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Ausgabe Dezember 2011
Mein Platz im Leben; Aus der Praxis des Familienstellens; von Matthias Linker

In jeder Familie stoßen wir auf unausgesprochene Themen und Geheimnisse. Manche von ihnen dienen dem Erhalt und dem Schutz einzelner Mitglieder oder aber auch der ganzen Familie. Werden jedoch wichtige Ereignisse wie die Zeugung eines Kindes, eine Vatersc

Ich konnte gar nicht schnell genug reagieren, hatte die Klientin schon eine Stellvertreterin für sich selbst ausgewählt, die sich unwohl in der Mitte des Raumes hin und her bewegte, und nirgends so richtig zur Ruhe kam. Ohne ein Wort zu sagen, stand ich auf, und forderte nacheinander Leute aus der Runde auf, sich vor die Klientin auf den Boden zu setzen. Je mehr es wurden, umso weniger Luft bekam die Stellvertreterin unserer Klientin und ich stellte ihr zur Unterstützung die Mutter dazu. Als 13 Leute vor ihr im Halbkreis auf dem Boden saßen, konnte sie sich kaum noch halten. Verzweifelt, traurig und in sich zusammen gezogen schaute sie auf die Stellvertreter vor sich…
„Ich sah diese riesige Zahl von 13 Kindern auf einem Haufen, die alle vor mir ein Anrecht auf dieses Leben gehabt hätten und diese Chance nicht bekommen haben. Ich sah mich, wie dieses gefühlte Unrecht von mir nicht getragen werden wollte. Ich konnte diesen „Lebens-Platz“ nicht einnehmen, weil er mir einfach nicht zustand. Ich fühlte unendliche Traurigkeit und Ungerechtigkeit. Es war kein Wunder, dass ich mich in meinem Leben permanent selbst blockierte, irgendwo wirklich glücklich sein zu dürfen. Und das alles unbewusst und trotzdem da.

Gleichzeitig durfte ich erfahren, dass aber alle diese Seelen heil sind und mir diesen Platz im Leben wirklich gönnen und sie sich nur wünschen, meinen Platz zu schätzen, etwas aus meinem Leben zu machen, mich daran zu freuen und es zu lieben, ihnen zu Ehren. Denn wofür sonst dieser „Verzicht“?
Meine Mutter ist eine sehr liebevolle Frau, die ein recht anstrengendes Leben hatte … schlechte Zeiten, einen sehr dominanten und gewalttätigen Mann an Ihrer Seite und noch eine Menge mehr. In Ihren Nöten entschied sie, nach 4 ausgetragenen Kindern, ca. 13 Schwangerschaften abzubrechen, weil sie es für sich und die Kinder zum Besten hielt. Als sie dann meinen Vater kennen lernte, schenkte sie großartiger weise mir das Leben.
Ich habe das immer verstanden und respektiert und hatte damit bewusst nie ein Problem, zumal ich diese Entscheidung - gut durchdacht und für richtig befunden - selbst schon zweimal in meinem Leben getroffen hatte.

Im Verlauf der Aufstellung fügte sich alles wie in einem Puzzle in ein positives, unheimlich stärkendes, liebevolles, konstruktives und lebensbejahendes Bild. Ich durfte mich mit mir, meiner Mutter und meinen ungeborenen Kindern versöhnen. Ich konnte meine Geschwister in mein Herz nehmen und ich fühlte plötzlich so viel unbekannten Lebensmut, Kraft, Geborgenheit und Liebe. Es ist viel passiert. Ich verfüge plötzlich über ungeahnte Kräfte und eine mir völlig neue Motivation zum erfüllenden Gestalten meines Lebens. Ich sehe plötzlich Dinge, die ich vorher einfach so hingenommen habe, ohne meine gewohnte „Sinnlosigkeits-Brille“ und ich kam in einen regelrechten Veränderungsstrudel, der immer noch anhält. Bei allem, was ich unternehme, fühle ich diese unglaublich wohlwollende und unterstützende Präsenz meiner GANZEN Familie.
In meinem Leben passiert gerade so viel - kleines und großes, für mich wundervolles. Und ich weiß, diese Auswirkungen sind keine Eintagsfliegen, sie machen in meinem Leben einen dauerhaften Unterschied.

Ich wusste, dass ich so vielerlei für mich unverständliche Blockaden mit mir herum schleppte. Mich oft selbst blockierte, immer wieder daran scheiterte, weil ich mich zu schwach, nicht gut genug oder würdig genug fühlte. Dazu kam, dass ich mich auch nirgendwo so richtig zu Hause bzw. angekommen fühlte. Oft in meinem Leben war ich kurz davor einfach aufzugeben. Doch dass das im Zusammenhang mit der Geschichte meiner Mutter stehen könnte, wäre mir niemals in den Sinn gekommen.“

Unaufgelöste Familiengeheimnisse kommen , auch wenn sie noch so stark gehütet werden, in irgendeiner Weise ans Licht; durch das Verhalten oder eine Symptomatik unserer Kinder, in dieser Generation oder auch erst in der nächsten. Oft werden diese Hinweise nicht wahrgenommen oder falsch verstanden. Die Aufklärung solcher Zusammenhänge und die Lösung einer Verstrickung sind meist nur durch außenstehende Hilfe möglich, z.B. durch Aufstellungsarbeit.

Der Autor Matthias Linker ist Familienaufsteller in Berlin, weitere Informationen zur Arbeit auf www.aufstellungen-in-berlin.de


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