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Ausgabe Oktober 2011
Jochen Meyer: Kräfte, die uns heilen. Die Inneren Heiler und unsere Fähigkeit zu wachsen.

Was befähigt uns Menschen, seelisch zu wachsen? Was ermöglicht uns, Konflikte auf gute Weise zu lösen? Auf welches Vermögen greifen wir zurück, wenn wir Lebenskrisen meistern und dabei sogar noch stärker werden?

Offenbar haben wir Kräfte in uns, die uns zu guten Handlungen befähigen und Wege aus schwierigen Situationen zeigen. Kräfte, die uns zu tieferen Einsichten über das Leben führen und uns wieder in Einklang mit der Wirklichkeit bringen. Zweifellos gibt es Kräfte in uns, die wir personifizieren und als „Inneren Heiler“ bezeichnen können. Hatte ich anfangs noch Vorbehalte gegenüber solch „mysteriösen Gestalten“, ist mir heute ein ganzes Team von inneren Helfern, Beratern, Führungskräften, Impulsgebern und Beschützern vertraut. In meiner Arbeit als Coach versuche ich eigentlich nicht mehr, als die jeweiligen Selbstheilungskräfte meiner Klienten anzuregen. Und wenn ich selbst wieder einmal steckenbleibe und mich dann von meinen eigenen Beratern unterstützen lasse, dann erlebe ich, dass ihre Impulse nur deswegen greifen, weil es offenbar ein Vermögen in mir gibt, sie zu integrieren. Entwicklung, Wachstum und Ganzwerdung geschehen also da, wo bereits eine innere Bereitschaft zur Aufnahme fördernder Impulse vorhanden ist. Die eigentliche Kompetenz zum Wachsen liegt somit im Klienten. Als Therapeuten können wir Wachstum nicht machen, wohl aber für unsere Klienten wachstumsfreundliche Räume bereitstellen.

Besonders spannend ist nun, dass wir für die meisten Fälle gar keine Anstöße von außen brauchen. So wie wir nicht bei jedem Wehwehchen gleich zum Arzt rennen, lösen wir die meisten Probleme auch ohne Therapeuten oder Coach.
Achten Sie einmal darauf, was Sie in Ihrem ganz normalen Tagesablauf, in Ihrem Familienleben, Ihrer Partnerschaft oder an Ihrem Arbeitsplatz intuitiv alles richtig machen. Wo gehen Sie von sich aus achtsam, fürsorglich und mitfühlend mit sich und anderen um? Hier erkennen Sie leicht Ihren inneren Autopiloten, mit dessen Hilfe Sie geschickt durch den Alltag navigieren. Dies ist bereits eine Form des Inneren Heilers – er sorgt dafür, dass wir heil bleiben, beziehungsweise dort heilen, wo wir es noch nicht sind. Manche Menschen sind von Beginn an mit dieser Instanz verbunden, andere – zu denen auch ich gehöre – mussten es erst lernen, ihre Intuition zu entdecken und auf diese Ressource zu vertrauen.

Mir haben sich durch Meditation, Achtsamkeits-praxis sowie Körper- und Energiearbeit die Tore zu diesen inneren Räumen geöffnet – wenn mein Geist leer wird, tauchen oft die besten Ideen auf. Ohne dass ich irgendetwas mache, erscheinen dann Lösungen von Problemen, und ich erfahre die Fülle des Universums, das mich gerade von wo auch immer her mit seiner Intelligenz beschenkt. In solchen Momenten sind wir mit „wissenden Feldern“ verbunden, mit transpersonalen Bewusstseinsräumen, aus denen wir Antworten auf ungelöste Fragen erhalten. So paradox es klingt: Der Weg nach innen führt über uns hinaus und verbindet uns mit überpersönlichen Ebenen – auch mit dem Bewusstseinsfeld des Heilen und Ganzen, aus dem wir unsere unbewussten Vorstellungen von Heilsein und Ganzheit empfangen.
Der erste Schritt, den Heiler in uns zu aktivieren, geht über die Beziehung zu uns selbst. Er besteht im Innehalten, Hinspüren, Nichtstun: Indem wir still werden und uns selbst belauschen, lernen wir den Stimmen unser inneren Berater zuzuhören.

Im zweiten Schritt können wir diese Kräfte dann in unsere Beziehungen zu anderen integrieren. Denken Sie einmal an Ihre Partnerschaft:

Steht Ihre Beziehung unter einem „guten Stern“?
Was passiert, wenn Sie sich einmal in eine auswegs-los scheinende Situation verrannt haben?
Werden Sie dann kreativ?
Von woher tauchen lösende Impulse auf?
Welche Fähigkeiten nutzen Sie dann?
Vertrauen Sie auf einen „guten Geist“, der Sie führt und Ihre Verbindung schützt?


Wahrscheinlich wissen Sie auch hier viel mehr, als Ihr Verstand Ihnen auf den ersten Blick erzählen möchte. Spüren Sie im Konfliktfall, wann es Zeit wird, einen Streit herunterzufahren? Bitten Sie Ihren Partner um eine Auszeit, wenn Sie emotional überfordert sind und gerade nicht mit ihm reden können? Sprechen Sie das Thema zu einem günstigeren Zeitpunkt wieder an? Machen Sie Versöhnungsangebote, wenn Sie Ihren Partner verletzt haben?

Allzuoft lösen Konflikte mit dem Partner so großen Stress aus, dass wir darauf nur mit Ärger oder Ablehnung reagieren können. So erzeugen wir aber nur noch mehr Stress. Angenommen, Sie verbinden sich in einer solchen Situation mit Ihrem Inneren Heiler und schauen erst einmal nach innen: Was würde dann geschehen? Sobald Sie gelernt haben, die Spannung auszuhalten und bei sich zu bleiben, verändert sich die ganze Dynamik. Wenn einer von zwei streitenden Partnern gelassen bleibt und sich nicht in das Drama des anderen verwickeln lässt; wenn er einfach nur präsent ist und auf Verurteilungen und Vorwürfe verzichtet, dann kommt der andere mit der Zeit wieder zu sich und findet einen neuen Zugang zu der ganzen Situation. Wie Neurobiologen herausgefunden haben, synchronisieren sich unsere Gehirne während konfliktreicher Begegnungen „von selbst“ – und zwar in Richtung des Entspannten, sofern der Entspannte seinen Zustand hält. Unsere Organismen regulieren sich selbst – der Gestresste nähert sich allmählich dem Entspannten an – der entspannte Zustand ist fürs Gehirn einfach attraktiver, gesünder, heiler. Das Positive ist also langfristig stärker als das Negative, wenn ich es schaffe, in einer schwierigen Situation einigermaßen gelassen zu bleiben. Nachdem ich das ein paar Mal erlebt und am eigenen Leib erfahren habe, hat sich mein Bild von menschlichen Beziehungen grundlegend verwandelt: Wir können die gewohnte Opfer-Täter-Opfer-Dynamik hinter uns lassen. Wir können uns für die Liebe entscheiden und uns so in Einklang mit den natürlichen Heilbewegungen des Lebens bringen. Es war wie ein Wiedererkennen meiner Seele:

Wir sind geboren, um unsere wahre Natur, die Liebe, zu verwirklichen – nicht um einander das Leben schwer zu machen.

Wenn ich einen Streit mit meiner Partnerin konstruktiv löse, schaffe ich, schaffen wir eine kleine Insel des Heilsamen zwischen uns beiden. Das Heilsame, das sich hier zeigt, ist Ausdruck unserer Essenz, unserer wahren Natur – und weitaus mehr als ein zufällig erreichter Glücksmoment.

Und noch etwas wurde mir klar: Ich kann nur leiden, weil es ein tieferes Wissen in mir gibt, dass im Leben anderes möglich ist. Wo ich leide und mich un-heil fühle, weiß ein anderer Teil in mir bereits, dass es mich auch heiler, ganzer und lebendiger gibt. Er signalisiert mir, dass es an der Zeit ist, meine Potenziale weiter zu entfalten, kraftvoller zu werden, tiefer einzutauchen ins Leben und seine Zumutungen. Insofern lohnt es sich immer, innezuhalten und dem tieferen Sinn des Leidens auf die Spur zu kommen.


Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und -Therapeut und arbeitet als Paarberater und Single-Coach in Berlin.
Weitere Informationen unter www.jochen-meyer-coaching.de


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