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Ausgabe November 2011
Musik zum Sterben Dieter Wienand

Wenn Musik einen direkten Zugang zur Seele hat, wenn der Hör-Sinn der erste ist, der mir im Mutterleib geschenkt wird und der letzte ist, der mich verlässt - auch lange nachdem ich den letzten Odem ausgehaucht habe? Wenn mir einzelne Musikstücke, seien es



Seit etlicher Zeit nun sammele ich - inspiriert von Joachim Ernst Berendt - mit meinem Aufnahmegerät Musik, Klänge, Gespräche, Geräusche und Sounds mit einem besonderem Ziel: für meine ganz persönliche „Musik zu meinem Sterben“.
Wie möchte ich meinen letzten Übergang gestalten, wenn mir denn die Gelegenheit dazu bleibt? Möchte ich Menschen um mich haben, die singen und tönen, oder möchte ich nur Stille und Sein für mich? Von wem möchte ich mich verabschieden, möchte ich versuchen, zu vergeben und Vergebung geschenkt zu bekommen? Werde ich mich grämen, kann ich loslassen, werde ich mich reuen, kann ich mich aussöhnen? Natürlich werde ich das alles erst in genau diesem Moment wissen, aber die gedankliche und existenzielle Vorbereitung auf meinen Sterbeprozess hin führt mich unmittelbar in die wertvolle Begrenztheit meiner Gegenwart, in eine heilsame Präsenz und in eine sehr aufmerksame Achtsamkeit mir und dem Leben gegenüber.

Natürlich kann ich der Einstellung sein: Es wird sich dann schon alles ergeben, was soll ich mich heute darum sorgen? „Bislang sind noch alle gestorben!“- heißt es dann. Ich frage zurück: „Und wie?“ Oder: „Was soll ich mein Leben jetzt mit Gedanken an so etwas Schweres wie den Tod belasten? Lasst uns nicht den Tod herbeireden!“ Geburt wie Tod werden heutzutage vielerorts und immer mehr ins Abseits der Krankenhäuser verlagert, über das Sterben zu sprechen ziemt sich nicht, Hilflosigkeit und Ohnmacht bei Angehörigen sind die Folge.
Wenn es an der Zeit ist zu sterben, haben viele, auch Todkranke und zum Tode Verurteilte, das Gefühl, überhaupt nicht auf den Tod vorbereitet zu sein. Viele quält ein Gefühl des Versagens, die „wahre Arbeit“ auf ein „Später“ aufgeschoben zu haben.Und dann finde ich mich in einer Situation wieder, Herzenswünsche liegengelassen, den eigenen Weg wohl geahnt zu haben, aber ihm nicht gefolgt zu sein. Oft findet sich auch ein Bedauern, das spirituelle Wachstum vernachlässigt zu haben und eine Bestürzung darüber, wie wenig echte Freude ins Leben hineingelassen wurde. Dabei kann die Vorbereitung auf den Tod einer der tiefsten Heilungsakte sein, die im Leben möglich sind.

Ich referiere in diesen Gedanken das für mich bahnbrechende Buch des amerikanischen buddhistischen Lehrers Stephen Levine: „Noch ein Jahr zu leben.“ Er geht persönlich das Experiment ein, zu Silvester eines beliebigen Jahres wirklich ernst zu machen und sich zu sagen: „Ab heute habe ich nur noch ein Jahr“, und dabei achtsam und bewusst wahrzunehmen, was mit ihm geschieht. Natürlich ist die Versuchsanordnung eine gestellte, natürlich bin ich in einer anderen Lage als jede/r, der/dem von ärztlicher Seite eine ultimative Diagnose gestellt wird, aber, wenn ich zu mir wirklich ehrlich bin: wie lebe ich denn die Alternative? Ich weiß gewiss, dass ich sterben werde, ich weiß zwar nicht, wann, aber lebe ich heute so, dass morgen mein letzter Tag sein kann?
Wenn ich nicht jetzt anfange, von mir aus heftig an den eingefahrenen Grundfesten meiner schein-sicheren Gewohnheiten zu rütteln, werde ich womöglich bedauernd spät erst feststellen, mein Leben nur halb gelebt zu haben.

In vielen spirituellen Traditionen gilt es als weise, sich sein Leben lang auf den Tod vorzubereiten.Bei Todkranken ist oftmals ein wundersames Wachsen zu beobachten. Warum kann ich mit dieser Chance zur Heilung nicht jetzt beginnen? Was hindert mich? Habe ich nicht nur Angst vor dem Tod, sondern habe ich auch Angst vor dem Leben? Ich persönlich lebe mein Leben für gewöhnlich ziemlich oberflächlich, folge meinen körperlichen Empfindungen, hechele meinen einer wilden umherspringenden Affenhorde gleichenden Gedanken hinterher und lasse mich immer und immer wieder von so vielen Äußerlichkeiten verführen.
Eine andere wichtige Facette der Auseinandersetzung mit meinem Sterben ist: Was hoffe ich persönlich? Was fühle ich, was denke ich: Was wird nach dem Tod sein? Woran glaube ich, wie die Christen fragen? Findet das „eigentliche Leben“ erst dort statt, erwartet mich das Paradies? Was bedeutet die Vorstellung vom Danach für mein Dasein jetzt? Woher kommt mir Hilfe, wie der Psalmist fragt? Welche Hilfestellungen bieten mir die etablierten religiösen Institutionen, ist die christliche Endzeitvorstellung mir wirklich nahe? Oder hoffe ich auf eine/n nette/n einfühlsame/n PfarrerIn, eine/n herzenswarme/n Begleiter/in, der/die sie mir verständlich vermittelt? Auch diese Hoffnung kann jedoch nur so weit tragen, wie ich in mir und für mich selbst schon in den Prozess der Vorbereitung und Wandlung eingetaucht bin, bevor ich mich auf der Intensivstation wiederfinde.

Wir, eine Gruppe von 6 sehr unterschiedlichen Menschen aus dem Rheinland, haben uns auf meine Initiative hin von April 2010 bis Ostermontag 2011 auf das Experiment „ Noch ein Jahr zu leben“ eingelassen, um uns auf das Hinübergehen und Loslassen vorzubereiten: um die je eigene Musik auszuwählen, um uns in Mediationen und Gesprächen, in Tränen und Trost, in Gedanken und Gesängen auf ein end-liches Leben vorzubereiten. Das hat uns geprägt und sehr verbunden. Meine Erfahrungen aus dieser Zeit und mit diesem Thema möchte ich nun gerne teilen, nicht in einem weiteren Jahr, das fühlt sich an wie eine schale Verlängerung. Vielmehr in konzentrierten Übungen, in Stille, Klang und Sammlung, im Mut zur Einsamkeit und im Gehaltensein der Gemeinschaft.


Der Autor Dieter Wienand, Jahrgang 1959 ist Anstifter zum Singen, Musiker und Obertonsänger, spiritueller Wegbegleiter auf Klang-und Pilgerreisen. Einst studierter evangelischer Theologe, teilt er heute eine weit umfassendere Sicht im Sinne von „Religion trennt, Spiritualität verbindet“. 20-jährige musikpädagogische Erfahrung, Entdecker außergewöhnlicher Klangräume, Bariton im Düsseldorfer Obertonchor.


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