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Ausgabe November 2011
Die Dinge Wolf Schneider

Vorbereitung auf den großen Abschied

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Neulich habe ich, zusammen mit meinen Schwestern, die Wohnung meiner Eltern ausräumen müssen. Sie sind beide sehr alt geworden und kurz nacheinander gestorben. Wir nahmen die Dinge in die Hand, die sie in ihrem Leben um sich hatten. Zum Teil kannten wir diese Dinge schon von Kindheit an: Küchengeschirr, Blumenvasen, Bilder, Kunstgegenstände, Bücher, Schallplatten und CDs, Möbel, die das Leben unserer Eltern begleitet hatten. Sie hatten ihr Testament sehr sorgfältig gemacht und schon vor dem großen Abschied viele Dinge entsorgt. Sie hingen an diesen Gegenständen, aber sie wussten auch, dass sie gehen mussten und alles zurücklassen – das letzte Hemd hat keine Taschen. Nun waren wir dran: nach dem Abschied von den Eltern der Abschied von den Dingen, mit denen sie gelebt hatten.
Wenige Tage nach dem letzten Blick in die Wohnung meiner Eltern wache ich mit meinem ein Jahr alten Sohn auf. Während ich noch im Halbschlaf bin, ist er putzmunter, sitzt kerzengerade im Bett, schaut sich um und zeigt auf die Dinge: da! Mit jedem Zeigen ein Juchzer. So viele Dinge gibt es zu entdecken. Ich schaue ihn an, dieses fröhliche Kind, bin so vernarrt in ihn und so begeistert von dem Elan, mit dem er dem Leben begegnet. Er schaut mich kaum an – mein Gesicht kennt er doch schon, aber die Dinge, von denen kennt er so viele noch nicht.
Kinder geben ihre Energie hinaus in die Welt. Sie wenden sie Personen und Dingen zu, unendlich vielen Dingen. Das ist das Abenteuer des Lebens: Dinge entdecken, Orte, Personen und Zusammenhänge. Auf sich selbst richtet sich das Kind noch nicht. Erst wenn viele Dinge da draußen vorübergezogen sind und viele Erwartungen in Bezug auf die Dinge und Menschen sich nicht erfüllt haben, geht die Energie zurück zu sich, zur Quelle der Weltbetrachtung. Und hinter der Quelle der vielen Arten die Welt zu betrachten vielleicht sogar zu der großen Quelle, die die Art der Betrachtungen betrachtet. Das ist der Ort, wo man ruht. Sogar dann, wenn der große Abschied kommt.


Von Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com


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