behandelt.

Mitfühlend zu handeln bedeutet, sein Bestes zu geben – unter welchen Umständen auch immer und ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wir sollten nicht glauben, dass wir das nicht schaffen können. Wir haben unermessliche Quellen zu unserer Verfügung. Wir können uns in einer Weise selbst übertreffen, die weit über unsere Vorstellungen hinausgeht.

Unsere Fähigkeit zu geben, zu lieben und Mitgefühl zu empfinden, hat auch Auswirkungen auf unser emotionales Gleichgewicht und unsere Gesundheit.

Geben ist ein Quell grenzenloser Freude. Sie müssen es nur ausprobieren, um sich selbst davon zu überzeugen.

Mut zum Altruismus
Eine altruistische Geisteshaltung hat zwei »Ausrichtungen«. Man liebt seinen Nächsten, vergisst dabei aber nicht, sich selbst zu schätzen. Wir üben uns in liebender Güte und Mitgefühl, vergessen dabei jedoch nicht, auch auf uns selbst zu achten.

Nur der Mensch ist zu einer uneigennützigen Haltung fähig. Altruismus meint hier die grundlegende Gutheit, die in jedem Menschen angelegt ist. Sie ist das Gegenteil von Egoismus, der in seiner Engstirnigkeit und Dummheit unendliches Leid verursacht.

Wenn wir glücklich sein wollen, müssen wir also Mitgefühl entwickeln. Würden wir uns dadurch noch mehr Leid aufbür-den, könnte man den Wert des Mitgefühls zu Recht in Frage stellen, doch die Erfahrung zeigt, dass dem nicht so ist. Be-schäftigen wir uns ausführlicher mit der Bedeutung des Mitge-fühls, so verstärkt dies unsere Entschlossenheit, uns in der Praxis der Freigebigkeit zu üben, da wir ihre positiven Auswir-kungen erkennen. Wenn wir einer Person etwas schenken, geht es nicht nur ihr besser, sondern auch uns selbst, da der Akt des Gebens in uns ein Gefühl der inneren Befriedigung und Freude erzeugt. Diese Freude wird zur Ursache von Gelas-senheit und innerem Frieden.
Alle Wesen und alle Phänomene sind wechselseitig mitein-ander verbunden. Unser eigenes Glück ist folglich aufs Engste mit dem der anderen verknüpft. Bemühen wir uns also um ei-ne altruistische Haltung, die unser Herz mit Freude erfüllt.

Seien wir intelligente Egoisten
Die buddhistische Ethik legt uns nahe, alles zu tun, um andere glücklich zu machen. Oder - wenn Ihnen dies unmöglich erscheint - zumindest alles Ihnen Mögliche zu tun, um anderen nicht zu schaden. Wir sollten also auf intelligente Art egoistisch handeln. Dabei ist uns die Kenntnis der Gesetze von Ursache und Wirkung von Nutzen. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, dass »negative« Handlungen anderen gegenüber früher oder später negative Konsequenzen für uns selbst nach sich ziehen. Seien Sie also pragmatisch und vermeiden Sie derartige Konsequenzen, indem Sie gesunden Menschenverstand beweisen und Achtsamkeit im Hinblick auf Ihre Gedanken, Worte und Handlungen praktizieren. So wird Ihr Leben friedvoll sein. Und vielleicht bekommen Sie ja eines Tages Lust, einen Schritt weiter zu gehen.

Die Lebensgeschichten der großen Meister zeigen, dass es unmöglich ist, glücklich zu sein, ohne Mitgefühl zu entwickeln, und dass wir glücklich werden, wenn wir anderen Gutes tun, denn Mitgefühl setzt aller Angst ein Ende. Wenn wir in unserem Geist das Mitgefühl vermehren, geben wir ihm den Raum, den vorher die Angst eingenommen hat. Wenn die Angst verschwindet, entstehen ganz natürlich Vertrauen und Frieden im Geist. Sie mögen vielleicht denken, dies sei unmöglich, aber das hieße vergessen, dass wahres Mitgefühl Teil unserer grundlegenden Natur ist. Mitgefühl ist ein Potenzial, das wir alle besitzen. Allerdings ist es nur mit Erfahrung und Übung möglich, dieses Potenzial zu verwirklichen und zu einer lebendigen, in unserem Leben wirksamen Kraft werden zu lassen.

Zuerst müssen wir lernen, unsere Verhaltensmuster zu ändern. Das mag zunächst ein wenig schwierig erscheinen, aber mit der Zeit gehen die Dinge leichter vonstatten. Mitgefühl und Hass sind gegensätzliche, sich widersprechende Emotionen. Daher kann unser Geist nie von beiden gleichzeitig erfüllt sein. Auf diese Gesetzmäßigkeit müssen wir vertrauen. Wenn wir einer der beiden Emotionen den Vorzug geben, bleibt für die andere kein Raum mehr, und sie muss zwangsläufig weichen.
Diese Form der Praxis hilft uns, unsere engherzige, egoistische Einstellung abzulegen, und führt uns so zum Glück.




Aus: „Dalai Lama und seine tibetischen Meister“, mit freundlicher Erlaubnis des Verlages.
Lesetipp: Dalai Lama & seine tibetischen Meister, Ratschläge für ein erfülltes Leben, Hardcover, leinengeb., 164 S., ISBN 978-3-442-33891-7, Goldmann Arkana


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