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Ausgabe November 2011
End-lich leben! von Lisa Freund

Das Leben stellt uns immer wieder vor Herausforderungen, sei es durch Abschied, Trennung oder Verlust. Aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Begleitung von Menschen in Grenz-situationen bringt Lisa Freund die tröstliche Überzeugung mit, dass jeder eine

Die Ex- und Hopp-Gesellschaft
Abschiede werden in unserer Gesellschaft im Allgemeinen eher als lästig empfunden, da sie mit Traurigkeit, mit Ängsten, belastenden Gefühlen, schwermütigen Gedanken und Sorgen, also Unangenehmem, verbunden sind. In unserer Konsumgesellschaft werfen wir viele Dinge einfach weg, wenn wir sie nicht mehr brauchen.
Diese Ex- und Hopp-Mentalität übertragen wir auch auf Beziehungen bzw. bewegende Abschiedserfahrungen. Wir bevorzugen die Ablenkung, fliehen bei belastenden Gefühlen ins Kino, den Club, flüchten uns in immer neue Aktivitäten, suchen nach einer Trennung von einem Lebenspartner schnell nach einem neuen, ohne die alte Beziehung aufzuarbeiten. Wir nehmen uns kaum noch Zeit, innezuhalten, unseren Erlebnissen und Lernprozessen Raum zu geben. Den Trennungsschmerz betäuben wir durch die Droge des Vergnügens und des immer Neuen. Das Neue ist spannender. So taumeln wir von einer Beziehung zur nächsten auf der Suche nach Erfüllung in der Liebe, oder von einen Job zum anderen in der Hoffnung auf eine sinnvolle Tätigkeit oder ein höheres Gehalt. Wir vermeiden unangenehme Gefühle, werden ebenso schnell ungeduldig und sind immer auf der Suche nach einem neuen Kick. ...

Abschied nehmen
Wenn wir Abschied nehmen, entlassen wir das, was uns gedient hat, in den Fluss des Lebens. Ein gelungener Abschied basiert auf der Wertschätzung und Würdigung dessen, was wir gehen lassen, auch wenn es schmerzhaft ist. Er mündet auf einer tieferen Ebene in die Einsicht, dass das, was wir loslassen, in ein Feld eingeht, in dem alles mit allem verbunden ist. Genau das aber fällt uns oft schwer... Wir sind beim Abschiednehmen mit unseren Widerständen, unserer Anhaftung an das Alte und die Abneigung gegen den Wandel, unserem inneren Schmerz wie unserem Begehren, der Verzweiflung, Ängsten, dem Festhalten an Gewohntem, vermeintlichen Sicherheiten, unseren Konzepten und Erwartungshaltungen konfrontiert. Beim Abschiednehmen können wir sowohl unsere Anhaftung an Vergangenes als auch unsere Abneigung auflösen. Darum ist es befreiend, sich bewusst zu verabschieden. Wir spüren unsere Traurigkeit, vielleicht auch Wut oder Verzweiflung, Neid, Stolz, Wehmut, den Aufruhr der Gefühle, erleben unsere Bedürftigkeit, unsere Verletzlichkeit, das Aufbegehren und Widerstände und überwinden sie. So entlassen wir die zurückgebliebenen Spuren des Alten, die unsere weitere Entwicklung behindern. Am Ende des Prozesses steht eine Katharsis, die innere Reingung, das Abwerfen von Ballast. ... Abschiede können kreativ sein, und belebend. Wir können sie gestalten und dabei unsere inneren Tiefen erleben, Freude am Wachstum haben und der inneren Weisheit begegnen. ...
Beim Abschiednehmen empfinden wir manchmal Hilflosigkeit, sind unsicher und befürchten, uns in der Öffentlichkeit zu blamieren, wenn wir schluchzend am Bahnhof stehen. Wir mögen unsere Gefühle nicht zeigen und wollen uns lieber zusammennehmen, stark sein. Solche Erwartungen und Ängste bestimmen unser Verhalten unter Umständen so sehr, dass wir uns entscheiden, solche öffentlichen Situationen zu vermeiden. Daraus entwickeln wir dann gewohnheitsmäßige Reaktionen, und kaum steht ein Abschied bevor, reproduzieren unsere Befürchtungen dieses Muster, was meist unbewusst geschieht. Solche Gewohnheiten können wir ändern, indem wir andere Wege des Abschiednehmens ausprobieren und unser Repertoire an Möglichkeiten beim Abschiednehmen erweitern.

Auf der Schwelle
Wenn wir Abschiede wirklich aus dem Herzen leben, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Wert dessen, was sich aus unserem Leben entfernt. ... So schärfen wir unseren Blick für das Wesentliche und leben mehr die Tiefendimension des Seins, hören auf, Sklaven einer Verdrängungskultur zu sein. Kein Mensch kann vor der Vergänglichkeit davonlaufen. Sie ist ein Prinzip, welches das ganze Leben, das Universum durchwirkt. ...
Mit Abschieden umzugehen, ist eine Lebenskunst. ... Den Zauber eines Neuanfangs erleben wir mit ganzem Herzen, wenn wir Unerledigtes abgeschlossen, das heißt, wirklich Abschied genommen, also losgelassen haben. Das Alte ist noch nicht abgeschlossen, das Neue erst im Keim vorhanden. Indem wir das Alte entlassen und aus den Erfahrungen lernen, kann der Samen des Neuen aufgehen und wachsen. ...
Im Abschied von einem Menschen, der stirbt, drücken wir unsere Liebe aus, sagen noch ein letztes Mal,was wir schätzen und als beglückend erlebt haben, bedanken uns bei ihm. Wenn wir den letzten Weg mit ihm gehen und nicht davonlaufen, lassen wir jeden Tag ein bisschen mehr los, haben tiefe und bei allem Leid auch meist beglückende Begegnungen. Während der Begleitung eines Sterbenden dürfen wir in den Spiegel unserer eigenen Sterblichkeit blicken und erfahren so unmittelbar, wie unendlich kostbar das Leben ist. Eine liebevolle Pflege, gute Versorgung und einfühlsame Begleitung der geistigen und emotionalen Prozesse des sterbenden Menschen werden uns so zu einer Herzensangelegenheit. Wir lernen voneinander und sehen, wo wir uns unterscheiden. Die Sterbende geht uns voraus. ...

Wenn ein Mensch gestorben ist
Wenn die Person gestorben ist, die wir lieben, dann können wir mit kleinen Ritualen am Totenbett den Abschied gestalten, und zwar so, wie es für den Verstorbenen und die Angehörigen stimmig ist. Zum Beispiel können wir uns um das Bett herum versammeln, eine Kerze anzünden und in der Hand halten, gegenüber dem verstorbenen Menschen unsere Dankbarkeit und Liebe aussprechen und ihm gute Wünsche mit auf die Reise geben. Danach verweilen wir in Stille und stellen uns vor, wie er von einem großen, hellen Licht, das über ihm leuchtet, umfangen wird und sein Energiekörper sich in dieses Licht auflöst, sowie Licht sich mit Licht vereint. ... Wir können das kleine Ritual würdevoll beenden; danach sitzen wir vielleicht noch gemeinsam am Totenbett oder trinken eine Tasse Tee zusammen.
Für manche Abschiede haben wir in unserer Gesellschaft Rituale entwickelt, die bekannte Abläufe enthalten und so Sicherheit geben wie bei Trauerfeiern oder bei Verabschiedungen aus dem Berufsleben. In beiden Fällen folgt auf einen Festakt mit feierlichen Reden und der Würdigung des Verdienstes der Person, von der wir Abschied nehmen, ein geselliges Beisammensein. Wir können diese Rituale mit Inhalten füllen, die uns entsprechen und sie so an unsere Bedürfnisse anpassen und im Schutz der Gemeinschaft von lieben Menschen unsere Verbundenheit spüren. ... Das hilft beim Loslassen.

Die Schwellenübung
Sie benötigen dafür nicht viel Zeit, sollten aber ungestört sein. Ich empfehle Ihnen vor der Schwellenübung, Ihren Geist zur Ruhe zu bringen mit Hilfe einer stillen Meditation.
Diese Übung hilft, wenn Sie sich in einer Übergangssituation befinden, in der das Alte noch nicht abgeschlossen und das Neue noch nicht klar erkennbar ist. Deshalb eignet sie sich besonders gut für Abschiedssituationen.

Nehmen Sie sich eine Decke, falten Sie diese zusammen, sodass eine Schwelle entsteht. Sie können auch ein Blatt Papier als Schwelle nehmen oder eine echte Türschwelle nutzen. Sie benötigen vor und hinter der Schwelle einige Schritte Platz.
Setzen Sie sich dann für einen Moment hin und lassen Sie die Lebenssituation Revue passieren, die ungeklärt ist. Wenn Sie gut in Verbindung mit dieser Situation sind, dann treten Sie auf die Schwelle und spüren Sie, wie es sich anfühlt, zwischen dem Alten und dem Neuen zu stehen. Dann experimentieren Sie. Gehen Sie mit einem Fuß vorsichtig nach vorne, dann nach hinten, vielleicht sogar ganz in das Alte oder einige Schritte ins Neue. Spüren Sie wie sich die Schritte anfühlen und was Sie aus den Erfahrungen lernen können. Erkunden Sie Ihr Thema, damit verbundene Ängste, Gedanken und Gefühle.


Die Übung unterstützt Sie bei der Klärung Ihres Abschieds. Fertigen Sie Notizen am Ende der Übung an oder gestalten Sie einen schöpferischen Prozess, in dem Sie malen, singen, sich bewegen und so Ihre Erkenntnisse ausdrücken. Sie können jetzt überlegen, wie Sie Ihrem Abschied gestalten wollen und dann in die Planung gehen.

Lisa Freund ist sozial engagierte Buddhistin, seit mehr als 20 Jahren aktiv in der Hospizbewegung, Seminarleiterin, Supervisorin und Lehrerin in der Erwachsenenbildung. Ihr erstes Buch mit Meditations-CD „Das Unverwundbare“ ist im Frühjahr 2011 im O.W.Barth erschienen. Mehr Infos unter: www.lisafreund.de

Buchtipp: Lisa Freund, Das Unverwundbare. Wege der Heilung in Lebenskrisen. 320 S., Klappenbroschur mit CD, € 19,99, O.W. Barth


Auszug aus: , „Das Unverwundbare“ - mit freundlicher Genehmigung des O.W.Barth Verlags.


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