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Ausgabe Dezember 2011
Heilige Familie - Zusammenleben in Achtsamkeit von Wolf Schneider

Wir, die wir die Menschwerdung suchen, das Ganzwerden, die Vervollkommnung, sind auf einer Reise – nennen wir sie, mit dem Mythenforcher Joseph Campbell, die Heldenreise. Auf dieser Reise lösen wir uns aus den Schößen, denen wir entstammen: Der erste ist

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Du musst hinaus!
»Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein«, soll Jesus gesagt haben (gemäß Lucas 14/26 in der offiziellen, kanonisierten Bibel). Oha, und das aus dem Munde des Gottessohns! Auf ihn beziehen sich auch die Prediger der family values in den USA und anderswo. Siehe da, auch die von den Herrschern sanktionierte Bibel enthält Weisheiten: Hier ist es die, dass ein Mensch seine Herkunftsfamilie verlassen muss, um sich auf den spirituellen Weg zu begeben. Ohne das geht es nicht. Du kannst zurückkehren, wenn du durch bist und auf diesem Weg dich selbst gefunden hast – aber nicht eher, sonst ist deine Liebe vor allem Anhänglichkeit und noch ohne Tiefe.

Die Single-Gesellschaft
Soweit der archetypische Weg. Aber auch unsere Umgebung, vor allem die wirtschaftliche, hat einen Einfluss auf diesen Weg. Sie wirkt auf Vereinzelung hin, sie produziert Singles, indem die von der Werbung angepriesenen Waren und der dort verherrlichte Lebensstil fast nur für Singles realisieren lässt. Währenddessen werden arbeitslose Jugendliche und gering verdienende Berufsanfänger noch im Hotel Mama festgehalten, eine eigene Wohnung können sie sich nicht leisten, so wird die Familengründung aufgeschoben oder man verzichtet darauf. Das ist gut für die übervölkerte Erde, aber erstmal schlecht für die Renten, die nun von immer weniger Jungen bezahlt werden müssen. Vorläufig ist es gut für eine auf Wachstum versessene Wirtschaft, denn Singles verbrauchen mehr, langfristig aber schädigt es die Umwelt und führt wie das exponentiell wachsende System zum Crash. Wollen wir das? Wir werden nicht gefragt. Die Märkte arbeiten auf ihre Weise, sie bestimmen über uns und wirken in diesem Falle auf die Vereinzelung hin und gegen die Familie.

Gespaltene Männer
Zurück zum Christentum und der dort verehrten »Heilige Familie«. Diese ist eine seltsam doppelbödige Angelegenheit: Maria ist zwar Jesu wirkliche Mutter, aber Joseph nur sein Ziehvater, der wirkliche Vater ist Gott. Was ist das für ein seltsames Vorbild für Männer? Wir sind die Versorger unserer Kinder, den sexuellen Teil aber – Jesus zu zeugen – hat ja im Falle des sakralen Vorbildes Gott übernommen in Form des Heiligen Geistes. Da bleibt uns als brave Väter nur die »Josephsehe«. Beides zu sein, Gott und Mensch, Erzeuger und Versorger, wäre für uns Männer gemäß dem christlichen Ideal der Heiligen Familie, wie die Weihnachtskrippenbilder sie zeigen, eine Anmaßung, und zwar eine schlimme: Es wäre Blasphemie, die Anmaßung Gott zu sein. Während Frauen, die ein Kind bekommen, ganz Mutter sein dürfen, ohne sich in einen weltlichen und einen spirituellen Teil spalten zu müssen.

Das kreative Dreieck
Nach diesem Ausflug in die Theologie jetzt wieder profan: Wir alle haben zwei Eltern, dort kommen wir her. Mutter, Vater, Kind, so pflanzt sich die Menschheit fort, nicht anders als die Tierwelt. Aus diesem Dreieck entsteht die Gesellschaft, denn unsere Eltern geben uns nicht nur ihre Gene mit, sie vermitteln uns auch Sprache und Kultur, das ganze Wissen über das Benehmen im sozialen System. Ein Großteil unserer Konflikte und damit auch unser psychisches Wachstumspotenzial haben wir diesem Spannungsfeld zu verdanken. Als reisende Helden stellt sich uns so die Frage: Fügen wir uns diesem System, oder werden wir wir selbst?

Auszug und Heimkehr
In diesem Punkt jedenfalls hat Jesus (auch der entschärfte Jesus der offiziellen Bibel) recht: Wir müssen unsere Eltern verlassen. Aber dann, nach diesem Auszug in die Einsamkeit der Selbstwerdung dürfen wir, ja müssen wir, zurückkehren auf den Markt und in die Gesellschaft. Aus ökologischen, wirtschaftlichen und seelischen Gründen. Auch der spirituelle Weg, der immer zunächst ein Hinausgehen in die Heimatlosigkeit ist, führt schließlich zurück in die Schöße von Sanghas, Ashrams, spirituellen oder spirituell-profanen Gemeinschaften und anderen Wahlverwandtschaften – und preist für die Laien, oft auch für uns alle – die Rückkehr in die gute alte heilige (wenn auch leider nicht immer heile) Familie.

Buddhas Weg
Musste Buddha seine Familie verlassen, als ihm ein Sohn geboren wurde? Hätte er nicht daheim bleiben können und dort nach der Wahrheit suchen können, nach dem, was über Alter, Krankheit und Tod hinausgeht? Legenden erzählen von seiner Rückkehr und dem Eingeständnis, dass diese Flucht nicht nötig gewesen wäre. Aber das wusste er damals noch nicht, als er nachts auf sein Pferd stieg und heimlich die Familie verließ. Ob das nun weise war oder neurotisch – ohne diesen Ausreißer hätte es vielleicht keinen Buddhismus gegeben und Asien wäre über die Jahrtausende ein weitaus weniger friedlicher Kontinent gewesen. Trotzdem ist diese Einsicht wertvoll: Wir gehen hinaus, aber eigentlich müssten wir nicht, denn es geht ja um eine innere Befreiung. Und jedenfalls das: Wir sollten unser Bedürfnis nach einem Auszug in die Heimatlosigkeit nicht auf dem Rücken unserer Kinder austragen, sie brauchen uns.

Der Autor Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«.
Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com




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