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Ausgabe Dezember 2011
Heilige heilende Familie; Andreas Krüger

Für Andreas Krüger ist die Familie nicht nur heilig, sondern sie hat auch eine heilende Funktion

Familie als Solidargemeinschaft
ch persönlich bin in einer Familie aufgewachsen, die bestand – zusammenlebend in einem Haus – aus meinen Eltern, aus der Mutter meines Vaters, aus der Schwester der Mutter meines Vaters, aus dessen Mann und aus dem Bruder meines Vaters mit seiner Frau und seinem Sohn – also aus den Eltern meines Vaters und deren Geschwister. Bei einem normalen Familienfest, das ca. einmal in der Woche stattfand, kamen so ungefähr 50 bis 80 Familienmitglieder zusammen. Das war eine Familie im wahrsten Sinne des Wortes. Die brauchten keine Supervision und die brauchten auch keine Bioenergetik. Die haben gemeinsam rituell getrunken bis zum Abwinken, die haben sich teilweise auch geprügelt, die haben sich geküsst und unzüchtige Witze erzählt, die haben sich aber auch zur Seite genommen, wenn es in irgendeiner Ehe nicht geklappt hat und sich die Köpfe gewaschen. Die haben sich bedingungslos unterstützt und gegenseitig die Wohnungen renoviert – natürlich begleitet von rauschenden Festen. Die waren einfach eine starke Solidargemeinschaft und genau das ist für mich Familie. Und auch wenn sie nicht vordergründig polyamorisch unterwegs waren, hintergründig sicherlich ordentlich. Jede zweite meiner Tanten und fast jeder Onkel inklusive meiner Großväter waren – wie es oft erst nach ihrem Tode herauskam – trotzdem praktizierende Polyamoriker. Aber in erster Linie waren sie eine Macht. Sie waren das, was wir heute in den Aufstellungen erleben, wenn ich die Ahnen hinter einen Klienten stelle und der mit einem Mal merkt, was für eine Kraft in ihn hineinfließt.

Die Single-Realität
Ich habe neulich gelesen, dass zwischen 30 und 40 Prozent der Deutschen als Single leben. Diese Lebensform ist für unsere Spezies völlig unangebracht. Wenn wir tatsächlich zu 99 Prozent Bonobo-Gene haben, dann ist das Alleinleben das Abartigste, was es für uns gibt. Der Mensch ist kein Single. Ich glaube, dass ein Großteil der Krankheiten, mit denen ich in meiner Praxis konfrontiert werde, daher kommen, dass die Art und Weise, wie der Mensch lebt und liebt, nicht mehr artspezifisch ist. Abgesehen davon, dass wir uns nicht mehr artspezifisch ernähren, bewegen usw., sind unsere Lebenszusammenhänge nicht mehr artspezifisch. Man sagt immer, dass die Bonobos so freundlich sind, weil sie so viel Sex haben – ich glaube, das stimmt gar nicht. Die Bonobos sind so friedlich, weil sie in einem zärtlichen, behüteten und sozialen Umfeld leben und nicht, weil sie von Hause aus friedlich sind. Man weiß z.B., dass wenn man drei oder vier in einen Käfig sperrt, sie genauso aggressiv werden wie Schimpansen. Bonobos sind friedlich, weil sie in einer Solidargemeinschaft leben und dazu gehört eben Kommunikation und körperlicher Austausch – und das hat nichts mit ständigem Sex zu tun.

Erotikfreie Zonen
All das, was für mich Familie ausmacht, findet in unserem modernen Leben nicht mehr statt. Vor einiger Zeit hat ein sexualwissenschaftliches Institut Zahlen veröffentlicht, dass in 85 Prozent der Ehen, die länger als 25 Jahre andauern, die Paare keinen Körperkontakt mehr haben. Manche fahren regelmäßig zur Kur, um da ihre Erotik schattenorientiert zu leben. Als Ehepaar organisieren sie Ausflüge und Enkelkinder, aber untereinander haben sie kaum etwas miteinander zu tun. Sie fassen sich nicht mehr an und sie reden auch nicht mehr miteinander. Die gleiche Studie hat untersucht, warum diese Paare noch zusammen sind und der Hauptfaktor war: Angst. Angst alleine zu sein und bei Frauen immer noch die Angst, ökonomisch nicht bestehen zu können. Diese Angst, nicht alleine leben zu können, ist durchaus verständlich. Unsere Spezies kann nicht alleine leben. Unser limbisches System ist so programmiert, dass wir sterben, wenn wir alleine leben müssen. Und deswegen ist eine einsame Beziehung besser als gar keine.

Heilige Familie – wo ist sie
Es gibt noch ein paar „Inseln der Liebenden“, wie Elke Heidenreich es in einem ihrer Bücher geschrieben hat. Ich glaube, die Samuel-Hahnemann-Schule ist so etwas. Sie ist auf jeden Fall meine Familie. Ich bin nicht nur Doppel-Krebs – also Sonne und Aszendent im Krebs – sondern habe noch diverse andere Planeten im Krebs und Krebs ist das Zeichen für Familie. Ich musste also so eine Schule gründen, um meinem Bedürfnis nach Familiestrukturen zu entsprechen. Manche Menschen glauben sogar, ich hätte die Leibarbeit nur als therapeutisches Ausbildungsfach der Samuel-Hahnemann-Schule integriert, um einmal in der Woche zärtlichst und achtsamst berührt zu werden – und das stimmt. Als multipler Krebs bin ich zwar ein schüchterner und schamhafter Mensch, liebe aber Berührungen. So ist für mich der Rahmen der Leibarbeit, wo wir uns in klar definierten Räumen einfach physisch begegnen, wie ein familiärer Austausch.

Wahlverwandte
Wenn man über Familie spricht, gibt es nicht nur die Blutverwandten und die Ahnen. Für mich ist Familie mehr und da bin ich Goetheaner. Goethe hat das Buch über die Wahlverwandtschaften geschrieben und Rudolf Steiner hat sich darauf bezogen und gesagt: Familie wird in Zukunft in einer höheren Oktave gelebt. Wir werden nicht nur Familien des Blutes sein, sondern wir werden Familien der Wahl sein. Wir werden Familien sein, die aus Jahrtausenden herüberwandern in diese Zeit. Ich glaube, wenn man den Gedanken der Wiederverkörperung einfach mal denken darf, dass ich wahrscheinlich mit ganz vielen Menschen in der Samuel-Hahnemann-Schule familiär viel enger verbandelt bin als mit irgendwelchen blutsverwandten Cousins. Das können aus früheren Leben auch durchaus blutsverwandte Beziehungen sein – mit wie vielen Menschen an der SHS war ich vielleicht schon mal verheiratet und hatte fünf Kinder! Das erlebt man dann auch in der Intensität der Beziehung, die hier stattfindet. Für mich ist Familie heute das Sich-wieder-finden von Seelenfamilien, das Sich-begegnen in Strukturen jenseits bürgerlicher Zwangsmoral. Das hat nichts mit wilden Orgien zu tun, sondern mit Familien der Zärtlichkeit und der Kommunikation, der Solidarität und der gemeinsamen spirituellen Suche. Viktor Frankl schreibt über die Liebe – und eine Familie sollte ja immer eine Gemeinschaft der Liebenden sein – dass der eine Liebende den anderen Liebenden zum Wächter seiner Einsamkeit macht. Und das sollten Familien sein: Sie sollten Wächter unserer Einsamkeit sein.


Der Autor Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst
www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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