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Ausgabe Januar 2012
Mitgefühl mit sich selbst; aus dem Buch von Dr. Wilfried Reuter

In der buddistischen Praxis spielen Achtsamkeit und Mitgefühl eine ganz entscheidende Rolle. Wilfried Reuter, der Leiter des Lotos Vihara Zentrums in Berlin, erklärt hier, warum vor allem Mitgefühl für sich selbst so wichtig ist.

Manchen Menschen fällt es relativ leicht, sich auf andere einzulassen und fürsorglich mit ihnen umzugehen. Mütter sorgen für ihre Kinder, Partner kümmern sich umeinander, Kollegen unterstützen sich gegenseitig am Arbeitsplatz. Wenn dir eine Freundin am Telefon von ihren Problemen in ihrer Beziehung, mit ihren Kindern oder bei der Arbeit berichtet, fällt es dir nicht schwer, ihr eine Stunde lang aufmerksam zuzuhören und ganz für sie da zu sein. Aber kannst du dir selbst genauso liebevoll zuhören?

Sich berühren lassen
Für viele Menschen ist es schwer, sich selbst nahe zu sein. Geduldig mit sich umzugehen, das eigene Weinen und die eigenen Unzulänglichkeiten auszuhalten. Sich keine Vorwürfe zu machen und sich von ganzem Herzen Gutes zu wünschen und einen guten Rat zu geben. Manche buddhistischen Schriften bezeichnen Mitgefühl als »Zärtlichkeit des Herzens im Angesicht des Leidens«. Dabei darf Mitgefühl nicht mit Mitleid verwechselt werden. In dem Wort Mitleid verbirgt sich das Wort Leiden: Wir leiden mit, das heißt am Ende leiden zwei Menschen. Niemandem ist damit gedient, wenn zum Schluss am Telefon beide weinen. Das mag zwischendurch vorkommen, aber es ist wichtig, nicht dabei stehen zu bleiben. Mitgefühl ist etwas völlig anderes als Mitleid: Es ist eine kraftvolle, fürsorgliche Haltung. Mitgefühl richtet sich aus an der Frage: »Was wird gebraucht, was kann ich tun?«

Mitleid ist eine Haltung der Schwäche, Mitgefühl ist eine Haltung der Stärke.

Im Umgang mit dir selbst ist es genauso: Es nutzt nichts, wenn du über deine eigenen Schwierigkeiten immer nur jammerst. Selbstmitleid führt dich in die Schwermut, möglicherweise sogar in eine Depression. Mitgefühl mit dir selbst tut dir gut und bringt dich in Verbindung mit deiner Stärke. Es hilft dir, heilsam zu handeln, statt dich von deinen Schwierigkeiten und negativen Gefühlen beherrschen zu lassen.

In Verbindung gehen
Im ersten Moment hört sich das vielleicht trotzdem seltsam an: Mitgefühl und Fürsorglichkeit für sich selbst. Drehen wir uns damit nicht vielleicht zu sehr um uns selbst? Nähren wir damit eine egoistische Haltung? Wir alle kennen vermutlich Menschen, die sich vor allem um sich selbst kümmern, andere und deren Bedürfnisse kaum wahrnehmen - und dabei stehen bleiben. Dieses egoistische Verhalten ist aber etwas völlig anderes als Mitgefühl mit sich selbst.

Egoismus stärkt immer Abgrenzung und Distanz. Ein egoistischer Mensch stellt sich selbst in den Mittelpunkt und teilt die Welt auf: Hier bin ich - dort sind die anderen. Dies sind meine Freunde - das sind meine Feinde. Wenn hier Egoismus hohe Wellen schlägt, entstehen sehr unangenehme Situationen. Das Ego sucht ständig Reibung, bewertet andere und sich selbst. Es missachtet andere und will sich über sie erheben. Und weil es uns so in die Trennung manövriert, entsteht Dukkha.
Mitgefühl ist das genaue Gegenteil: Es ist nie auf Distanz ausgerichtet, sondern auf Verbindung, und es ist nie verletzend. Es bleibt unberührt vom Ego und führt darum nicht zu Dukkha. Stattdessen löst es Dukkha auf.

Das Ego führt uns ins Unglück, Mitgefühl ins Glück...

Mitgefühl bedeutet, sich berühren zu lassen von Leid und von Schwierigkeiten, ohne darin zu ertrinken. Es lässt uns Anteil nehmen, und wir sind dabei innerlich aktiv und in Verbindung mit unserer Kraft: »Was wird gebraucht, was kann ich tun?« Diese Frage des Mitgefühls können wir in so vielen Situationen stellen: »Was braucht die Freundin am Telefon, der Arbeitskollege, der genervte Busfahrer? Was brauchen die Menschen in dieser Stadt, in ärmeren Ländern, in Krisengebieten?« Aber eben auch: »Was brauche ich in diesem Moment? Wie kann ich mir helfen im Stress, den mir mein übervoller Terminkalender bereitet? Was kann ich für mich tun angesichts meiner Angst oder meiner Einsamkeit?«

Alte Muster durchschauen
Unser Ziel ist, unsere Schwierigkeiten zu verstehen und aufzulösen. Das ist nur möglich, wenn wir die Ursachen dieser Schwierigkeiten erkennen. Das wiederum können wir nur, indem wir in uns hineinschauen, ohne unsere Fehler und unangenehmen Gefühle auszublenden oder zu verurteilen. Mitgefühl ermöglicht uns diesen offenen Blick nach innen.

Auszug aus: W. Reuter, Weck den Buddha, mit freundlicher Erlaubnis des Verlags




Der Autor Dr. Wilfried Reuter praktiziert seit über 30 Jahren regelmäßig Meditation. Dr. Wilfried Reuter ist der spirituelle Leiter von Lotos-Vihara. Sein spirituelles Wissen fließt auch in seine Arbeit als Frauenarzt in Berlin-Kreuzberg ein. Zugleich bereichern seine beruflichen Erfahrungen die Tätigkeit als buddhistischer Lehrer.

Buchtipp: Wilfried Reuter, Weck den Buddha in Dir, Wege zu innerer Stärke, 204 S., mit CD (geführte Meditationen), ISBN 978-3-942085-08-3, edition steinrich


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